Ticket, Bratwurst, Bier - alles virtuell versteht sich - bieten in diesen Corona-Tagen zahlreiche Sportvereine, von den Profis bis zu den Amateuren - an.
Ticket, Bratwurst, Bier - alles virtuell versteht sich - bieten in diesen Corona-Tagen zahlreiche Sportvereine, von den Profis bis zu den Amateuren - an. | Foto: Hora

Viele Amateurclubs machen mit

Geisterspiel-Tickets in der Corona-Krise: Warum Fußballfans für Kicks zahlen, die nicht stattfinden

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Wer eine Eintrittskarte für ein Fußballspiel kauft, der will was erleben: Zweikämpfe, Tore, Stadion-Feeling. Bei den Tickets, die in diesen Tagen zu Tausenden über die virtuelle Ladentheke gehen, ist das anders. Deren Anbieter machen keinen Hehl daraus, dass die Fans genau genommen nichts dafür bekommen.

Die Spiele sind reine Hirngespinste und doch boomt in Fußball-Deutschland der Verkauf von sogenannten Geisterspiel-Tickets, dazu gibt es Bratwurst und Bier – ebenfalls nur virtuell.

Bundesligist Union Berlin und der VfL Bochum aus der Zweiten Liga haben die Idee schon vor Längerem aufgegriffen, Regionalligist Lokomotive Leipzig jagt aktuell gar den offiziellen europäischen Zuschauerrekord aus dem Jahr 1937 (149.547). Inzwischen haben auch zahlreiche kleine Amateurclubs das Modell für sich entdeckt.

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Doch warum geben Fans Geld für etwas aus, das es gar nicht gibt? Hätte ein simpler Spendenaufruf nicht den gleichen Effekt?

Für 50 Euro kann man eine Clubhaus-Runde schmeißen

„Symbolisch ist da sehr wohl eine Gegenleistung da“, erklärt Gerd Nufer, Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing in Reutlingen: „Psychologisch gesehen ist es leichter, so ein Ticket zu kaufen als zu spenden.“

Auf diese Wirkung bauen auch einige Clubs aus der Region. Beim südbadischen Verbandsligisten SV Bühlertal kann man etwa neben Ticket, Bratwurst und Bier, die zu den gleichen Preisen wie bei realen Spielen angeboten werden, auch für 50 Euro eine Clubhaus-Runde schmeißen.

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„Wir sind überrascht, wie gut die Aktion angenommen wird – auch bei Leuten, die sonst nicht auf den Sportplatz gehen“, sagt SVB-Sportvorstand Thorsten Werner und ergänzt: „Das ist nicht nur eine blanke Kontonummer, sondern man kann sich eben etwas darunter vorstellen.“

Rund 800 Vereine nutzen Online-Portal in der Corona-Krise

Die Idee mit Leben gefüllt hat der Essener Kreisligist TC Freisenbruch, der am 1. April für Fußballclubs und auch für Vereine aus anderen Sportarten das Portal „Geisterspieltickets“ freigeschaltet hat.

Bis Mittwochnachmittag hatten über die Webseite rund 800 Vereine mehr als 8.000 Tickets verkauft und zudem etwa 6.000 Bratwürste und knapp 9.000 Biere abgesetzt. Mittlerweile sind auch zahlreiche Clubs aus anderen Sportarten registriert, das Gros bilden aber die Fußballer.

Launige Vorberichte zu Spielen in der „Geisterliga“

Mit dabei ist auch der Bruchsaler Kreisligist FC Odenheim, bei dem man unter anderem eine Kiste Bier für die Mannschaft in den virtuellen Warenkorb legen kann.

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Und wer ein Ticket kauft, hat beim FCO nicht nur einen ideellen Gegenwert: Die Karte gilt für das erste Heimspiel, wenn der Ball irgendwann wieder rollt. „Wir finden, die Unterstützer kann man ruhig belohnen“, sagt Torsten Witte aus der Vorstandschaft der Odenheimer, der außerdem hofft, so vielleicht auch den einen oder anderen Zuschauer zusätzlich zu gewinnen.

Um seine Anhänger auf die virtuellen Matches in der „Geisterliga“ beziehungsweise in der „Geisterklasse C“ einzustimmen, hat der FCO sogar launige Vorberichte verfasst.

Ein Hauch von Heimspiel-Feeling

Zumindest an einen Hauch von Heimspiel-Atmosphäre, die der Ticketkäufer mit erwirbt, glaubt auch Markus Geiser, Vorstandsvorsitzender des 1. CfR Pforzheim. „Das gibt den Leuten das Gefühl, dass sie doch irgendwie im Stadion mit dabei sind“, sagt er.

Um die 4.000 Karten hat der Oberligist für die virtuelle Begegnung am 5. Mai via eigenem Webshop bereits abgesetzt. Der Preis: ein Euro. Der Gegner am 124. Geburtstag des Clubs: das Coronavirus.

Als Fan kann man sich so stärker in der Community positionieren.

Sportmarketing-Experte Gerd Nufer

Auf das Gemeinschaftsgefühl verweist auch Sportmarketing-Experte Nufer: „Als Fan kann man sich so stärker in der Community positionieren und fühlt sich zugehörig.“ Generell sei gerade bei den kleineren Vereinen Kreativität gefragt, um in der Corona-Krise überleben zu können.

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Mit Geisterspiel-Tickets alleine dürfte das aber langfristig nicht funktionieren. „Das ist am Anfang ein gewisser Gag, aber eine ganze Saison lang machen Fans das natürlich nicht mit“, sagt Nufer.