Sebastian Freis am 14. Februar 2009 im Trikot des KSC bei einem Spiel gegen seinen späteren Club, den 1. FC Köln. Die Partie am 20. Spieltag der Bundesliga-Saison 2008/2009 endete in der Domstadt 0:0.
Sebastian Freis am 14. Februar 2009 im Trikot des KSC bei einem Spiel gegen seinen späteren Club, den 1. FC Köln. Die Partie am 20. Spieltag der Bundesliga-Saison 2008/2009 endete in der Domstadt 0:0. | Foto: GES

Freis verabschiedet sich

Sebastian Freis – Bundesliga-Karriere made beim KSC

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Sebastian Freis ist fast auf den Tag genau vor zehn Jahren mit dem Karlsruher SC aus der Bundesliga abgestiegen. In der Fußballkarriere des Karlsruhers gab es danach turbulente Zeiten. Der 1. FC Köln, der SC Freiburg, die Spvgg Greuther Fürth und der SSV Jahn Regensburg waren seine Stationen. Nach über sieben Monate ohne Spielpraxis war der 34-Jährige am vergangenen Wochenende für Regensburg bei dessen 5:3 gegen seinen Ex-Club 1. FC Köln eingewechselt worden. Kommt am Sonntag ein letzter Einsatz gegen den SV Sandhausen dazu, wäre dies ein Karriereende mit der schönen Anzahl von 150 Zweitligaspielen. Im Interview mit BNN-Sportchef René Dankert blickt Freis zurück.

Herr Freis, was sagen Sie zum Aufstieg Ihres Heimatvereins KSC?

Freis: Ich freue mich riesig für den Verein und seine treuen Fans, dass der Aufstieg geglückt ist. Glückwunsch an alle daran beteiligten Personen. Ich habe selbst damals gemerkt, wie viel Energie ein Aufstieg im Umfeld freisetzen kann und denke, dass die positive sportliche Entwicklung auch dabei helfen wird, wirtschaftlich wichtige Projekte umzusetzen, um sich für die Zukunft noch professioneller aufzustellen.

Haben Sie eigentlich noch Bilder Ihres ersten Profieinsatzes für den KSC vor Augen?

Freis: Ich erinnere mich noch ganz genau. Das war im Oktober 2004 gegen Rot-Weiß Essen. Für mich unvergessen: Ich habe auf Anhieb drei Tore geschossen und wir haben – passt ja aktuell – 4:1 gewonnen. Danach lag die Messlatte natürlich hoch …

 

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Ihr Trainer damals: Lorenz Günter Köstner …

Freis (lacht): … das war die etwas ältere Trainerschule. Ich erinnere mich an das intensive Training und den raueren Umgangston, wie er heute sicher nicht mehr möglich wäre.

Gönnen Sie uns eine Anekdote dazu?

Freis: Wir hatten einen Spieler, der hatte es nicht leicht, weil er im Training nicht immer die richtige Einstellung zeigte. Der musste sich von Köstner einiges anhören, aber das könnten Sie wahrscheinlich sowieso nicht drucken (lacht).

Heute würden sich die Profis das nicht gefallen lassen, oder?

Freis: Eher nicht. Heute wird immer mehr von Spielern die Trainingsmethodik hinterfragt und der Input der Spieler wird vom Trainer häufig mit einbezogen.

Apropos: Was haben Sie eigentlich von Reinhold Fanz gelernt?

Freis (lacht): Nicht viel, er war ja nur eine Woche Trainer beim KSC. Ich erinnere mich noch daran, dass wir ein, zwei Kraftzirkel in der Wildparkhalle gemacht haben. Im Prinzip waren wir noch gar nicht auf dem Platz draußen, weil Winterpause war, und da war er wieder weg. Verrückt!

So kam es, dass Edmund Becker, Ihr damaliger Amateurtrainer, Chef wurde …

Freis: … gerade die erfahrenen Spieler haben ihn überzeugt, dass er es machen soll. Rückblickend war das ein Segen für den KSC, für uns junge Spieler sowieso. Er gab uns Einsatzzeiten, wie es ein externer Trainer wahrscheinlich nicht hätte machen können.

Die dann entstandene Mannschaft, die 2007 die Bundesliga erreichte, funktionierte noch durch und durch als Mannschaft, so hatte man den Eindruck …

Freis: … das war so. Das sieht man auch daran, dass ich zu ganz vielen Jungs von damals noch Kontakt habe. Das mag mit dem Erlebnis des Aufstiegs zusammenhängen, das etwas Besonderes war. Mit dem SC Freiburg habe ich später zwar europäisch gespielt, aber das hat uns Spieler nicht so zusammengeschweißt wie die Aufstiegsmannschaft beim KSC.

Bei ihnen hattest du das Gefühl, dass sie die Jungen weiterbringen wollten

Machte es nicht die Mischung?

Freis: Absolut. Ich habe mir vor dem Interview noch mal das Mannschaftsfoto von damals herausgekramt: Bradley Carnell, Godfried Aduobe oder Thomas Kies – ich meine, das waren Spieler, die schon viel gesehen hatten im Fußball. Wenn man wissen wollte, wie und was läuft in dem Geschäft, dann ist man zu denen gegangen und hat gefragt. Bei ihnen hattest du das Gefühl, dass sie die Jungen weiterbringen wollten und nicht, dass sie Angst um ihren Platz haben.

Wie sehr prägte Sie die Aufstiegserfahrung damals?

Freis: Die Tragweite für die Stadt war mir nicht bewusst. Bis heute konnte ja ein Aufstieg in die Bundesliga nicht wiederholt werden. Ich habe kürzlich ein Interview von mir gesehen, da war ich 21, beim Autokorso durch die Stadt. Da waren unseretwegen ja nicht nur die 20000 Leute auf dem Marktplatz. An der ganzen Strecke quer durch die Stadt waren sie in Zweier- und Dreierreihen gestanden und haben mit uns gefeiert. Das habe ich in diesem Ausmaß danach nie wieder erlebt.

Nicht schlecht für einen Badischen Jahrgangsmeister im Tennis, der sie einmal waren, oder?

Freis (lacht): Ich war ganz gut, musste mich aber irgendwann entscheiden. Auf dem Tennisplatz war ich ein anderer, da bin ich teilweise ausgerastet. Nie gegen den Gegner, sondern nur gegen mich selbst. Im Spiel mit einer Mannschaft war ich ausgeglichener, auch dann im Fußball. Insgesamt war ich nur einmal wegen einer fünften gelben Karte gesperrt. Eine Rote bekam ich in meiner Karriere nie.

Wie bewerten Sie rückblickend das Geschäft, das oft  recht wenig mit der Realität zu tun hat?

Freis: … man reflektiert sich ständig, schaut im Rückblick, was gut und was schlecht war. Das ist ein Stück weit wichtig, um auch künftig die richtigen Entscheidungen für sich zu treffen. Als Spieler ist man oft zu sehr im System drin, um alle Auswirkungen des Profigeschäfts zu überblicken.

Und denkt über das Leben darin wie?

Freis: Man denkt immer, es muss doch noch mehr, es muss doch besser und noch weiter gehen. Aber eigentlich muss man für ganz viele Sachen dankbar sein. Das sieht man aber erst im Rückblick, und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Natürlich kann man sagen, dass mein Wechsel vom KSC zum 1. FC Köln sportlich nicht ideal war

Was würden Sie rückblickend als Fehler ansehen?

Freis: Natürlich kann man sagen, dass mein Wechsel vom KSC zum 1. FC Köln sportlich nicht ideal war. Diese Entscheidung würde ich zum damaligen Zeitpunkt vermutlich aber immer wieder so treffen. Das Problem in Köln war ein anderes.

Der Abgang Christoph Daums?

Freis: Exakt. Das war für mich sehr enttäuschend. Daum hatte mir in Gesprächen versichert, dass ich genau der Typ Spieler sei, den er noch für seine Mannschaft braucht. Einige Wochen später war „seine Mannschaft“ aber nicht mehr seine, weil er den FC vor dem ersten Training Richtung Türkei verließ. Gemeldet hat er sich nicht mehr. Aber so läuft das eben oft in diesem Geschäft und als Spieler muss man solche Dinge erst lernen und akzeptieren.

Plötzlich waren Sie erstmals von daheim weg, ein eingekaufter Bundesligastar in einer Medienstadt, in der Plakate mit Ihrem Namen hingen …

Freis: … eine andere Welt. Das ging schon vor meinem Wechsel im Kontext des ersten Treffens mit Daum los. Man hatte mir versichert, dass keinesfalls irgendetwas durchsickern würde. Just einen Tag vor dem Spiel mit dem KSC in Köln, als wir dort mit der Mannschaft im Hotel eingecheckt hatten, hing an jeder Ecke ein Plakat mit meinem Wechsel. Und du denkst dir: Wie kann das sein?

Wir haben Sie als medienscheuen Spieler in Erinnerung …

Freis: … irgendwann haben Ihre Kollegen in Köln sowieso nichts mehr von mir gewollt, weil sie gemerkt haben, dass es von mir nicht die Stories gibt. Aber es war mir lieber nicht mehr in der Zeitung zu sein, als dafür oberkörperfrei in Köln posieren zu müssen.

Wie bitte?

Freis: Es gab tatsächlich einen Spieler, der das mal für eine Schlagzeile gemacht hat.  Ich wollte diese Art von Spielchen aber nie mitspielen. In meinem ersten Sommerurlaub nach meinem Wechsel bat mich ein Journalist vom Express, ob ich ihm ein paar Bilder von mir am Strand zur Veröffentlichung schicken könnte. Es würde sich auf meine Notengebung in der Zeitung bestimmt nicht negativ auswirken. Ich schrieb ihm eine SMS, dass ich das nicht wolle. Dann bist du eine Woche später zurück und siehst zwei, drei deiner Kollegen mit Urlaubsfotos im Blatt. Da schließt sich in gewisser Weise der Kreis.

Sie haben in Köln auch mit Lukas Podolski zusammengespielt.

Freis: Der kam im selben Sommer von den Bayern nach Köln zurück. Seinetwegen kamen zum ersten Mannschaftstraining 30.000 Zuschauer. Am Anfang war das auch sehr angenehm, weil sich das mediale Interesse auf ihn konzentrierte. Das hat sich dann aber schnell gedreht. Wenn’s nicht lief, hieß es: „Außer Poldi seid ihr alle blind.“

Er konnte für das mediale Echo ja selbst nichts

Wie war das Verhältnis zu ihm?

Freis: Er konnte für das mediale Echo ja selbst nichts. Es war für ihn in Köln unmöglich mal was mit uns essen zu gehen, weil immer alle gleich durchgedreht sind. Deswegen war er von vielen Spielern der Mannschaft ziemlich weit entfernt.

2011, Sie waren 26, gingen Sie von Köln zum SC Freiburg…

Freis: … hinter mir lag die erste Phase der Karriere, in der es sportlich nicht ideal lief.  Vorher denkt man, die Berater sind absolute Alleskönner – aber dann erkennst du, dass die auch nur so gut arbeiten wie gerade dein Marktwert ist. Da waren dann nicht mehr zwei oder drei Angebote auf dem Tisch gelegen, sondern nur eines und da musst du dann dreimal hingucken, ob es das richtige ist. Aber eine viel bessere Entscheidung als nach Freiburg zu gehen, hätte ich nicht treffen können.

Wegen Christian Streich?

Freis: Beeindruckend vom ersten Moment, dieser Mann. Eine zweite Vaterfigur. Kein Trainer hat mich sportlich wie persönlich so geprägt wie er. Der kam auch vor dem Training immer etwas früher in die Kabine. Dann hat er erst einmal über ganz andere Dinge geredet als über Fußball. Ich habe dann eher gedacht, da ist der Gemeinschaftskunde- oder Geschichtslehrer da. Und es gab nie einen Fall, in dem die Mannschaft nach einer Besprechung gesagt hätte: „Also sorry, aber was war das jetzt?“ Es hieß immer: „So wie er das jetzt erklärt hat, hat er eigentlich recht.“ Wiederholt hat sich bei ihm auch selten etwas.

Beim SC gab’s viele Parallelen zum KSC

Eine wichtige Qualität, oder?

Freis: Ich glaube, damit kannst du Menschen packen, wenn du Neuigkeiten hast, immer wieder andere Ansichten und neue Reize setzt. Es gibt Trainer – so sind Menschen ja generell gestrickt – , die versuchen zu reproduzieren, was schon mal funktioniert hat. Aber die Gefahr der Abnutzung ist da hoch. Du wusstest bei Christian Streich nie, was dich erwartet in der Videoanalyse, in der Ansprache, im Training. Ich habe drei Jahre unter ihm trainiert. Beim SC gab’s viele Parallelen zum KSC. Die mannschaftliche Geschlossenheit, die Aktionen mit dem Team außerhalb vom Platz. Es war da ein toller Gegenpol zu Köln. Dort haben viele nur auf sich geschaut und die Frage war, wer fährt den teureren Sportwagen.

Dann kamen Verletzungen …

Freis: Ich hatte zwei schwere Schulteroperationen, überhaupt ging es mit Verletzungen los. Ich habe bei Streich dennoch immer gespielt, wenn ich fit war. Schließlich kam eine Phase, in der ich merkte, dass es abwärtsgeht. Nach der Saison in der Europa League haben wir extrem Substanz gelassen. Leistungsträger wie Kruse, Ginter, Caligiuri, Schmid oder Baumann gingen weg vom SC.

Sie selbst gingen schließlich nach Fürth in die Zweite Liga, wo seinerzeit Ihr früherer KSC-Mitspieler Michael Mutzel Manager war. Ein Rückschritt, um noch mal Anlauf zu nehmen?

Freis: So war`s gedacht, unter dann wieder schwierigen Bedingungen. Denn auch da war der Trainer Frank Kramer kurz nach meiner Ankunft schon wieder weg. Das war zwar nicht so krass wie in Köln mit Daum, aber etwas, das sich wiederholte und mich ärgerte. Ich sagte mir: „Eigentlich bist du dumm, weil du die Situation schon mal hattest.“ Aber es war kein Beinbruch, weil ich  dort noch eine gute sportliche Phase hatte.

2017 ging’s weiter zum SSV Jahn Regensburg …

Freis: Ein Verein mit toller Entwicklung – das neue Stadion ist ein absolutes Schmuckstück, da denkt man: „Hoppla, richtig gut für die Zweite Liga.“ Die wussten aber, warum sie mir die Trainingsplätze und Kabinen am Ende unserer Gespräche gezeigt haben (lacht).

Mein Körper sehnt so langsam das Ende der Profikarriere herbei

Sie hatten zuletzt sehr wenige Einsätze, vergangenen Sonntag durften Sie gegen Ihren Ex-Verein in Köln nochmal spielen und hätten sogar fast getroffen. Gibt es einen Plan für einen Abschied?

Freis: Mein Körper sehnt so langsam das Ende der Profikarriere herbei. Es wird in Regensburg sicher eine anständige Verabschiedung geben. Der schönste Abschied für einen Sportler ist aber immer der auf dem Spielfeld. Deswegen habe ich mich sehr über den Einsatz gefreut. Auch wenn ich in Regensburg gerne mehr gespielt hätte, hat die Erfahrung im Profifußball gezeigt: Du bekommst nichts geschenkt, du bekommst keinen Einsatz geschenkt, auch nicht zum Ende.

Und wie soll Ihr nächster Lebensabschnitt aussehen?

Freis: Ich freue mich auf mehr Zeit mit meiner Frau und unserer Familie. Außerdem hat mich der Fußball nicht so verschreckt, dass ich sagen würde, ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ich kann mir einen Einstieg ins Management gut vorstellen. Dafür habe ich auch vor eineinhalb Jahren meinen Bachelor per BWL-Fernstudium in Wismar mit Schwerpunkt Sportmanagement abgeschlossen.

Was nehmen Sie  aus dem Fußball mit?

Freis: Unheimlich viel. Team-player zu sein, Verantwortung zu übernehmen, unter Drucksituationen zu bestehen, Enttäuschungen zu verarbeiten und für sich einen Mittelweg zu finden. Ich habe es ja erlebt, wie es ist: absolut hochgejubelt zu werden und dann der größte Versager unter Versagern zu sein. Dann ist es wichtig, die innere Ausgeglichenheit zu haben, um zu wissen, dass sich alles irgendwann wieder relativiert.

Worauf sind Sie stolz?

Freis: Auf alle meine Stationen im Profifußball, bei denen ich mich sportlich und persönlich weiterentwickelt habe. Nach 15 Jahren Profifußball habe ich es auf 164 Bundesligaeinsätze gebracht, zudem aktuell 149 in der Zweiten Liga. Das hätte ich ganz am Anfang nicht für möglich gehalten.

Die Badischen Neuesten Nachrichten berichten in ihrer Ausgabe am Donnerstag, 16. Mai, ausführlich mit einer Beilage über den Karlsruher SC. Die digitale Ausgabe der BNN kann unter diesem Link 14 Tage lang kostenlos getestet werden.