Unentschieden
Das DFB-Team hat sich von der niederländischen Elf mit 2:2 getrennt. | Foto:  Federico Gambarini

Nations League

Elftal verdirbt Müller-Jubiläum: Spätes 2:2 im Klassiker

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Gelsenkirchen (dpa) – Dieser Abschluss passte zum völlig verkorksten Jahr 2018. Nach schwungvollem Spiel, der 2:0-Führung und zahlreichen vergebenen Chancen verspielte die deutsche Nationalmannschaft beim 2:2 (2:0) im Klassiker gegen die Niederlande in der Endphase noch den sicher geglaubten Sieg.

Timo Werner (9. Minute) und Leroy Sané (20.) hatten die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw im letzten Nations-League-Spiel in Führung gebracht; Quincy Promes (85.) und Kapitän Virgil van Dijk (90.) glichen aber noch aus.

Damit verdarben die Niederländer den Deutschen den Jahresabschluss und Thomas Müller das 100er Jubiläum. Nach dem bitteren Abstieg aus der Top-Gruppe der Nations League muss das DFB-Team nun auch noch um den Platz im besten Lostopf der EM-Qualifikation zittern. So drohen womöglich am 2. Dezember bei der Auslosung in Dublin schwere Gegner wie Frankreich, Spanien oder England. Nur bei einem Sieg Portugals gegen Polen am folgenden bleibt dieses Szenario erspart.

Dabei hatte der in Russland noch brutal abgestürzte Ex-Weltmeister vor 42.186 Zuschauern in Gelsenkirchen trotz des bitteren Abstiegs aus der Top-Gruppe der Nations League lange Zeit große Leidenschaft, Entschlossenheit und Spielfreude demonstriert. Doch der späte Ausgleich war irgendwie bezeichnend für das Jahr 2018. Damit schafften die Niederländer im letzten Spiel des neu geschaffenen Wettbewerbs in letzter Sekunde den Sprung ins Final Four und verdrängten Weltmeister Frankreich auf Platz zwei.

«Ich bin enttäuscht über das Ergebnis. Über die gesamte Spielzeit haben wir aber mehr Positives als Negatives gesehen. Wir sind am Ende bestraft worden. Das ist natürlich bitter. Es zieht sich ein bisschen durch das Jahr», sagte Löw und ergänzte: «Es ist manchmal auch der Preis, den man bezahlen muss. Es ist eine relativ junge Mannschaft.»

Ähnlich sah es Real-Star Toni Kroos. «Wir haben den Deckel nicht draufgemacht. Als Mannschaft hätte uns ein Erfolgserlebnis gut getan», haderte der Mittelfeldspieler und Werner ergänzte: «Ein 2:0 darf man fünf Minuten vor Schluss nicht mehr hergeben. Es ist schade, bis zum 2:1 hatten wir alles im Griff, dann bekommen wir das dumme 2:1. Dass wir noch das 2:2 bekommen, ist bitter.»

Dabei lief zunächst alles nach Plan. Die Abkehr vom Ballbesitz-Fußball und die Fokussierung auf blitzartige Angriffe mit dem deutschen Turbo-Sturm funktionierte lange Zeit gut. Insbesondere Sané stellte in seiner alten Schalker Heimat die niederländische Defensive vor große Probleme. «In der Verfassung bin ich mit ihm sehr zufrieden», sagte Löw. Aber auch die Dreier-Abwehrkette zeigte sich gut eingespielt. Außerdem verlieh die Hereinnahme der beiden erfahrenen Ex-Weltmeister Mats Hummels und Toni Kroos im Vergleich zum Russland-Spiel (3:0) vor vier Tagen dem deutschen Team Stabilität.

Die Löw-Elf erwischte einen optimalen Start. Schon nach neun Minuten setzte Werner nach Zuspiel von Gnabry den Ball aus 20 Metern mit einem satten Schuss ins Tor und beendete damit seine Torkrise. Vor gut fünf Monaten hatte der Leipziger letztmals im Testspiel gegen Saudi-Arabien getroffen. Und es kam noch besser: Ein langer Ball von Kroos verarbeitete Sané glänzend. Sein von Kenny Tete abgefälschter Schuss gab Oranje-Schlussmann Jasper Cillessen erneut das Nachsehen.

Es folgten noch weitere gute Szenen, insbesondere Gnabry verpasste mit einem Kopfball den dritten Treffer (40.). Gefährlich wurde es auch immer wieder, wenn der Hoffenheimer Nico Schulz zu Tempo-Vorstößen über die linke Seite ansetzte.

Trotz des guten Auftritts wollte aber bei geschlossenem Dach keine rechte Stimmung aufkommen. Viele Plätze waren wie schon in Leipzig leer geblieben und auch sonst gaben sich die deutschen Anhänger als Reaktion auf die «Ohrfeige» (Löw) sehr zurückhaltend.

Und die Holländer? Die Mannschaft von Bondscoach Ronald Koeman, die noch am Freitag Frankreich die erste Niederlage nach dem Triumph von Russland zugefügt hatte, vermochte bis in die Schlussphase ihre Schnelligkeit nicht auszuspielen. Memphis Depay, der Held beim 3:0 im Hinspiel kam kaum zum Abschluss. Bezeichnend, dass sein Freistoß in aussichtsreicher Position in der Mauer hängen blieb (15.). Gefährlicher war da eher noch eine Kopfball-Abwehr von Niklas Süle, die beinahe seinen Münchner Kollegen Manuel Neuer überrascht hätte (34.).

Die erste Chance im zweiten Durchgang besaß erneut Deutschland durch Werner, als er Cillessen prüfte (46.). Und der Leipziger war es auch, der dem überforderten Tete davonlief und den Ball frei vor Cillessen neben das Tor setzte (62.). Danach war für Werner Schluss, stattdessen kam der Dortmunder Superstar Marco Reus ins Spiel (63.) . Aufgrund einer Fußprellung hatte Löw den BVB-Kapitän geschont.

Kurz darauf erhielt Müller seinen großen Moment, als er für Gnabry ins Spiel kam. Der Bayern-Profi ist erst der 14. Spieler, der es in den «Club der Hunderter» geschafft hat. Und das in gerade einmal achteinhalb Jahren. Im März 2010 hatte Müller gegen Argentinien sein Debüt gegeben. Nur sein 39. Tor blieb ihm vergönnt, auch wenn Reus ihm direkt ein Tor auflegen wollte, was aber misslang (69.).

Erst in der Schlussphase brachte sich die deutsche Mannschaft durch Nachlässigkeiten um den Lohn der Arbeit. Nach dem Anschlusstor von Promes warf Oranje alles nach vorn und traf noch zum Ausgleich.

Timo Werner (r) jubelt nach seinem Tor zum 1:0 – links steht Daley Blind aus den Niederlanden. | Foto: Ina Fassbender
Niklas Süle (r) kämpft gegen den Niederländer Ryan Babel um den Ball. | Foto:  Ina Fassbender
Leroy Sane (l) feiert mit Nico Schulz seinen Treffer zum 2:0 gegen die Niederlande. | Foto: Marius Becker
Zwei Fans unter den vielen Zuschauern halten ein Transparent mit der Aufschrift «Löw Raus». | Foto: Marius Becker
Torwart Manuel Neuer kann den Anschlusstreffer der Niederländer zum 2:1 nicht verhindern. | Foto:  Ina Fassbender
Fußball: Nations League A, Deutschland – Niederlande, Gruppenphase, Gruppe 1, 6. Spieltag. Thomas Müller aus Deutschland. | Foto: Marius Becker