Überraschender Sieger
Die Spieler von Eintracht Frankfurt feiern im leeren Stade Vélodrome ihren Sieg über Olympique Marseille. | Foto:  Claude Paris/AP

Europa League

Genugtuung & Schreihälse für Frankfurt: «Können halt Europa»

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Marseille (dpa) – Die Europa-Spezialisten von Eintracht Frankfurt sind wieder da – und machen mit ihrem Überraschungssieg im Geistertempel von Marseille Hoffnung für den deutschen Fußball.

Das hart erkämpfte Last-Minute-2:1 bei Vorjahresfinalist Olympique Marseille ließ nicht nur die jubelnden Bosse zu «Schreihälsen» werden, sondern brachte auch eine höchstpersönliche Gratulation von DFB-Präsident Reinhard Grindel. «Ich bin stolz auf die gezeigte Leistung», lobte Trainer Adi Hütter sein Team nach dem Coup am Mittelmeer. Vorstand Axel Hellmann sagte: «Wir können halt Europa, das haben wir heute wieder gezeigt.»

Der Erfolg am Donnerstagabend beim französischen Spitzenclub soll für die bisher strauchelnde Eintracht zum Wendepunkt der noch jungen Saison werden – und gelang mit jeder Menge Wut im Bauch. «Wir haben sportlich einen Glanzpunkt gesetzt. Man kann das gar nicht hoch genug einschätzen. Es war ein Sieg der Moral», sagte Hellmann.

Es war vor allem auch ein Sieg für die Fans, die beim Geisterspiel nicht nur aus dem Stadion gesperrt wurden, sondern durch ein 16-stündiges Aufenthaltsverbot gleich aus der ganzen Stadt. «Da ist so ein Sieg der größte Lohn, den man von unserer Seite machen kann», fügte Hellmann an. Rund 500 Fans der SGE machten sich dennoch auf den Weg, feierten friedlich und dezent. «Ich finde das eine tolle Geste», sagte Hütter mit Blick auf die Fans. Ein Großteil der Anhänger verzichtete dabei auf Trikot und Schal – und traf nachts doch noch mit Präsident Peter Fischer, Vorstand Hellmann und zwei Profis zusammen.

Unmittelbar vor dem wichtigen Bundesliga-Duell mit RB Leipzig am Sonntag (18.00 Uhr) will die Eintracht den erfolgreichen Europa-Start nutzen, um auch in der Bundesliga endlich Fahrt aufzunehmen. «Es könnte möglicherweise auch eine Initialzündung sein für die Spieler», sagte Hütter. Zum angepeilten zweiten Liga-Saisonsieg könnte auch Vize-Weltmeister Ante Rebic beitragen, der zuletzt verletzt ausfiel. Der Kroate sei eine Option für den Kader, sagte der Coach.

Auch Torhüter Kevin Trapp war in den Katakomben des Geisterstadions erleichtert. «Dass wir dieses Spiel gewinnen, ist unfassbar. Es tut einfach nur gut», fügte der 28-Jährige an. Für Trapp war klar: Das Remis wäre eigentlich schon genug der Belohnung gewesen.

Dass der Sieg nach Treffern von Lucas Torro und Joker Luka Jovic recht glücklich ausfiel, war Profis und Verantwortlichen herzlich egal. «Ein Spiel zu drehen, tut immer gut. Für die Moral war das überragend. Für die Seele ist das richtig gut», sagte Danny da  Costa. Für Jovic, der in der Sturmspitze gegen Sebastien Haller um einen Stammplatz kämpft, hatte Hütter ein Extra-Lob parat: «Im Sechzehner ist er einer der Besten, die ich je gesehen habe.»

Auch wenn es spielerisch weiter hakt, lehrte die Partie gegen das Team um internationale Stars wie Dimitri Payet und Florian  Thauvin: Moral und Einstellung passen. «Heute war es einfach sensationell, wie wir uns reingehauen haben. Man muss echt sagen: Chapeau», befand Trapp. «In den vergangenen Wochen fehlten noch die Resultate, heute haben wir einen Dreier eingefahren», erklärte Hütter den Unterschied zu den zuletzt glücklosen Auftritten in Dortmund und gegen Bremen.

Das Abenteuer Europa nimmt Frankfurt gerne an, Negativbeispiele wie im Vorjahr Köln, Hertha oder Hoffenheim sollen in dieser Spielzeit vergessen gemacht werden. «Für uns geht Europa erst so richtig gegen Lazio Rom los», kündigte Hellmann mit Blick auf die eigene Fanschaft und das dann ausverkaufte Stadion an.

Der Wettbewerb ist dem Pokalsieger aus mehreren Gründen wichtig. «Es gibt Orientierung, dass wir eine der besten Mannschaften auf eigenem Feld besiegt haben», sagte Hellmann. Doch ein 2:1 in Marseille bringt nicht nur Orientierung und internationale Reputation, sondern auch Begeisterung, Erfolg für den deutschen Fußball «und eine Stange  Geld», wie das Vorstandsmitglied anmerkte.