Blick über eine imposante Arena auf die Türme Karlsruhes. 55 000 Zuschauer fanden im 1955 fertig gestellten Wildparkstadion Platz. Und der gerade gegründete KSC setzte mit einem Spielerstamm des VfB Mühlburg zu titelreichen Jahren. Südmeister, deutscher Vizemeister und Pokalsieger wurde der Club. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe, Bildarchiv Schlesiger

Im Wildpark 1955 bis 2015

KSC-Triumphe und Abgründe

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In himmelblauen Trikots trat der Karlsruher SC meist an in den 1950er und 1960er Jahren. Und er hatte damals seinen festen Platz im deutschen Fußballhimmel. Ja,er stürmte regelmäßig zu Titeln in jener Zeit, der Fusionsverein aus VfB Mühlburg und FC Phönix. Als Hochzeitsgeschenk wurde von der Stadt ein gewaltiges Stadion versprochen. Es erstand in nur drei Jahren. Die Lizenz für die höchste Liga, einen guten Spielerstamm plus einen Besucherschnitt von 10 000 im zunächst genutzten alten Stadion Honsellstraße brachten die Mühlburger in den KSC ein.

Machtprobe mit dem VfB Stuttgart

Erstklassig war damals die Oberliga Süd, zusammen mit der Oberliga West die spielstärkste im Land. In der ersten Wildparksaison 1955/56 beflügelte die neue Umgebung Berni Termath, Heinz Beck, Kurt Sommerlatt und Co auf Anhieb. Nur gegen Jahn Regensburg wurde zu Hause verloren, 1860 München dagegen mit 8:3 abgefertigt. Ein 2:2 gegen den VfB Stuttgart bescherte vor 50 000 Besuchern den Titel „Südmeister“. Der Kicker schrieb: „Die Machtprobe faszinierte Fußball-Deutschland. Man kann beiden Mannschaften bescheinigen, eines der schönsten und lehrreichsten Spiele geliefert zu haben.“ Es folgte das Kräftemessen auf nationaler Ebene mit sechs Gruppenspielen gegen Schalke, Hannover und Kaiserslautern. Der Sieger würde ins noch echte deutsche Endspiel einziehen. Drei Teams hatten am Ende 7:5 Punkte. Der KSC verfügte mit 7:5 über das bessere Torverhältnis gegenüber Schalke (16:12) und Lautern (16:13). Ja, Sie haben richtig gelesen. Damals wurde nicht die Tordifferenz gewertet, sondern Tore und Gegentore dividiert!

 KSC Vize in Deutschland

Vom Endspiel gegen den Favoriten Borussia Dortmund in Berlin kehrte der KSC im Juni als ziemlich stolzer Vizemeister zurück. Im August gab’s gleich noch ein Finale: Um den DFB-Pokal. Im heimischen Wildpark. Der HSV wurde 3:1 geschlagen, der Titel von 1955 im noch wenig populären Wettbewerb erfolgreich verteidigt. In den Jahren 1958 und 1960 war der KSC erneut top im Süden. Immer vor Frankfurt, Nürnberg und den beiden Münchnern. Auf bis zu 18 000 stieg der Zuschauerschnitt im Wildpark.Gut schnitt der badische Südmeister in den nationalen Endrunde zwar ab, doch zu einem Finale reichte es erst wieder 1960. Dann im DFB-Pokal. Dabei profitierte der KSC von einem Wiederholungsspiel im Halbfinale. Das erste hatte der FK Pirmasens im Wildpark mit einem nicht spielberechtigten Akteur gewonnen. Im Düsseldorfer Endspiel gegen Gladbach löste auch „Schimmi“ nicht den kniffligen KSC-Fall. Also Horst Szymaniak, Nationalspieler und Einkaufsknaller des KSC. Auf Mallorca wurde der Halbstürmer verpflichtet. Nur bei einem Angebot von Real Madrid wäre „Schimmi“ nicht in den Hardtwald gekommen, berichtet Werner Skrentny in seinem Werk „Als Morlock noch den Mondschein traf“ über die Oberliga Süd.Die regionale Konkurrenz wurde 1963 von der Bundesliga abgelöst. Der KSC zog als dritte Macht des Südens in die Eliteliga mit 16 Clubs ein.

Taumelnd in der Bundesliga

Kurz vor 17 Uhr am 24. August 1963 schaute sich Horst Wild im Wildpark um und versuchte, kein Lampenfieber aufkommen zu lassen. Seit einem Jahr stürmte er schon für die erste Mannschaft. Aber jetzt, vor 40 000 gegen den Meidericher SV, war es schon etwas anderes für den in der Südstadt aufgewachsenen 19-Jährigen. Er gehörte wie Rolf Kahn zu den jungen Einheimischen im Team von Trainer Kurt Sommerlatt. Oliver Kahns Vater spielte gegen sein Idol Helmut Rahn. Die Kicker aus dem Duisburger Stadtteil gewannen locker mit 4:1. Sie sollen den Triumph in einem Durlacher Bordell gefeiert haben. Dem KSC wurde ein Premierenspiel in Zeitlupe bescheinigt. Die nächsten vier Matches gingen ebenfalls verloren. Torverhältnis 2:17. Trotzdem war das Stadion gegen den HSV und den VfB Stuttgart ausverkauft. Die Halbprofis in Blau fingen sich. Sie stiegen 1964 sportlich nicht ab und profitierten 1965 als Vorletzter von der Aufstockung der Bundesliga.

Erst 0:8, dann Heimsieg gegen den FC Bayern

In der dritten Saison war der Zuschauerschnitt mit 23  500 am höchsten. Die Fans erlitten Krämpfe und vergossen Freudentränen. Da verlor der KSC 0:8 in Hamburg und empfing eine Woche später, im Februar 1966, den Tabellenführer. Das war Neuling Bayern München mit Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller. In der 78. Minute gibt es Elfmeter für den KSC. Horst Wild tritt an. „Ich schaute mir nie vorher die Ecke aus, sondern hatte die Angewohnheit, auf eine leichte Bewegung des Torwarts zu schauen bevor ich schoss“, erzählt der 75-Jährige. Auch der Maier-Sepp bewegte sich – und der 22-jährige Wild verwandelte zum 1:0-Sieg. Jubelnd liefen viele Anhänger bei Spielschluss auf den Rasen. 34 Tore in 100 Erstligaspielen lautete die Bilanz des treuen Horst.

Horst Wild blieb auch in der Regionalliga treu

Seine Erinnerung an die alten Zeiten: „Nach dem Training ging man in den Scotch Club und nach dem Spiel saß man in der Stadiongaststätte zusammen.“ Als der KSC 1968 abstieg, verdiente Wild sein Geld in Duisburg. Der Schussgewaltige kam zurück in die Heimat und spielte 160 Mal noch zweitklassige Regionalliga.

Immer wieder im Fahrstuhl

Der neue Trainer Kurt Baluses muss so etwas wie ein phlegmatisches Unikum gewesen sein. Das deutet Wild an und das berichtet Roland Pohl im Buch „Höllenglut an Himmelfahrt“ über den KSC in den Aufstiegsrunden zur Bundesliga. Baluses erklärte demnach, er sei wie ein Arzt, der seine Fähigkeiten am besten bei Kranken, also am Patienten KSC beweise. Vor wichtigen Spielen habe er schon mal verkündet: „Den Gegner kenne ich nicht, aber ihr müsst auf jeden Fall gewinnen.“ Für die Regionalliga zu gut – für den Aufstieg dreimal nicht stark genug. So präsentiert sich die Wildpark-Elf zwischen 1969 und 1974. Bestand in der sommerlichen Aufstiegsrunde keine Chance mehr, verloren sich gerade mal 300 Fans im Stadion gegen Blau Weiß 90 Berlin. Damals war Fußball noch kein Event, sondern harte Arbeit. Auf dem Rasen und den Stehrängen. Die Karlsruher waren und sind kritisch, wenn’s nicht läuft. Wie sagte der Trainer von Stoke City mal zu unzufriedenen Journalisten: „Wenn ihr Unterhaltung wollt, geht in den Zirkus.“

Zampano mit Schmäh: Max Merkel

Über die neue Zweite Liga Süd hievte Trainer Carl-Heinz Rühl den KSC 1975 wieder in die Bundesliga. Das machte jetzt durchschnittlich 30 000 Fans doch Vergnügen. Allerdings begannen die Jahre mit vielen Fahrstuhlfahrten zwischen Liga eins und zwei. 1977 wurde Trainer Hoss entlassen, obwohl die Mannschaft im Unterhaus Tabellenführer war. „Zu unattraktiv die Spielweise“, so die Begründung. Rudi Wimmer blieb treu im Tor, die Trainer wechselten. Rolf Schafstall und Manni Krafft zerrieben sich. Da verfiel man bei der Vereinsführung 1981 dem Charme von Alt-Zampano Max Merkel („Image hab’ ich genug, Bargeld brauch’ ich“). Der Wiener steuerte seinen Teil zum Nichtabstieg bei, aber erst mit Winnie Schäfer ab 1986 ging es beständig aufwärts – mit dem Höhepunkt des 7:0 im Uefa-Cup gegen Valencia vor einem Vierteljahrhundert.

Kurz vor dem Exodus

Am 25. März 1998 unterlag die deutsche Nationalmannschaft in aller Freundschaft den brasilianischen Ballzauberern mit 1:2, doch das große Thema selbst im Stuttgarter Neckarstadion war die Entlassung von Schäfer beim KSC. Auch Nachfolger Jörg Berger konnte den Abstieg nach elf Jahren ununterbrochener Bundesliga-Zugehörigkeit nicht verhindern. Doch der KSC hielt es in den Folgejahren mit der Aktionärsweisheit: Schlimmer geht immer. Am Ende der Saison 1999/2000 stieg der Traditionsclub erstmals in die Dritte Liga ab – unter dem Minusrekordtrainer Joachim Löw. Weil auch die wirtschaftliche Bilanz verheerend ausfiel, stand der Club vor der Insolvenz. Gerhard Seiler als Nachfolger des Langzeitpräsidenten Roland Schmider rettete als Übergangs-Chef den mit Trainer Stefan Kuntz sofort wieder in die Zweite Liga aufgestiegenen Club vor dem Exodus.
Bessere Zeiten sollten auch sportlich anbrechen. Nachdem der KSC unter Trainer Edmund Becker in der Spielzeit 2005/06 erstmals wieder im Rennen um einen Platz im Oberhaus mitgemischt hatte, folgte die Aufstiegssaison. Unvergessen das 4:4 nach 4:1-Führung im Heimspiel gegen Hansa Rostock am 20. November 2006, ein Spiel, das nicht nur wegen der Dramatik in Erinnerung blieb, sondern auch wegen eines Treffers Marke Tor des Jahrzehnts. Massimilian Porcello legte sich in der 16. Minute den Ball zum Freistoß zurecht, 45 Meter vom Hansa-Tor entfernt. „Ich schaute kurz auf, sah Matthias Schober im Kasten der Rostocker und dass er keine Mauer gestellt hatte. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und lief an … Und der Ball floooooog und floooooog, behielt die richtige Höhe, fing dann an zu flattern, und als ich sah, dass der Schober da nicht mehr rankommt, dachte ich nur: ,Das ist ja unglaublich! Der geht rein! Der geht wirklich rein!‘“, erzählte Porcello Jahre später dem Tagesspiegel.

Buhmann Gräfe

Der KSC ging wieder raus – aus Liga eins im Sommer 2009 und aus Liga zwei zwei Jahre später. Dass unter Trainer Markus Kauczinski die Rückkehr ins Unterhaus glückte, dann aber nicht auch noch der Aufstieg in die Bundesliga, ist mit einem Namen verbunden: Manuel Gräfe. Der Schiedsrichter aus Berlin hat seit jenem fatalen Pfiff in der Nachspielzeit des Relegations-Rückspiels gegen den Hamburger SV am 1. Juni 2015 einen Spitzenplatz in der KSC-Feindbildgalerie. Der Ball an den Arm von Jonas Meffert aus vier Metern Entfernung war kein Handspiel, der zum Entsetzen der allermeisten der offiziell 27 896 Zuschauer verhängte Freistoß, der zum 1:1 und der Verlängerung mit dem dann glücklichen 2:1-Sieg des HSV führen sollte, wird auf ewig mit dem Stadion des aktuellen Drittligisten verbunden bleiben.