Der Gästeblock der KSC-Fans blieb beim Derby in Stuttgart zu großen Teilen leer. 591 Fans durften wegen einer Polizeimaßnahme nicht ins Stadion. | Foto: GES

Kritik an Polizei nimmt zu

Nach KSC-Derby in Stuttgart: Was über die Vorfälle mit Fans inzwischen bekannt ist

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Auch Tage nach dem Baden-Württemberg-Derby reißt die Kritik am Vorgehen der Polizei gegen Fans des Karlsruher SC nicht ab. Mittlerweile zählt die Fanhilfe Karlsruhe mehr als 130 Rückmeldungen von KSC-Fans. Und auch die Landespolitik befasst sich mit den Vorfällen.

Was soll in Stuttgart vorgefallen sein?

Zunächst ein kurzer Rückblick: Vor dem Spiel des KSC beim VfB Stuttgart am vergangenen Sonntag wurden 591 Anhänger der Karlsruher von der Polizei in Stuttgart für mehrere Stunden in einem Kessel festgesetzt, kontrolliert und im Nachgang mit einem Platzverweis versehen.

Ins Stadion durften die KSC-Anhänger nicht mehr. Aus Solidarität verließen auch viele KSC-Fans im Stadion den Gästeblock wieder.

Die Polizei hatte ihre Einsatztaktik kurzfristig vor dem Spiel geändert, obwohl die Taktik mehrfach mit Beteiligten beider Vereine sowie der Fanbetreuung abgesprochen war. Eigentlich hätten die Busse der KSC-Fans direkt vor dem Gästeblock halten sollen.

Stattdessen hielten diese am Bahnhof Untertürkheim. Von dort sollten die Bus- und Zugfahrer gemeinsam zum Stadion laufen. Auf Höhe des Parkhauses P7, kurz vor dem Gästeblock, trennte die Polizei dann etwa gegen 12 Uhr 591 Fans vom Rest des Marsches.

Das Spiel verlor der KSC übrigens gegen den VfB Stuttgart mit 0:3.

Der Gästeblock der KSC-Fans blieb wegen dem Ausschluss Hunderter Fans halb leer. | Foto: GES

Was sagt die Polizei zu dem Einsatz?

Einsatzleiter Thomas Berger bezeichnete noch am Sonntag im SWR das Vorgehen als „absolutes Standard-Prozedere“. Auch am Mittwochabend betonten die Beamten auf Nachfrage, dass die Maßnahmen sich „ausschließlich gegen Personen richteten, von denen Gewalt ausging.“ Es sei dabei aber nicht auszuschließen, dass darunter auch einzelne Personen gewesen seien, von denen gegebenenfalls keine Störungen ausgingen.

Das sind Aussagen, die nicht zu den Informationen der Karlsruher Fanhilfe passen. „Wir stellen fest, dass es sich um Leute quer aus der KSC-Familie handelt“, verweist Martin Winter, Abteilungsleiter der Karlsruher Fanhilfe, auf viele Zuschriften von Fans. Außerdem sollen sich normale Passanten, die nicht zum Spiel wollten, unter den Festgesetzten befunden haben.

Was ist über die Vorfälle im Kessel der Polizei bekannt?

Die Maßnahmen sorgen für immensen Ärger bei den KSC-Fans. In Erfahrungsberichten und Leserbriefen an die BNN-Redaktion erzählen sie, dass sie erst nach dem Spiel wieder freigelassen worden seien.

Wie Tiere sei man festgehalten worden, heißt es in einer Beschreibung. Wörter wie „Sippenhaft“ und „Kollektivbestrafung“ fielen. Auch schildern die blau-weißen Anhänger, dass sie keine Chance hatten, auf die Toilette zu gehen.

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Zumindest diese Beschwerde dementiert die Polizei in Stuttgart. Ein Sprecher erklärt, dass ein Anhänger mit Dixi-Toiletten immer bei Einsätzen dabei sei. Die Toiletten hätten demnach ab 12.30 Uhr zur Verfügung gestanden. Dennoch berichten Augenzeugen davon, dass sich eine Person sogar in die Hose machen musste. Und auch die Polizisten selbst sollen bei der Nachfrage zum Klogang mit Unverständnis reagiert haben.

Kritik der Fans gibt es auch aufgrund fehlender Kommunikation zwischen den wartenden KSC-Anhängern und der Polizei. Dazu klagen die Fans über eine angeblich fehlende Versorgung mit Getränken. Die Polizei weist auf Nachfrage darauf hin, dass ab 14.30 Uhr auch etwas zu Trinken „für die umschlossenen Personen zur Verfügung“ stand. Darauf habe man mehrfach hingewiesen.

Was kam bei der Maßnahme raus? Einem Sprecher der Stuttgarter Landespolizei zufolge haben die Beamte „Vermummungsgegenstände“, ein Messer, einen Böller und einen Mundschutz sichergestellt.

Fanmarsch des KSC begleitet von der Polizei.
Fanmarsch des KSC in Stuttgart, begleitet von der Polizei. | Foto: GES

Wieso hat die Polizei die Taktik geändert?

Bei der Begründung für die Taktikänderung hatte die Polizei in den vergangenen Tagen mehrere Ansätze dargelegt. So soll eine kurze Auseinandersetzung mit KSC-Fans vor dem Bahnhof Untertürkheim der Auslöser gewesen sein.

Außerdem führt die Polizei auf, dass Fans Pyrotechnik angebrannt und in Richtung der Einsatzkräfte geworfen haben sollen. Hier war am Sonntag noch die Rede von „massivem“ Einsatz von Pyro. Tags darauf korrigierte ein Sprecher der Polizei diese Aussage gegenüber den BNN.

Auch rotes Rauchpulver, das im Gästebereich des Stuttgarter Stadions gefunden wurde, führte die Polizei kurzzeitig als Erklärung an. Darauf berief sich ein Stuttgarter Polizeisprecher dann am Mittwochabend erneut. Das Pulver im Gästeblock und abgebrannte Pyrotechnik bei der Anreise auf einem Parkplatz waren Anlass für die Polizei, dass mit „massiven Störungen“ gerechnet werden musste.

Die Supporters Karlsruhe, der Dachverband aller KSC-Fans, erklärten bereits am Montag, dass durch die kurzfristige Änderungen das Vertrauen in Sicherheitsbesprechungen erheblich gelitten habe. Die Supporters kritisierten in einer Mitteilung bereits am Montag die Polizei.

Über die Taktikänderung der Polizei diskutiert vermutlich bald auch die Landespolitik. Der Pforzheimer FDP-Abgeordnete Hans-Ulrich Rülke und sein Partei-Kollege, der frühere Landes-Justizminister Ulrich Goll, haben eine kleine Anfrage zum Einsatz vorbereitet, die unserer Redaktion vorliegt. Eine ihrer Fragen lautet: „Wie glaubwürdig und erfolgsversprechend werden Stadionallianzen künftig sein, wenn Vereinsvertreter damit rechnen müssen, dass diese künftig an entscheidenden Stellen verändert werden?“

Wurden wirklich Jugendliche im Polizeikessel festgehalten?

Ja, die Polizei spricht von sieben jugendlichen Personen. Darunter sollen keine Kinder gewesen sein. Die Eltern sollen der Polizei zufolge auch kontaktiert worden seien.

KSC-Fans berichten jedoch davon, dass es wesentlich mehr minderjährige Karlsruher Anhänger in dem Kessel gegeben haben soll. Die Polizei weist darauf hin, dass die abschließende Auswertung der Identitätsfeststellung noch andauern soll. Auch Martin Winter von der Karlsruher Fanhilfe hält diese Zahl für zu gering.

KSC-Spieler
Nach der 0:3-Pleite beim VfB sind die Spieler vom Karlsruher SC  enttäuscht. | Foto: Christoph Schmidt/dpa

Bei der Fanhilfe Karlsruhe gingen bis Mittwoch mehr als 130 Beschwerden und Erfahrungsberichte ein. Auch besorgte Eltern haben sich an die Fanhilfe gewandt. Winter zufolge treiben die KSC-Fans auch Rechtsfragen um. Zum Beispiel, wie es nach der Feststellung der Personalien weitergehe.

Gibt es Anzeigen von Fans?

Ja, die gibt es. Aktuell liegen der Polizei in Karlsruhe zehn solche Anzeigen vor. Diese Zahl sei einem Sprecher der Karlsruher Beamten zufolge aber nicht endgültig. Noch seien nicht alle Reviere und Dienststellen abgefragt worden.

Der BNN liegen auch Aussagen von Fans vor, die noch in dieser Woche Rechtsmittel einlegen wollen. Die Fanhilfe Karlsruhe berichtet unterdessen von Schwierigkeiten, Polizisten anzuzeigen. So sollen sich Beamte geweigert haben, diese entgegenzunehmen.

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„Wir haben hier mehrfach Rückmeldungen erhalten, dass Fans dabei Probleme hatten“, erklärt Martin Winter. Zum einen seien Anhänger aus dem Stadtgebiet, aber auch bei kleineren Polizeiposten aus dem Landkreis auf wenig Gegenliebe für eine Anzeige gestoßen.

„Es gibt aber auch positive Rückmeldungen von Fans“, sagt Winter und hält fest:  „Die Polizei muss solche Verfahren bearbeiten.“ Dazu sei sie gesetzlich verpflichtet.

Die Karlsruher Polizei kann die Beschwerden von Fans, die auf den Revieren abgewiesen worden sein sollen, nach eigenen Angaben weder bestätigen noch dementieren. Bekannt seien keine Vorfälle. Dennoch wolle man bei den Revieren nachfragen.

„Generell können die Bürger bei jeder Dienststelle eine Anzeige stellen“, so der Sprecher. Die Anzeigen gehen übrigens danach an die Staatsanwaltschaft Karlsruhe und von dort zu den Kollegen nach Stuttgart.

An wen wurden außerdem Beschwerden gerichtet?

Die Beschwerden über den Polizeieinsatz haben derweil auch die Landespolitik erreicht. Hans-Ulrich Rülke und Ulrich Goll, Landtagsabgeordnete der FDP, wollen eine kleine Anfrage zum Vorfall einbringen mit dem Titel „Wirkung der Stadionallianzen von Innenminister Strobl beim letzten Derby zwischen VfB Stuttgart und Karlsruher SC“.

Außerdem sollen sich die Eltern von einem 14-Jährigen in einem Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann gewandt haben.

Nutzer des Online-Portals Transfermarkt.de haben ebenfalls in einem offenen Brief an die Vereine, die Polizei in Karlsruhe und Stuttgart sowie an DFB, DFL und Ministerien des Landes Baden-Württemberg massiv Kritik an dem Vorgehen der Beamten geübt. Die Rede ist von einem „gegen geltendes Recht verstoßenden Vorgehen“ der Polizei. Dem Bericht sind zahlreiche Adressaten beigefügt. 

Wieso spricht die Polizei trotz der Kritik von einem positiven Einsatz?

Die Stuttgarter Pressestelle der Polizei führt hier die Vorfälle beim Derby im Jahr 2017 an. Damals sei das Spiel aufgrund „verschiedenster Störungen kurz vor dem Abbruch“ gewesen. Verglichen damit sei der Einsatz beim Derby am Sonntag positiv gelaufen.

Dieses Urteil der Polizei passt nicht zu dem Brief eines KSC-Fans, der sich auf fehlende Fantrennung bei der An- und Abreise mit dem Auto bezieht. Im Zuge dessen soll es auch einen Schlagstock-Einsatz der Polizei gegeben haben.

Auch die FDP-Abgeordneten Rülke und Goll wundern sich in ihrer kleinen Anfrage über das positive Fazit der Polizei. „Angesichts der Berichte der Betroffenen überrascht diese Sichtweise des Innenministers doch sehr“, heißt es in der Anfrage.

Gab es nur am Gästeblock Vorfälle zwischen Polizei und KSC-Fans?

Nein. KSC-Fan Michael Buhmüller schildert in einer Mail an die Stuttgarter Polizei, Vertreter des KSC und diverse Medien seine Erlebnisse beim Derby. Mit ihrem Auto durften Buhmüller und seine Bekannten demnach nicht im dafür vorgesehenen Parkhaus P7 parken. Stattdessen mussten sie ihr Fahrzeug im Bereich der Stuttgarter Fans abstellen, also im Heimbereich.

So erging es mehreren Karlsruher Anhängern, die nicht in P7 in der Benzstraße parken konnten. Nach der Partie soll es auf dem Weg zu den Autos zu Provokationen aus beiden Fanlagern gekommen sein. Buhmüller erklärte, dass plötzlich eine Polizeistaffel angerannt kam. Diese habe „ohne Vorwarnung mit Schlagstöcken auf die KSC Fans ein ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht und ob an Provokationen beteiligt“ eingeschlagen.

Die Polizei Stuttgart äußert sich zu diesem Zwischenfall nüchtern. „In der Nachspielphase kam es am Sportrestaurant Neckarpark  zu einer Auseinandersetzung, welche die Polizei als Verdacht einer gefährlichen Körperverletzung zwischen Fans des VfB Stuttgart und des Karlsruher SC bearbeitet.“

Einen Zusammenhang, mit der durch das gesperrte Gästeparkhaus erschwerten Parksituation für die KSC-Fans sahen die Stuttgarter Beamten auf Nachfrage nicht.

Gibt es eine Vorgeschichte zu den Vorfällen?

Unvergessen ist der Vorfall mit einer Reiterstaffel beim Derby im Jahr 2008. Damals ritten Polizisten durch die Menge der KSC-Fans. Verfahren waren die Folge. Im Mai 2009 wurden diese aber eingestellt. 

Ein ähnlicher Vorfall beim Gastspiel in Stuttgart ereilte im Februar 2019 auch die Fans des SC Freiburg Damals waren es Berichten zufolge circa 1.000 Fans der Breisgauer, die vor dem Zutritt ins Stadion von der Polizei aufwendig kontrolliert wurden. Damals entschuldigten sich die Beamten für das Vorgehen. Für Martin Winter von der Fanhilfe wäre das im Fall des KSC-Derbys das „Minimum“. Ein Sprecher der Polizei Stuttgart erklärte auf Anfrage, dass eine Entschuldigung derzeit „nicht im Raum steht“.

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