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Amateurfußball

Kein Anpfiff wie jeder andere: Der Amateurfußball beendet die Corona-Pause

Nach monatelanger Corona-Pause rollt im Amateurfußball wieder der Ball im Pflichtspielmodus. Mit den Erstrunden-Spielen in den Pokal-Wettbewerben endet damit dieses Wochenende eine lange Durststrecke – nicht nur für die Spieler.

Zwangspause beendet: In der ersten Runde des BFV-Pokals besiegte am Freitagabend der TSV 05 Reichenbach den KIT Sport-Club 2010 mit 2:0 (1:0). Für die Gastgeber trafen Fabio Scherer (5. Spielminute, Elfmeter) und Daniel Beer (56.). Foto: Helge Prang

Nach monatelanger Corona-Pause rollt im Amateurfußball wieder der Ball im Pflichtspielmodus. Mit den Erstrunden-Spielen in den Pokal-Wettbewerben endet damit dieses Wochenende eine lange Durststrecke – nicht nur für die Spieler. Auch für die Zuschauer oder Schiedsrichter, für Trainer, Funktionäre und Betreuer ist der Start in die neue Saison, in der es Anfang September dann auch in den Ligen losgehen soll, ein ganz besonderer. Die BNN haben vor dem Anpfiff sechs Stimmungsbilder eingeholt.

Der Funktionär

Ein besseres Los hätte sich Wolfgang Lehel nicht wünschen können. „Das ist natürlich ein absoluter Knüller“, sagt der Vorstand Fußball vom SC Neuburgweier. Für Lehel und seinen SC endet die Corona-Pause am Sonntag (17.30 Uhr) mit dem Kreispokal-Duell gegen den Lokalrivalen TV Mörsch maximal attraktiv. Die Vorfreude auf den Wiederbeginn vervielfacht sich durch das Derby noch.

Vorstand Fußball Wolfgang Lehel Foto: privat

„Ich bin gespannt, wie viele Zuschauer kommen“, sagt Lehel. Er rechnet mit rund 200. Und damit mit viel Arbeit, denn die Daten jedes Besuchers müssen dokumentiert werden. „Es gibt viele Dinge zu beachten“, stellt der 57-Jährige fest. Ungeachtet aller Auflagen sei die Freude aber „riesengroß“, dass der Ball endlich wieder rollt.

„Das war ja das Schlimmste, dass der Betrieb komplett ruhte, die persönlichen Kontakte verloren gingen“, erinnert sich Lehel an die Monate des Zwangs-Stillstands. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm das erste Training – noch ohne Kontakt, aber immerhin. „Es war ein Erlebnis, die jungen Leute wieder auf dem Platz zu sehen. Da hat man auch gemerkt, was für Auswirkungen das hat, wenn die Menschen so ausgebremst werden“, sagt Lehel, der selbst beim FC gespielt hat, „so lange die Füße mich getragen haben“.

Anfangs habe er die Pause selbst sogar als angenehm empfunden. So ein Ehrenamtsjob zehrt auch, „wenn du jedes Wochenende präsent sein musst“. Aber: Je länger es ging, desto mehr hat der Fußball gefehlt, war da die Sehnsucht nach dem Spiel und danach, mit all den Leuten zusammenzukommen. Dass es nun schon Anfang August losgeht mit dem Pflichtspielbetrieb, das war nicht abzusehen, „das hätte ich nicht gedacht“, sagt auch Lehel vor dem Knüller zum Wiederbeginn.

Der Spieler

Dass diese Vorbereitung eine spezielle ist, das merkt Marian Störner nicht alleine daran, dass er sich in der Kabine nur mit zwei weiteren Spielern umziehen darf und dort dann auch eine Maske trägt. Nein, er merkt es auf dem Platz. „Die Freude, dass es wieder losgeht merkt man schon am Zuspruch im Training. Wir haben einen sehr guten Trainingsbesuch”, berichtet der Kapitän des VfR Ittersbach. Der Stillstand hat also die Lust auf den gemeinschaftlichen Kick wieder verstärkt.

Marian Störner Foto: privat

In der Zwangspause, „da hat einem schon was gefehlt”, sagt der 35 Jahre alte Spielführer des B-Klasse-Clubs. Die Mannschaftskollegen, „das ist ja schon fast wie eine Familie”. Aber in erster Linie hat das Spiel an sich gefehlt. „Klar, ich bin dann viel Rad gefahren”, erinnert sich Störner, aber als „Vollblutfußballer” wolle man eben doch auf dem Platz stehen, den Konkurrenzkampf spüren, „man will ja auch was erreichen”, sagt der Mittelfeldspieler. Sogar das Training mit Abstand habe daher Spaß gemacht.

„Wir sind alle froh, dass es jetzt schneller losgeht, als erwartet”, sagt Störner mit Blick auf die nun beginnende Pokalhatz und den für Anfang September geplanten Liga-Start. „Wir bereiten uns volle Kanne vor”, sagt der Ittersbacher Spielführer, der aber auch weiß, dass man eben nicht weiß, was Corona noch bringt. „Wir rechnen mit allem”, sagt Störner. Von Spiel zu Spiel schauen, die alte Fußballer-Weisheit gewinnt in diesen Zeiten eine neue Bedeutung. Aber erst einmal geht es los, für Störner und den VfR am Sonntag (17.30 Uhr) im Kreispokal gegen den SV K-Beiertheim aus Karlsruhe. „Gleich mal ein echter Gradmesser”, freut sich Störner auf den Anpfiff.

Der Schiedsrichter

Die Pfeife ist entstaubt, dem Anpfiff steht nichts mehr im Wege. „Man freut sich schon, wieder Gewehr bei Fuß stehen zu können“, sagt Pascal Rohwedder: „Es hat ja schon was gefehlt“. Seit 15 Jahren ist für den Schiedsrichter aus Forchheim der Samstag oder Sonntag fest als „Fußball-Tag“ verankert. Die Spiele, der Austausch mit den Kollegen, das Fachsimpeln – die Corona-Pause war auch für den 30-Jährigen eine Durststrecke. Auch wenn der Stillstand auch gut getan habe. „Es ist einem bewusst geworden, wie viel Zeit man für das Hobby investiert“, sagt Rohwedder. Aber: „Summa summarum ist man doch mit Leidenschaft Schiedsrichter.“

Schiedsrichter Pascal Rohwedder Foto: Helge Prang/GES

Die so plötzlich gewonnene freie Zeit nutzte Rohwedder für die Familie und für sportliche Aktivitäten. „Ich bin gerne wandern gegangen, viel Rad gefahren“, erzählt der Unparteiische, der bis hoch in die Verbandsliga pfeift und in der Oberliga als Assistent mit auf dem Feld steht. Und natürlich habe er sich fit gehalten. Sei es eben auf dem Rad oder mit Intervall-Läufen im Wald. Zudem standen Online-Schulungen und Online-Tests des Verbandes auf dem Pflichtprogramm für den Referee der Schiedsrichter-Vereinigung Karlsruhe.

Bei dem einen oder anderen Freundschaftsspiel hat Rohwedder schon gespürt, wie groß die Freude aller Beteiligten ist, wieder richtig spielen zu können. „Die Emotionen sind auch gleich wieder auf dem Platz“, berichtet Rohwedder, der seine direkten Ansprachen wegen Corona auf das Nötigste reduzieren will. Ansonsten ändere sich für ihn auf dem Feld nicht so viel: Klar, das klassische Einlaufen entfällt ebenso wie die Shakehands vor dem Anpfiff. Der erste nach Corona erfolgt von und für Pascal Rohwedder dieses Wochenende beim Verbandspokalspiel des TSV Wurmberg gegen den VfB Bretten.

Der Platzwart

Die lange Pause? „Das war schon mal gut so. Da war mal Ruhe“, sagt Werner Pichatzek, dessen Arbeit ja gewöhnlich mit Füßen getreten wird. Pichatzek ist Platzwart beim FV Leopoldshafen, er hatte zwar Ruhe, „aber die gleiche Arbeit“, sagt der 66-Jährige. Für die Pflege der Plätze war Corona natürlich hilfreich. „Gut“ sei deren Zustand jetzt, „besser als sonst“, stellt Pichatzek fest. Nur die Trockenheit und Hitze macht ihm wie den Plätzen zu schaffen, „das ist brutal“, sagt Pichatzek, der nach einigen Jahren beim FV Liedolsheim nun seit drei Jahren in Leopoldshafen ist.

Platzwart Werner Pichatzek Foto: Markus Gilliar/GES

Eine automatische Sprenger-Anlage gibt es nicht, Schläuche müssen hin und her geschleppt werden. Und einfach wässern, nein, das gehe auch nicht. An der einen Stelle sei der Platz fester, an anderer lockerer – das müsse alles beachtet werden, sagt Pichatzek, der alles selbst macht. „Herzblut“ für die Arbeit und den Fußball, die müsse man schon mitbringen, sagt der Thüringer. In der ehemaligen DDR spielte Pichatzek für Motor Barchfeld in der dritthöchsten Spielklasse, „hinten drin, in der Verteidigung“, erzählt er.

Er kennt sich also nicht nur mit dem Rasen aus, den er aktuell zwei Mal in der Woche mäht und auf einer Höhe von etwa fünf Millimetern hält. „Zu kurz ist bei der Hitze auch nichts, dann verbrennt er“, sagt der Mann für alles beim FVL, der wegen der Krankheit seiner Frau auch noch deren Arbeiten im Club miterledigt: „Es ist ein Fulltimejob.“ Aber wenn es dann gut läuft für den FVL auf dem Platz, der ja irgendwie auch seiner ist, dann weiß Werner Pichatzek: Auch er trägt daran seinen Anteil. Ob er sich freut, dass es wieder losgeht? „Ja, es wird Zeit.“

Der Trainer

Willy Hatz ist im Karlsruher Osten das, was man eine Institution nennt. Bei der DJK ist der 59-Jährige unter anderem Trainer, er geht in seine 25. Saison für den B-Ligisten – die Vorbereitung auf die Jubiläumsrunde ist aber unter den gegebenen Bedingungen alles andere als Routine. Klar, die Vorfreude ist vorhanden, womöglich größer als sonst. „Aber man merkt auch, dass es etwas anderes ist als vorher, und sich der eine oder andere schwer tut, wieder in den Rhythmus zu kommen”, sagt Hatz.

Willy Hatz Foto: privat

Den Zeitpunkt für den Start findet Hatz „in Ordnung”. Der Verband sei da sehr transparent und umsichtig vorgegangen, hat vieles richtig gemacht. „Hier auch mal ein Kompliment an die manchmal zu viel Gescholtenen”, sagt Hatz, dem in der Zeit des erzwungenen Stillstands all das gefehlt hat, was der Fußball für ihn ausmacht: „Die Jungs, der Ball, die Emotionen und die Kabine, das hat gefehlt”, sagt Hatz: „Einfach gesagt: Das Mannschaftsleben und das Miteinander.”

Ungewohnt war für den umtriebigen Ehrenamtlichen auch die plötzliche Freiheit an den Wochenenden. „Das war schon erstmal seltsam”, erinnert er sich und ergänzt mit dem Blick zurück. „Zuerst glaubte man noch, es geht gleich wieder weiter, aber als dem nicht so war und das Problem doch ein größeres Ausmaß nahm, als man zuerst vielleicht dachte, musste man sich damit neu auseinandersetzen.”

Recht schnell wurde dann klar, dass es im Amateurbereich wohl auf einen Abbruch der Saison hinauslaufen würde. Als es im Zuge der Lockerungen dann wieder möglich war, mit Abstand und ohne Kontakt zu trainieren, „war das ein komisches Gefühl”, sagt der DJK’ler: „Aber meine Jungs haben das sehr diszipliniert umgesetzt.” Nun also kann der Ball auch im Pflichtspielbetrieb wieder rollen. Für Willy Hatz rollt er dann weiter auf eine große Marke zu - irgendwann gegen Ende der Runde steht sein 1.050. Spiel für DJK Ost auf dem Spielplan.

Der Zuschauer

Seine Kickschuhe hat Timo Becker schon früh an den Nagel hängen müssen: Kreuzbandriss mit schwerem Knorpelschaden. Mit 22, 23 Jahren war also Schluss, „das Mitfiebern mit dem Heimatverein ist seither eine kleine Ersatzdroge”, sagt Becker. Die war ihm über Monate genommen, an diesem Sonntag ist es wieder soweit. Und natürlich wird der heute 42-Jährige hochgehen zum Platz der SG Stupferich, zusammen mit seinem dreijährigen Sohn. „Gemütlich die zweite Mannschaft gucken, dann die erste gegen Spielberg”, so ist Beckers Plan.

Zuschauer SG Stupferich Timo Becker Foto: privat

Das Spiel auf dem Rasen ist dabei der Anlass, aber nicht das Wichtigste. Das seien die sozialen Kontakte, sagt Becker. Die Gemeinschaft, quer durch die Generationen, „das ist schon familiär”, sagt der Stupfericher. Einige der Frauen sind auch stets mit dabei, die Kinder spielen zusammen. Und mittendrin das „Café Lu”, wie die SG’ler die maßgeblich von Ludwig Kunz organisierte Essens- und Getränke-Station nennen. „Kunz”, sagt Becker, „ist die gute Seele der SG”.

All das war ja schier eine Ewigkeit weggefallen, „das war schon eine blöde Zeit”, stellt der Stamm-Zaungast fest. Andererseits habe man in dieser Zeit eben auch gemerkt, welchen Wert diese Gemeinschaft hat, die sich zu normalen Zeiten in der Saison Wochenende für Wochenende am Fußballplatz trifft, bemerkt Becker, der vor kurzem zum zweiten Mal Vater geworden ist. Und sich schon darauf freut, künftig mit seinen beiden Jungs zur SG zu gehen.

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