Hoch hinaus wollen die Katarer auch architektonisch, stylishe Wolkenkratzer schießen in Doha aus dem Boden. Foto: Qatar National Tourism Council
Hoch hinaus wollen die Katarer auch architektonisch, stylishe Wolkenkratzer schießen in Doha aus dem Boden. Foto: Qatar National Tourism Council

In vier Jahren beginnt die WM

Katars Fußballmärchen in der Wüste

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Wie nähert man sich einem Gastgeber, auf dessen Einladung niemand gewartet hatte – erst recht nicht für eine Verabredung im Winter? Am besten – so sollte sich herausstellen – in einem knapp 200 Meter hohen Wolkenkratzer mitten in Doha.

Der Al Bidda Tower, einer jener stylishen Kolosse, die seit Mitte der 1990er Jahre in Katars Hauptstadt nur so aus dem Boden schießen, beherbergt auf der 14. Etage das Organisationskomitee für die WM 2022, die an diesem Mittwoch in exakt vier Jahren beginnt. An jenem Samstagvormittag öffnet das Komitee für eine Journalistengruppe aus dem fernen Deutschland seine Tore.

Klimatisierte Arenen und Fancamps in der Wüste

Die Annäherung beginnt in einem futuristisch eingerichteten Oval, auf weißen Ledersofas vor einer orange-rötlich illuminierten Wand. Gekommen sind zwei junge Männer, die sich als Quilliam und John vorstellen. Die beiden Mitarbeiter des Medienteams setzen ihren Gästen allerhand Erstaunliches vor – getreu dem WM-Motto „Deliver amazing“. Zwischen computeranimierten Infostationen, aufwändig designten Stadionmodellen und dezent illuminierten Schaukästen erzählen die beiden Briten von klimatisierten Openair-Arenen, von Fancamps in der Wüste, von gezüchtetem Rasen – und schwärmen von einem Megaevent mit olympischem Flair.

Fußballverrückte Katarer?

Und der Fußball? Nach dem seien die Katarer verrückt, versichert Quilliam: „Wenn die Champions League läuft, bekommt man in den Shisha Bars keinen Platz mehr.“ Die heimische Liga? Ja, die sei noch ausbaufähig. Zu einem Punktspiel kommen oft nur wenige Hundert Zuschauer. Die Leidenschaft für das runde Leder, die sei aber schon hier, meint auch John. Zum Beweis führt der junge Engländer, der WM-Poloshirt, Trainingshose und Sportschuhe trägt, die Gruppe an Schautafeln vorbei, die Einblick in Katars Fußballhistorie geben. „1960: Gründung des Fußballverbandes“ steht dort oder „1973: Gastspiel des FC Santos mit Pelé“. Dazu die Meriten als Gastgeber: Tischtennis-WM 2004, Asienspiele 2006, Handball-WM 2015. Im kommenden Jahr küren die Leichtathleten im Khalifa Stadion von Doha ihre Weltmeister.
Katar, die fußballverrückte Sportnation?

Beduinenzelt trifft „Lego-Stadion“

In jedem Fall ein Gastgeber mit spektakulären Stadien. Al Bayt etwa wird einem gigantischen Beduinenzelt gleichen, Al Wakrah an die Segel der traditionellen arabischen Dhowboote erinnern. Und Ras Abu Aboud besteht im Wesentlichen aus Stahl – und Schiffscontainern. Das „Lego-Stadion“ soll nach dem Turnier abmontiert und anderswo wiederaufgebaut werden. Auch die Kapazität anderer Arenen soll dann deutlich schrumpfen, denn zu den Spielen der Qatar Star League verirren sich oft nur wenige Hundert Zuschauer. Ein weiterer Pluspunkt des Wüstenstaates: Die Wege in Katar, nur halb so groß wie Hessen, sind kurz. Mit der Metro, die gerade entsteht, oder dem Bus brauchen die Fans von einer Arena zur nächsten höchstens eine Stunde. Wer will, kann sich an einem WM-Spieltag drei Partien anschauen.

Vor wenigen Jahrzehnten fast nur Wüste

Wo schon bald die neuen Spielstätten stehen, war noch vor wenigen Jahrzehnten nicht viel mehr als Wüste. 1950, damals noch von Großbritannien kontrolliert, leben in Katar gerade einmal 25.000 Menschen. Als man Anfang der 1970er Jahre in dem mit Öl gesegneten Emirat zudem eines der größten Erdgasfelder der Welt entdeckt, kommt das große Geld – und mit ihm ein wahnwitziges Wachstum, das bis heute andauert. Die Bevölkerung nähert sich heute der Drei-Millionen-Marke, doch nur jeder Neunte ist Katarer. Gerade Gastarbeiter – Inder, Nepalesen, Philippiner, Ägypter etwa – versuchen, vom sagenhaften Reichtum der Scheichs zu profitieren.

Anhaltende Kritik an Arbeitsbedingungen

Mehr als 30.000 Menschen arbeiten für die WM-Kampagne. Tausende schuften, um die sieben neuen Stadien in die Höhe zu ziehen – für nicht wenige ein Martyrium. Seit Baubeginn sollen mehrere Hundert Arbeiter ums Leben gekommen sein, der Internationale Gewerkschaftsbund spricht von moderner Sklaverei. Der scharf kritisierte Gastgeber hat reagiert: Den Sponsoren, welche die Arbeiter unter Vertrag nehmen, wurde es verboten, diese an der Ausreise oder an einem Jobwechsel zu hindern. Die Gehälter müssen mittlerweile elektronisch bezahlt werden.

Und obwohl auch UN-Experten Fortschritte sehen, legen Berichte von den Baustellen weiterhin unhaltbare Zustände bloß: Arbeiter, die ihre Pässe abgeben mussten, die in der Mittagshitze schuften, die zu siebt in ein Zimmer gepfercht leben. Im August wird ein weiterer Todesfall bekannt. Über der WM liegt ein Schatten – auch weil sich hartnäckig Vorwürfe halten, die Vergabe sei nicht mit rechten Dingen zugegangen.

Wer ein Bier will, bekommt auch eines

Auch auf der 14. Etage des Al Bidda Towers widmet man sich dem Wohl der Arbeitskräfte. Auf einer Tafel heißt es „Jeder Arbeiter verdient Sicherheit, Gesundheit und menschliche Arbeits- und Lebensbedingungen.“ Daneben das Bild eines zufrieden dreinblickenden jungen Mannes mit Helm, Schutzbrille und Warnweste. Die beiden Medienleute versuchen zu beschwichtigen. „Ohne die WM würden die Reformen zwei-, dreimal so lange dauern“, vermutet Quilliam.

Und dann ist da noch eine ganz andere Frage: Wird 2022 in dem muslimischen Land Alkohol ausgeschenkt? „Wenn du ein Fan bist, der beim Fußball ein Bier haben möchte, bekommst du eines“, sagt Quilliam. Die WM kann kommen.

Die BNN haben für die Ausgabe von Mittwoch, 21. November, eine komplette Sonderseite zur Fußball-WM in der Wüste erstellt. Die digitale Ausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten kann unter diesem Link 14 Tage lang kostenlos getestet werden.