Torwart Robert Enke und Mario Eggimann beide Hannover klatschen ab
Torwart Robert Enke und Mario Eggimann beide Hannover klatschen ab | Foto: imago-images

Zehn Jahre nach Suizid

Früherem KSC-Kapitän Eggimann gehen Bilder von Enke nicht aus dem Sinn

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 „Wir waren Fans von ihm, das kann man nicht anders sagen.“ Mario Eggimann sagt es genau so. Er sagt auch, dass es ihm auch heute, zehn Jahre später, noch schwerfällt, über Robert Enke zu reden. Über seinen Mitspieler bei Hannover 96, der an Depressionen litt und der sich am 10. November 2009 im Alter von 32 Jahren am Bahnübergang im niedersächsischen Neustadt am Rübenberge-Eilvese das Leben nahm.

Eggimann, damals 28, hatte den Mann im Kasten seiner Mannschaft bewundert, „alle hatten Respekt vor ihm“, sagt er. „Er hat Dinge gemacht, die habe ich bei keinem anderen Torwart davor oder danach je gesehen.“

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Doch ohne es greifen oder in Worte fassen zu können, habe ihm im Umgang mit dem Schlussmann der deutschen Nationalmannschaft doch auch sehr oft „ein unbestimmtes Gefühl“ beschlichen, dass jener „eine Riesenlast mit sich herumtrug“. Dieser Druck schien auf undefinierbare Weise anders zu sein als der, den Eggimann kannte, weil ihn in der Szene jeder mehr oder weniger stark empfindet – in diesem Millionenbusiness, das seine Kinder unter Flutlicht auffressen kann.

Was der aushält, ist Wahnsinn

Dass Enke eine psychische Erkrankung vor seinen Mitmenschen versteckte – erst hinterher habe all das Ungreifbare an ihm so sehr Sinn ergeben. Und machte alles nur noch trauriger. Überliefert ist, dass sich Enke in vertrauterem Kreis scherzhaft als den „Rob mit dem kaputten Kopp“ bezeichnete.

Als schließlich die bestürzende Nachricht von seinem „Schienensuizid“ eintraf, seien im Verein alle „in eine Schockstarre gefallen. Sein Tod hat mit jedem Einzelnen etwas gemacht“, erinnert sich Eggimann, der zum Torwart „ein sehr gutes professionelles Verhältnis“ pflegte, nachdem er im Sommer 2008 als Kapitän des Karlsruher SC an die Leine gewechselt war.

Aber alle Spieler seien zu weit weg gewesen, Hanno Balitsch, weiß Eggimann noch, sei der mit ihm vertrauteste Spieler gewesen in jenen Tagen. Das Bild einer Begebenheit zwei Tage vor Enkes Tod ist dem Schweizer niemals aus dem Kopf gegangen. Der Keeper und er nach dem Training, die Letzten unter der Dusche. „Er drehte mir den Rücken zu und ich sah sein breites Kreuz. Ich weiß nicht warum, aber mir schoss der Gedanke durch den Kopf: Was der aushält, ist Wahnsinn.“

Große Defizite bleiben

Eggimann schätzt, dass die Sache mit Enke auch ein Grund dafür ist, „warum ich heute mache, was ich tue“: Er betreibt die Beratungsagentur „SportsTransfer“ in Sindelfingen und verfolgt mit ihr den Anspruch, Karrieren im Sport behutsam und mit Blick auf die Individualität der Talente zu fördern.

„Es geht vor allem darum, Dinge richtig einzuordnen. Das fehlt manchmal völlig“, sagt der zehnmalige Nationalspieler der Schweiz. Die Agentur arbeite „mit jungen Menschen zusammen, deren Schutz uns besonders wichtig ist“.

Es ist ja nicht so, dass der Fall Enke den Profifußball zu einem rücksichtsvolleren Gewerbe gemacht habe. Und zum zehnten Todestag Enkes kursieren sie wieder, die Klagen darüber, wie wenig doch dazugelernt wurde. „Nur der Erfolg, der Sieg zählt. In der Bundesliga ist noch kein Platz für Zweifel und Ängste“, sagte Andreas Bergmann, der damalige Trainer der Hannoveraner, der im Vorleben auch Jugendkoordinator beim Karlsruher SC (1997 bis 2001) war.

Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler sieht auch heute große Defizite in der sportpsychologischen Betreuung im deutschen Profifußball. Derweil Teresa Enke, die Witwe, mit ihrem Engagement in der Robert-Enke-Stiftung am Vermächtnis ihres Mannes arbeitet. Depressionen, sagt sie, sind heilbar. Das Schicksal ihres Mannes „sollte eine Mahnung sein, dass man mehr aufeinander achtet, sensibler miteinander umgeht, dass man mehr in sich reinhorcht und sich schneller Hilfe holt.“