Abklatschen mit den Ellbogen: So jubelten am Samstag auch die Profis von Borussia Dortmund im Spiel gegen Schalke 04. | Foto: AFP

Fußballer müssen kreativ sein

Keine Küsse, keine Umarmung: Wie sieht Corona-Regelkonformer Torjubel aus?

Anzeige

Was haben Torschützen in den vergangenen Jahren in deutschen Bundesliga-Stadien nicht alles angestellt, um den eigenen Treffer formvollendet zu zelebrieren. Vieles davon geht in Zeiten von Corona nicht mehr. Ihre Freude müssen die Kicker nun anders ausleben.

Früher wurden Saltos geschlagen, Trikots geschwenkt, Trainer wie auch Eckfahnen besprungen, Herzen und Schnuller geformt – und natürlich umarmt, getätschelt, geküsst. Die schier unendliche Kreativität der Torschützen und die ihrer Gratulanten wird nun auf eine harte Probe gestellt.

Vor dem Neustart hatte die Deutsche Fußball Liga (DFL) die Anweisung ausgegeben, ein Treffer solle künftig möglichst ohne Körperkontakt gefeiert werden. Sanktionen würden allerdings keine drohen.

Auch interessant: Verhalten der Familie vorgeschrieben: Für KSC-Profi Fröde endet Verständnis für Corona-Konzept an der Haustür

Manch einen Kicker sah man dennoch am vergangenen Wochenende nach vollbrachter Großtat ein wenig ratlos von dannen ziehen – mit oftmals ebenso unschlüssigen Mitspielern im Schlepptau. Wohin mit der Freude? Wohin mit dem Drang, den Mann der Stunde in die Arme zu schließen?

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

„Abklatschen“ mit Ellbogen und Fußspitzen

Andere wiederum hatten sich auf die neuen Umstände eingestellt und sich auf ein Corona-konformes Abklatschen via Ellbogen oder Fußspitzen verständigt. Wohl nicht nur Thomas Müller fand den „etwas gebremsten Torjubel“ durchaus „gewöhnungsbedürftig“.

Beim Sieg in Hoffenheim kamen sich die Hertha-Profis beim Torjubel ziemlich nahe.
Beim Sieg in Hoffenheim kamen sich die Profis von Hertha BSC beim Torjubel ziemlich nahe. Foto: dpa | Foto: dpa

Doch bei einigen ließ sich die Freude dann doch nicht so zügeln, wie sich die DFL das gewünscht hatte. Mönchengladbachs Marcus Thuram feierte seinen Treffer in Frankfurt Wange an Wange mit seinem Teamkollegen Ramy Bensebaini und auch beim Hertha-Erfolg in Hoffenheim sahen die Fernsehzuschauer Berliner Profis, die sich kollektiv in die Arme fielen und Küsschen auf die Wange verteilten.

Ausgerechnet Hertha.

Kurz vor dem Neustart hatte ein Kabinenvideo des anschließend suspendierten Salomon Kalou für Wirbel gesorgt. Gar nicht so einfach sei das mit dem kontaktlosen Jubel, findet der neue Hertha-Coach Bruno Labbadia, der am Mittwoch aber auch betonte: „Die Spieler sollen da ein Stück aufmerksamer sein und ein bisschen auf Abstände achten.“ Direkt nach dem Sieg in Hoffenheim hatte Labbadia die DFL-Empfehlung noch nicht so eng gesehen.

Mehr zum Thema: Geister-Schauspiel auf Bewährung: Re-Start fast unfallfrei

Berührungen spielen für eine Mannschaft offenbar eine wichtige Rolle

Fußballer, die sich nur noch im Zweikampf auf dem Platz nahekommen, sich sonst aber aus sicherer Entfernung begegnen – das kann sich auch Marion Müller nicht so recht vorstellen. Die Soziologie-Professorin von der Universität Tübingen hat sich in ihrer Dissertation unter anderem mit der Rolle des Körperkontakts im Profifußball befasst

Die Körperberührungen der anderen holen den Schützen wieder zurück ins Kollektiv.

Marion Müller, Soziologie-Professorin an der Universität Tübingen 

Müller sagt: „Ich habe den Fußball immer als sehr körperintensiv erlebt, auch außerhalb des Platzes.“ Sich gegenseitig zu berühren, das sei innerhalb einer Mannschaft sehr wichtig – nicht nur, aber eben auch beim Torjubel. „Die Körperberührungen der anderen holen den Schützen wieder zurück ins Kollektiv“, erklärt Müller.

Rückkehr zu einfachen, unverstellten Gesten?

Vielleicht wird aus der Corona-Not ja auch eine Tugend und die Torjubel-Choreografen finden zurück zu einfachen, unverstellten Gesten der Freude, die ein Thomas Müller in den vergangenen Jahren bereits wieder salonfähig gemacht hat. Als dessen Namensvetter Gerd in den 1960er und -70er Jahren noch den gegnerischen Torhütern das Fürchten lehrte, da galt ein Handschlag, ein kurzer Schulterklopfer als das höchste der Gefühle.

Auch interessant: Nach dem Wellenreuther-Rücktritt steht KSC-Vize Siegmund-Schultze plötzlich im Mittelpunkt

Mit der Zeit kamen sich die Protagonisten nach Torerfolgen aber immer näher und entwickelten „zunehmend ausgefeilte Jubeltechniken“, wie Soziologin Müller erklärt.

Typische Geste: So wie Bayerns Robert Lewandowski haben viele Fußballer inzwischen einen bestimmten Torjubel als Markenzeichen.
Typische Geste: So wie Bayerns Robert Lewandowski haben viele Fußballer inzwischen einen bestimmten Torjubel als Markenzeichen. | Foto: dpa

Ein gewisser Roger Milla ist daran nicht ganz unschuldig. Der damals 38 Jahre alte Torjäger wagte bei der WM 1990 nach getaner Arbeit ein Tänzchen mit der Eckfahne und ebnete so den Weg für zahlreiche Showeinlagen, die sich mittlerweile ins kollektive Fußballgedächtnis eingebrannt haben.

Miroslav Klose und seine Saltos, Cristiano Ronaldo und seine „Siii“-Jubelpose, Jürgen Klinsmann und der Diver – irgendwie gehört das zusammen. Und auch einige Bundesliga-Stars von heute – man denke an die Rührgeste von Serge Gnabry oder die verschränkten Arme von Robert Lewandowski – haben ihr Markenzeichen.

Auch interessant: Fußballfans aus der Region zwischen Vorfreude und Skepsis

Werden die DFL-Regeln zum Torjubel verschärft?

Manches davon ist auch in der sterilen Geisterspiel-Umgebung nach dem Restart noch erlaubt, manch anderes nicht. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder glaubt gar mit Blick auf die Vorbildfunktion der Akteure, dass die Liga in Sachen Torjubel noch einmal „nachschärfen“ werde.

Doch die Fußballer werden auch dann noch Wege finden, sich und ihre Torerfolge für die TV-Zuschauer, dem einzig verbliebenen Konterpart, in Szene zu setzen.

Aber vielleicht nimmt sich doch der ein oder andere ein Beispiel an einem der Helden von früher: Franz Beckenbauer reagierte auf einen Treffer nicht selten mit einer wegwerfenden Handbewegung, trabte zurück in die eigene Hälfte und wartete auf den Wiederanpfiff.