Kandidiert er als KSC-Präsident oder doch nicht? Vize Holger SIegmund-Schultze. | Foto: GES

Im Interview

Nach dem Wellenreuther-Rücktritt steht KSC-Vize Siegmund-Schultze plötzlich im Mittelpunkt

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Plötzlich steht Holger Siegmund-Schultze dort, wo er in den vier Jahren als Vize-Präsident beim Karlsruher SC nie stand: im Mittelpunkt. Die ihm nach dem Rücktritt von Ingo Wellenreuther zuteil werdende Aufmerksamkeit nimmt der 53 Jahre alte Unternehmer sachlich und nüchtern an. Unser Redaktionsmitglied René Dankert befragte den Karlsruher zu seinen Ansichten, wie es mit dem KSC aufwärts gehen soll und ob er dabei mehr sein will, als nur dritte Mann neben einem neuen Clubchef und Vize Günter Pilarsky.

Herr Siegmund-Schultze, 94 Fragen stellten Mitglieder bei der außerordentlichen Online-Versammlung an die KSC-Entscheider im Chat. Wie war das für Sie als Versammlungsleiter am Freitag, nur mit einer Kamera vor sich?

Holger Siegmund-Schultze: Ich habe es locker genommen und mir gedacht: „Mensch, jetzt machen wir das als erster Profiverein. Selbst wenn das jetzt nicht so sauber abläuft.“ Mich hat die Resonanz gefreut. In der Spitze waren es 2.240 Leute. Es war eben ungewohnt.

In der Halle steht einer am Mikro und da wird es manchmal emotional, diesmal hatten wir mehr Gelegenheiten sachlich und informativ zu antworten. Ich vermute auch, dass relativ viele junge Leute teilgenommen haben, bei denen ich dann die Fragen etwas umformulieren musste. Die fingen dann schon mal mit „Hallöchen“ an.

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Der Rücktritt Ingo Wellenreuthers liegt keine Woche zurück. Es gibt Beobachter, die Sie als möglichen Nachfolgekandidaten kommen sehen. Wie stehen Sie dazu?

Ich werde mich damit befassen. Aber ich bin nicht ungern im Hintergrund – und das sage ich nicht aus Koketterie. Ich fühle mich in meiner Rolle wohl. Ich werde mir das überlegen, wenn auch nicht zu lange.

Erst einmal habe ich mich nur darüber gefreut, dass wir am Freitag die Insolvenz vermeiden konnten und der Auftritt der Mannschaft hat auch gepasst. Das muss man etwas genießen. Wie Sie sich vorstellen können, waren die Wochen davor wahnsinnig intensiv.

Da war der Politiker und Günter Pilarsky, der Mann mit dem Geldkoffer. In der Wahrnehmung vieler Beobachter waren Sie seit Ihrer Wahl im Herbst 2016 „Der dritte Mann“, der Ex-Manager der Newport-Gruppe „mit dem Doppelnamen“, der irgendwie auch da war. Wie sieht Ihre berufliche Situation und damit Ihr Zeitbudget aktuell aus?

Ich habe eine eigene Firmengruppe, die Immobilien besitzt und entwickelt. Wir machen das in Berlin, Köln und Karlsruhe.

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Sie sind in derselben Branche tätig wie Martin Müller, der im Herbst 2019 Wellenreuther unterlag und mit dem „Bündnis KSC“ nun dessen Rücktritt erzwang. Wie ist Ihr Verhältnis?

Wir haben nur wenig miteinander zu tun. Während unserer gemeinsamen Zeit im KSC-Verwaltungsrat hatten wir einen relativ guten und engen Kontakt. Wir hatten uns aber nach Herbst 2019 etwas aus den Augen verloren, weil er dort wegen seiner Kandidatur ausgeschieden war. Mir wäre es lieber gewesen, er wäre im Verwaltungsrat in Funktion geblieben, weil er dort oft frische Impulse eingebracht hat.

Wellenreuther sah sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, er mische sich zu viel ein, sei kein „Teamplayer“. Welche Führungskultur sehen Sie als die richtige an?

Man sollte die Verantwortung dort lassen, wo die Kompetenz ist. Ich habe drei Unternehmen, die ich leite – alle mit eigenständigen Geschäftsführern. Eine Frage des Rollenverständnisses. Unternehmern fällt das etwas leichter, sie sind es nicht anders gewohnt. Man kann Herrn Wellenreuther deshalb keinen Vorwurf machen.

Als Vize-Präsident haben Sie die bisherige Vereinpolitik ja mitgetragen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Sie haben recht. Ich war natürlich Teil des Problems oder vielmehr des Misserfolgs, weil eben im Gremium. Es hilft auch nichts hinterher zu sagen: „Da habe ich aber doch dagegen gestimmt, und da war ich auch nicht dafür.“ Selbstverständlich ist es so, dass wir uns da teilweise nicht einig waren.

Dennoch sage ich mit umso größerem Impetus: Ich bin einer der Protagonisten des seit zwei Jahren angelaufenen Veränderungsprozesses. Mich kickt nichts mehr als Erfolg und die Loyalität gegenüber einer Aufgabe. Ich habe nie verstanden, wie man Misserfolge als Protagonist aushalten kann.

Das Wichtigste ist, dass wir jetzt mal aus der Vergangenheit rauskommen und dass sich Menschen dafür interessieren, Präsident des KSC zu werden, bei denen man sagen kann: „Okay, die packen das auch.“

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Hatten Sie mit Wellenreuther seit dessen Rückzug Kontakt?

Nein, das ergab sich nicht. Mir ist aber daran gelegen, dass er einen guten Platz im Verein hat und nicht im Groll geht und Verbitterung. Ich weiß, dass die Gefahr in einem so emotionalen Geschäft groß ist. Ich wünsche mir sehr, und das habe ich mit Herrn Pilarsky auch besprochen, dass er sich bei der nächsten regulären Mitgliederversammlung in der Halle von seinen Mitgliedern verabschieden und noch mal zu ihnen sprechen kann.

Worauf wird es besonders ankommen, damit der Karlsruher SC aus seiner unerfreulichen Spirale ausbrechen kann?

Das ist so ein Spannungsfeld. Man sagt ja immer, man wolle zu den Dingen zurückkehren, die uns ausmachen. Meine Hauptwahrnehmung ist, dass der KSC in den letzten 15, 20 Jahren so viel Entwicklung gegenüber anderen Clubs verloren hat.

Die DFL-Berichte werden jedes Jahr mit höheren Einnahmesummen versehen. Der KSC schaffte es nicht, Schritt zu halten. Im Gegenteil. Wir haben trotz günstigster Rahmenbedingungen gegenüber anderen Cluba in Baden-Württemberg Boden verloren, und ich würde mal sagen: Da müssen wir jetzt nach innen schauen.

In unserer Region mit diesen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sollte viel möglich sein. Die Voraussetzungen stimmen. Wenn man das mal erkannt hat, gibt es so viele Ansätze, so viele tiefhängende Früchte, die man ernten kann.

Aus dem KSC-Präsidium hieß es doch aber seit Jahren, dass Fortschritte erst mit dem neuen Stadion zu erzielen seien…

Lassen Sie mich es so sagen: Wenn man mal bei einem Auswärtsspiel in Heidenheim war, die haben ein deutlich schlechteres Stadion als wir im alten Wildpark, sind aber trotzdem erfolgreicher. Das Stadion als Entschuldigung oder Begründung für Misserfolg, fand ich immer zu schwach.

Zu argumentieren, dass im neuen Stadion alles besser wird, war für mich auch immer ein logischer Fehlschluss. Wir können ja erst mal alle anderen Teilbereiche perfekt machen, bevor wir die einzige Komponente nehmen, die noch nicht perfekt ist und die für alles verantwortlich sein soll, was nicht läuft. Mir wäre das zu wenig Selbstverantwortung.

Sie hatten bei der Pressekonferenz nach der MGV das öffentlich bekundete Interesse von Winfried Schäfer an einer Rückkehr in sportlich verantwortlicher Funktion damit abgetan, dass jemand in der Geschäftsstelle sicher mit ihm sprechen werde, aber dass dies dann sicher keiner der Vize-Präsidenten sein werde…

… das Thema wird schon viel zu sehr überstrapaziert. Hinter meiner Reaktion steckt, dass ich mir gegenüber den Personen, die bei uns arbeiten, den Respekt gewünscht hätte, den sie verdienen.