Treffen bei den Fans: Martin Müller (links) und Ingo Wellenreuther
Foto: GES / Helge Prang

Becker mit Bündnis einig

Alt-OB Seiler wünscht Wellenreuther würdigen Abgang beim KSC

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Auch 48 Stunden vor der wegweisenden außerordentlichen Mitgliederversammlung blieb offen, ob Ingo Wellenreuther mit seinem Rücktritt als Präsident des Fußball-Zweitligisten Karlsruher SC den Weg für den Einstieg einer Investorengruppe frei machen wird.

Am Mittwochabend bestätigte Geschäftsführer Michael Becker den Badischen Neuesten Nachrichten, dass aus Sicht der Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) kurz davor „die rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Einstieg des Bündnisses im Wesentlichen geklärt“ worden sind. Besagtes Bündnis macht den Rücktritt des CDU-Politikers Wellenreuther zur Bedingung, bevor es mit einem Kauf von Anteilen über sechs Millionen Euro dem von der Insolvenz bedrohten KSC hilft.

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18 Jahre ist es her, da bewahrte der radelnde Alt-OB Gerhard Seiler den Karlsruher SC vor dem Kollaps. Als Not-Präsident hatte der CDU-Mann Klinken geputzt, bis es reichte. Beim Bundesliga-Gründungsmitglied am Oberrhein hat man ihm das nie vergessen. Heute ist Seiler 89 Jahre alt.

Ich finde es nicht akzeptabel, wie mit Ingo Wellenreuther umgegangen wird.

Alt-OB Gerhard Seiler

Hilflos sieht er mit an, was sich im Club abspielt. „Ich finde es nicht akzeptabel, wie mit Ingo Wellenreuther umgegangen wird“, sagt er. „Diese Hexenjagd hat er nicht verdient. Es wäre ihm und dem KSC zu wünschen, dass man ihm einen würdigeren Abgang bereitet für das, was er für den KSC geleistet hat. Einen anderen Ausweg als dessen Rückzug sehe aber ich leider auch nicht mehr.“

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Die frühere Regierungspräsidentin Gerlinde Hämmerle (79), KSC-Freundin mit Ehrenbürgerwürde wie Seiler, findet es unverständlich, „wie ein gewählter Präsident ohne demokratisches Verfahren quasi abgewählt wird“. Auch eine Mitglieder-Initiative „PRO Wellenreuther“ trat am Mittwochabend mit einem Schreiben an Verwaltungs- und Ehrenrat des e.V. sowie an den Aufsichtsrat der KGaA in Erscheinung.

Verträge mit Investoren unterschriftsreif

Die für den Fortgang der Dinge entscheidenden Fürsprecher scheint Wellenreuther aber kaum noch zu haben. Und KSC-Geschäftsführer Michael Becker gab am Mittwochabend gegenüber dieser Zeitung das Signal, dass es alleine an Wellenreuther liegt, um den KSC die vom „Bündnis KSC“ zugesagten sechs Millionen Euro durch seinen Rücktritt zu sichern.

„Aus Sicht der KGaA sind die rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Einstieg des Bündnisses im Wesentlichen geklärt. Offen ist das personelle Thema, doch das entzieht sich meiner Handlungsfläche“, erklärte Becker. Wellenreuther kämpfte auch da noch mit sich.

Wie erklärt sich die aktuelle Lage?

Die KSC GmbH & Co KGaA, auf die die Verbindlichkeiten des eingetragenen Vereins (e.V.) nach der Ausgliederung 2019 übergingen, belasten Verbindlichkeiten von an die 30 Millionen Euro. Die Nibelungentreue des Vize-Präsidenten, Geld- und Darlehensgebers Günter Pilarsky zum polarisierenden Wellenreuther zementierte ein perfides Abhängigkeitsverhältnis. Trotz zweier Abstiege in die Dritte Liga hielten sich Kritiker im Club zurück. Im Oktober 2019 bestätigten die Mitglieder den CDU-Politiker zum dritten Mal seit 2010 im Amt. Der bei der Wahl knapp unterlegene Martin Müller gehört nun dem Bündnis an.

Was geschieht jetzt?

Ohne frisches Geld trudelt der KSC der Insolvenz entgegen. Eine solche in Eigenverwaltung, von Becker seit April forciert und von Wellenreuther abgebremst, ist für das Szenario zeitnah ausbleibender Investoren vorgesehen. Vergleiche mit den Hauptgläubigern sind vorbereitet, hieß es zuletzt. Die Deutsche Fußball Liga hatte beschlossen, die Clubs der 1. und 2. Bundesliga straffrei ausgehen zu lassen, sollten sie im Kontext der Pandemie Insolvenz anmelden.

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Das „Bündnis KSC“ gründete unterdessen eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, über die es ein Aktienpaket über sechs Millionen Euro erworben will. Wer genau wie viele Anteile will und woher die Gelder stammen, nannte Wellenreuther als Bedingung, ehe er über Rücktritt nachdenke. Erfüllt sah er diese bis zuletzt nicht. Die gegründete GbR könne zur „Verschleierung“ dienen, mutmaßte er. Weicht er nicht, sollen die Mitglieder am Freitag dem Antrag auf Eröffnung der Insolvenz in Eigenverwaltung der KSC GmbH zustimmen. Da es eine Rückhaftung des e.V. gibt, hält Wellenreuther dies für nötig. Viele Mitglieder fühlen sich davon überfordert. Sollte abgestimmt werden, besteht Gefahr einer nachträglichen Anfechtung.

Was, wenn frisches Geld ausbleibt und eine Planinsolvenz scheitert?

Dann wäre auch das Äußerste denkbar. Das jüngste Beispiel eines abgewickelten Proficlubs bot Rot-Weiß Erfurt. Ein Neuanfang in einer unteren Liga wäre laut Becker als „Worst case“ denkbar. Mit Blick auf den ursprünglich mit 121 Millionen Euro Gesamtkosten veranschlagten Stadionneubau, den die Stadt vorfinanziert und für den der Gemeinderat Ende Mai eine Verteuerung im Korridor zwischen 20 und 30 Millionen Euro beschließen muss, ein Horror-Szenario. OB Mentrup unterstützte am Dienstag offen das „Bündnis“-Angebot.

Wer steht hinter dem „Bündnis“?

Sieben regionale Unternehmen sowie zwei Privatpersonen (Toni Iemboli, Roland Weiss). Christian Fischer, Mitglied im Verwaltungsrat des e.V. sowie im Aufsichtsrat der GmbH & Co KGaA, stellte sich als Sprecher der Gruppe vor, in der Müller mit seiner GEM Ingenieursgesellschaft und er mit einem Unternehmen „in Grundung“ vertreten sind.

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Wellenreuther hatte Müller und dessen Geschäftsfreund Christoph Gröner im Umfeld der Wahlen gereizt, indem er von der Abwehr eines „Heuschrecken-Szenarios“ sprach. Für die CG Gruppe war beim KSC Mitte 2019 die Kategorie „Top-Sponsor“ ersonnen und die Trikotbrust für die Zeit nach Klaiber reserviert worden. Dessen Geschäftsführer Ralf Klaiber machte nun auch für die Saison 2020/2021 von seiner Option zur Werbung auf der Brustfläche Gebrauch.

Wie stehen die Gremien zum „Bündnis KSC“?

Mit Ausnahme des e.V.-Verwaltungsrats, in den die Müller nahestehenden Boris Liffers und Fischer sowie Thomas H. Hock vergangenen Herbst hinzugewählt wurden, bekannten sich sämtliche Gremien des e.V. und die Organe der GmbH & Co KGaA zur Annahme des Angebots. Pikant: Der von IHK-Chef Wolfgang Grenke angeführte Aufsichtsrat versagte Wellenreuther das weitere Vertrauen.

War nicht auch von Befangenheiten die Rede?

Auch das. Liffers warf Verwaltungsratschef Michael Steidl eine solche vor. Der Vorwurf, den der Ehrenrat zurückwies: Steidl habe mit seiner Stimme nicht den Mehrheitswillen des Verwaltungsrats im Beirat der GmbH & Co KGaA unterstützt. Da dies die Satzung nicht vorschreibt, stand es Steidl formal frei, sich Pilarsky und Wellenreuther anzuschließen, als er den 3:2-Beschluss gegen Beckers Tempo bei der Planinsolvenz herbeiführte. Ein privates Darlehen, das Steidl 2014 von Pilarsky annahm, beschäftigt die Gremien derweil weiter.

Wie argumentiert die Initiative „PRO Wellenreuther“?

Sie fürchtet unter anderem eine Aushebelung von 50+1. Das Lager fordert Verwaltungs- wie Ehrenrat des e.V. sowie Aufsichtsrat dazu auf, „diesen Machenschaften Einhalt zu bieten, sich klar für die Sache – die Rettung der KGaA und des Vereins – zu positionieren und Personen, die dem Verein schaden, notfalls aus diesem bzw. den relevanten Vereinsgremien auszuschließen. Im Moment geht es um den Verein – die Präsidentenfrage sollte im Nachgang im Rahmen eines demokratischen, satzungsgetreuen Prozesses adressiert werden“.