Marc Lorenz (KSC) trinkt und wirft die Flasche in den Kasten.
KSC-Profi Marc Lorenz befürchtet viele Verletzungen in den kommenden Wochen, weil so viele Spiele in kurzer Zeit anstehen. | Foto: GES

Lorenz kritisiert DFL

KSC im Trainingslager nach Corona: Angst um Gesundheit und mangelnde Ausdauer

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Der Karlsruher SC hat sein sechstägiges Trainingslager auf der Sportschule Schöneck bezogen. Dort bereitet sich die Mannschaft unter Quarantäne-Bedingungen auf die Ouvertüre der Geisterspiel-Serie am kommenden Samstag gegen den SV Darmstadt 98 vor.

Einige KSC-Profis verurteilen es, ohne größeren Vorlauf in die Zweitliga-Arenen zurückgeschickt zu werden und ihre Gesundheit zu riskieren. Den Quarantäne-Fall in Dresden hätte es aus Sicht von Marc Lorenz zu seiner Bestätigung gar nicht bedurft.

Das Wort „Marionetten“ benutzt der Berufsfußballer zwar nicht. Aber dass sich er und viele aus seiner Branche gerade fühlen wie an Seilen einer mit rücksichtsloser Zugkraft vorgehenden Deutschen Fußball Liga (DFL), verpackt der Flügelmann aus dem Team des Karlsruher SC diplomatisch.

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„Nach 60 Minuten platt“

Der 31-Jährige spricht von einem „eiskalten Start“ und offen aus, was seines Wissens viele Kicker denken, aber viel zu wenige öffentlich anbringen. Lorenz fehlen „die Vorbereitung und das Gespür für die Gesundheit der Spieler. Ich glaube, da wird gar nicht darauf geachtet“.

Es gibt verletzungsanfällige Spieler, die werden wegbrechen.

Marc Lorenz, KSC-Profi

Lorenz schwant für die anstehende Serie mit neun Partien binnen sechs Wochen nichts Gutes: „Die Spieler werden nach 60 Minuten platt sein. Da helfen auch die nun beschlossenen fünf Auswechslungen nichts. Dann wird die Übermüdung kommen und dann die schweren Verletzungen. Da wird einer auch mal in einen Zweikampf reinrutschen, ohne dass er kontrolliert reingeht. Es gibt verletzungsanfällige Spieler, die werden wegbrechen“, prophezeit Lorenz. Sportmediziner haben vor genau diesem Dilemma gewarnt.

13 Feldspieler verpflichten zum Antreten

KSC-Sportchef Oliver Kreuzer teilt Lorenz Ansicht und sagt: „Ich bin gespannt, wie viele wegbrechen. Nicht nur bei uns, sondern grundsätzlich. Das Verletzungsrisiko ist wahnsinnig hoch.“ Solange ein Verein aber 13 Feldspieler und zwei Torhüter hat, ist er verpflichtet zu spielen, erklärt Kreuzer. „Ob das Wettbewerbsverzerrung ist oder ob Teams dann überhaupt noch konkurrenzfähig sind, das interessiert nicht. Wir brauchen das TV-Geld, deshalb muss gespielt werden.“

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KSC beantragt Spielberechtigung für A-Junioren

Der Tabellenvorletzte KSC, der am Freitag das Mannschaftstraining wiederaufgenommen hat, reagierte auf die Ausnahmesituation. Obwohl er 24 Feldspieler im Profikader weiß, beantragte der KSC zwischenzeitlich die Zweitliga-Spielberechtigung für die A-Junioren Marlon Dinger, Jannis Rabold, David Trivunic und Tim Breithaupt.

Derweil steht fest, dass Boubacar Gueye (Knöchel) und Kyoung Rok-Choi (im Aufbau) für die Partie am Samstag gegen den SV Darmstadt 98 nicht einsetzbar sein werden.

Der Tabellensechste aus Südhessen war einen Tag früher als der KSC wieder mannschaftlich geschlossen auf dem Trainingsplatz präsent. Seit Mitte März hatten die Teams sich darum bemüht, in Schuss zu bleiben.

Eichner lässt einmal an voller Spielzeit kratzen

KSC-Cheftrainer Christian Eichner sagt: „In den ersten drei Tagen haben die Spieler wieder relativ schnell Zugriff gefunden zum Elf gegen Elf. Die Pumpe muss sich aber erst wieder einstellen auf Großfeld und auf längere Spielzeiten. Eins ist klar: Wenn ich vier Wochen zu viert trainiert habe und davor drei Wochen nur im Wald gelaufen bin, dann ist nicht zu erwarten, dass die Mannschaft am Samstag eine Laufleistung von 140 Kilometern erreichen wird. Kurzfristig geht es um den Spagat, relativ schnell lang zu spielen. Wir werden auf Schöneck sicher einmal an der vollen Spielzeit kratzen. Da wiederum hat aber auch wieder Auswirkungen auf die Trainingssteuerung der Woche.“

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Köpfe der Spieler entscheiden Abstiegskampf

Eichner steht vor der undankbaren Aufgabe, die Spieler unter abenteuerlichen Gesamtumständen für den Abstiegskampf heißzumachen. Wegen der Entwicklungen bei der SG Dynamo Dresden hält dieser nur noch mehr Fragezeichen bereit.

Eichner und sein Assistent Zlatan Bajramovic wissen, dass die Köpfe der Akteure noch viel stärker über den Ausgang der Runde entscheiden werden: „Wir tun gut daran, uns damit nicht aufzuhalten, sondern die mentale Stärke und die körperliche Kraft dort einzusetzen, wo wir Bedarf haben. Das ist unsere eigene Leistung.“

„Durchdrücken ohne Rücksicht auf Verluste“

Dass das bei allem Verständnis für die wirtschaftlichen Zwänge der Vereine nicht einfach wird, sieht auch der KSC-Verteidiger Damian Roßbach. „Es ist nicht wie im Sommer. Da hast du fünf, sechs Wochen geregelte Vorbereitungszeit und fünf, sechs Testspiele. Man kommt rein. Jetzt hat man acht bis zehn Wochen kaum fußballspezifische Sachen gemacht, kaum Zweikämpfe – und Fußball ist eben ein Kontaktsport. Wenn man sich da nicht ordentlich vorbereiten kann, ist die Verletzungsgefahr viel höher.“

Es ist für mich ein Durchdrücken ohne Rücksicht auf Verluste.

Marc Lorenz, KSC-Profi

Roßbachs Vertrag beim KSC läuft aus. Wie alle Profis, die auf Anschlussbeschäftigungen aus sind, will er sich in bestmöglicher Verfassung zeigen, vor allem keine Blessur riskieren. Lorenz, der noch bis 2021 an den KSC gebunden ist, meint: „Es ist für mich ein Durchdrücken ohne Rücksicht auf Verluste. Es gibt viele, die um einen neuen Vertrag spielen. Wenn sich einer von ihnen das Kreuzband reißt, verpflichtet den keinen mehr. Gesundheit ist unbezahlbar.“

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Spielergewerkschaft berät verunsicherte Profis

Ulf Baranowsky ist Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV. Ihn erreichen die Sorgen der Profis aus der Bundes- wie in die Regionalliga. Zuletzt häuften sich Nachfragen zu Gesundheitsschutz und Arbeitsrecht von Spielern. Der VDV sei „mit ihnen noch mal das Konzept durchgegangen“, habe sich darum bemüht, „Ängste zu nehmen“, erklärt er.

Wenn der Arbeitgeber sicherstellt, dass er alle Bestimmungen zum Gesundheits- und Infektionsschutz einhält, muss ein Arbeitnehmer grundsätzlich auch arbeiten.

Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV

Baranowsky erläuterte gegenüber dem MDR: „Es wird oft die Frage gestellt: ´Muss ich spielen?´ Da gilt der Grundsatz: Wenn der Arbeitgeber sicherstellt, dass er alle Bestimmungen zum Gesundheits- und Infektionsschutz einhält, muss ein Arbeitnehmer grundsätzlich auch arbeiten. Wobei das DFL-Konzept ganz klar empfiehlt, Spiel- und Trainingsbetrieb auf freiwilliger Basis durchzuführen. Von daher würden wir in Einzelfällen besorgten Spielern raten, zunächst eine Lösung mit dem Club herbeizuführen.“

Spielerfrauen werden auf freiwilliger Basis getestet

Daniel Gordon spricht von seiner „vielleicht schwierigsten Phase“ seiner Karriere. Auch sein Kontrakt läuft aus. Der 35-Jährige spielt schon seine siebte Saison in Karlsruhe Fußball. Die Sportschule Schöneck lernt der Innenverteidiger, dessen Vertrag beim KSC am Saisonende ausläuft, seit Sonntag kennen. Er sieht die Lage nicht ganz so zugespitzt wie seine Kollegen, auch wenn „die eine oder andere Sache zu hinterfragen ist, die jetzt gemacht wird. Es ist aber unser Beruf, und ich glaube, dass wir fit genug sein müssen, um so eine Phase zu überstehen“.

Anfang 20- bis 30-Jährige sollten die Belastungen trotz des Saison-Cuts „besser wegstecken als sie das vielleicht zugeben“. Auch Angst vor einer Ansteckung verspüre er nicht. „Ich glaube, dass gerade alles dafür getan wird, um dieses Risiko zu minimieren. Wir treffen auf Fußballer, die alle abgeschottet sind. Da besteht eigentlich gar nicht die Möglichkeit, dass sie sich infizieren“, findet der erfahrene Innenverteidiger.

Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Egal. Was du tust.

Oliver Kreuzer, KSC-Sportchef 

Besagte Abschottung der Mannschaften endet allerdings nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Danach kehren die Spieler zu ihren Familien zurück. Zwar sieht der Plan der DFL vor, dass dann auch Lebenspartner regelmäßig auf Corona getestet werden können. Dies geschieht auf freiwilliger Basis. „Spielerfrauen, die nicht an der Testung teilnehmen, müssen protokollieren, wo sie waren. Klar ist auch: Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Egal. Was du tust“, so Kreuzer.

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