KSC-Torjäger Marvin Pourié ima. | Foto: GES/Prang

Pourié polarisiert gerne

Mal Teufel, mal Engel beim KSC

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Marvin Pourié hatte sich bei der 2:4-Niederlage gegen Feyenoord Rotterdam auch wieder in Diskussionen mit dem Schiedsrichter mächtig ins Zeug gelegt. Zwei Strafstöße, die dann nicht gegeben wurden, reklamierte der Karlsruher SC bei der Testspielniederlage im südspanischen Marbella gegen den Europa-League-Starter für sich ein, Pourié mit am lautesten. Noch bis Mittwoch bereitet sich der frühere Junioren-Nationalspieler mit seinen Mannschaftskameraden im südspanischen Marbella auf die Restrunde vor. Mit elf Saisontoren ist der Westfale im KSC-Dress hinter dem für die Spvgg Unterhaching stürmenden Stephan Hain (13) der zweitbeste Schütze in Liga drei. Pouriés Fußballkarriere ist eine bewegte, sein Selbstvertrauen groß und er freilich nicht auf den Mund gefallen. BNN-Sportchef René Dankert traf den KSC-Torjäger nach dem Duell mit den Holländern im Teamquartier, dem Hotel Guadalmina, zum Interview.

Herr Pourié, Ihr Werdegang im Fußball liest sich doch recht abenteuerlich. Sie haben das Innenleben von Top-Vereinen der Bundesliga und des FC Liverpool, den Fußball in Russland und Belgien kennengelernt wie auch ausgiebiger den in Dänemark. Wie erklärt sich das volle Dutzend an Stationen im Anschluss an Ihre Juniorenzeit?

Pourié: Ich habe immer gesagt, dass ich eine Weile auf Erkundungstour war. Ich hatte fünf Jahre lang eine schöne und erfolgreiche Zeit in Dänemark. Zum Schluss habe ich in Kopenhagen nicht wirklich ins System gepasst. Das war schade, weil ich eigentlich sehr gerne dort spielen wollte. Doch ich mochte eben auch gerne jedes Spiel machen. Da hat mich der Ehrgeiz und auch ein bisschen der jugendliche Leichtsinn gepackt. Ich entschied mich für eine neue Herausforderung und für etwas anderes, anstatt vielleicht mal die Arschbacken zusammenzukneifen und zu bleiben. Jetzt bin ich ein Jahr beim KSC und bin einfach glücklich.

2006 war ganz Deutschland vom Sommermärchen wie beschwipst – und Sie zog es weit weg von ihren Wurzeln im westfälischen Werne nach England zum großen FC Liverpool. Wie erinnern Sie sich an Ihre Fußball-Träume von damals?

Pourié: Ich war dreieinhalb Jahre bei Borussia Dortmund in der Jugend und es ging auch stetig bergauf. Es war nicht so, dass sie mich dann weggejagt hätten. Aber es hatten viele Sachen nicht mehr gepasst. Man wollte mich biegen, mich zu einem anderen machen als der ich bin. Da habe ich Dortmund verlassen, hatte auch schnell Angebote von anderen Junioren-Bundesligisten. Fast hatte ich schon beim VfB Stuttgart unterschrieben. Dann kam das Angebot, dass ich zum Probetraining nach Liverpool durfte. Schon nach drei Tagen stand fest, dass ich bleiben würde. Ich hatte dann eine Super-Zeit dort, in meiner ersten Saison 20 Tore gemacht und ich wurde Youth-Cup-Sieger. Erfahrungen sammelte ich danach bei den Amateuren und bei den Profis.

Vom BVB zu Schalke 04

Erstmals von zuhause weg, und dann gleich England. War das nicht extrem?

Pourié: Ich habe bei Gasteltern gewohnt. Am Anfang merkte ich gleich, dass ich mein Schulenglisch vergessen kann. Der Akzent der Liverpooler machte vieles nicht leichter. Nach drei Monaten war die Verständigung aber kein Problem mehr. Aus der Zeit nehme ich mit, dass ich heute Englisch fast wie meine eigene Muttersprache beherrsche.

Direkt danach landeten Sie wieder daheim. Auf Schalke…

Pourié (lacht): Richtig. Es war zwar wieder der VfB dran gewesen, aber ich habe mich für Schalke entschieden, weil es auch näher an Zuhause war. Das war wie ein Kindheitstraum, auch wenn es in meiner Region nicht einfach ist, als Ex-Dortmunder nach Schalke zu gehen. Viele meiner Freunde waren ja Borussia-Fans. Ich dachte, der damalige Trainer Fred Rutten hat mich fest eingeplant und es würde stetig nach oben gehen. Dann kam von jetzt auf nachher die Ausleihe, von der ich nichts wusste. So musste ich an meinem 18. Geburtstag nach München fahren. Ich bin dann mit Spaß und Freude rangegangen und hab immer geschaut, bei 1860 meine Spielpraxis zu bekommen.

Sie schilderten jetzt, was Sie erlebt haben, bevor Sie überhaupt volljährig waren. Noch viel bewegter ging es danach weiter. Hat Ihnen in den zehn Jahren danach Ihre Selbstsuche im Haifischbecken Profifußball nicht auch mal gestunken?

Pourié: Was heißt gestunken. Ich liebe Fußball. Nach meinen Kindern und nach meiner Frau ist Fußball wirklich mein Leben. Ich hatte mir als Teenager ja keinen Kopf gemacht. Da habe ich mich gefreut, sobald ich den Rasen unter den Füßen haben konnte oder ihn auch nur gerochen habe. Mit dem Haifischbecken haben Sie aber recht. Wenn man nicht mental gefestigt, darauf vorbereitet oder eine starke Persönlichkeit ist, wird es teilweise schwer.

„Ab und an ziemlich exzentrisch“

Ihnen eilt auch der Ruf voraus, nicht ganz einfach und nicht für jede Mannschaft verträglich zu sein…

Pourié: …ich polarisiere auf dem Platz gerne. Da bin ich sicher ab und an auch ziemlich exzentrisch. Aber ich habe diesen unglaublichen Siegeswillen. Früher habe ich mir nicht viel sagen lassen. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt und bin jung genug, um noch vieles im Fußball zu erreichen.

Welchen sehen Sie als Ihren exzentrischsten Zug an?

Pourié: Fehler spricht man nicht gerne bei sich an. Aber es ist schon so, dass ich es darauf anlege, auch mal anzuecken. Es ist vielleicht nicht immer angebracht, so aggressiv rüberzukommen. In England sagte man über mich, ich sei ein Teufel auf dem Platz, aber ein Engel daneben. Klar entstehen auf dem Platz Reibungen und man fetzt sich mal an. Aber danach ist das für mich gegessen. Das war für manche nicht so, deshalb war ich bei denen von hinten lieber gesehen als von vorne. Jetzt habe ich eine Mannschaft gefunden, die mich so akzeptiert, die mich so respektiert und die mit mir klarkommt.

Van Persies Trikot als Trophäe

Sind Sie privat auch schnell aufbrausend?

Pourié: Meine Frau und meine beiden Söhne sind mein Ruhepol. Privat fahre ich überhaupt nicht so aus der Haut, weil mich nichts bekümmert. Mein jüngerer Sohn ist eineinhalb Jahre alt, der ältere sieben Jahre. Wir gehen viel Fußball spielen, reden viel miteinander. Er ist absolut wissbegierig und fußballinteressiert.

Und hat den Papa zum Vorbild?

Pourié (lacht): Er steht mehr auf Ronaldo und Messi. Aber er schaut jedes Spiel von mir. Er sagt mir auch danach oft, was ich besser machen kann. Am Samstag gegen Feyenoord Rotterdam habe ich mich daran erinnert gefühlt, wie das ist, ein Kind zu sein und einen Kicker klasse zu finden…

Wie das?

Pourié: Ich habe das Trikot von Robin van Persie gekriegt. Das war in meiner Kindheit ein Spieler, der eine Qualität und Persönlichkeit hat, die ihn sehr, sehr weit kommen ließ.

Gab`s zum Trikot auch persönliche Worte?

Pourié: Wir haben uns kurz unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass es für mich eine Ehre war. Mit ihm auf dem Platz zu stehen. Man kann sich an so vieles erinnern. Er ist zwei, drei Mal Torschützenkönig der Premier League geworden, hat für Arsenal alles gegeben…es ist eine holländische Ikone.

Ihr Alltag wartet ab dem 27. Januar wieder in der Dritten Liga, Jahresauftakt beim FSV Zwickau. Der KSC will und muss wohl auch aufsteigen im Mai. Auf Sie kommt es dabei besonders an. Sehen Sie den KSC auch als persönliches Sprungbrett an?

Pourié: Ich bin 28 ich könnte noch sieben, acht Jahre Fußball spielen. Für mich ist aber erstmal die Rückrunde wichtig. Mein Vertrag verlängert sich um ein Jahr bei Aufstieg, alles andere drumherum zählt nicht. Ich habe zu Oliver Kreuzer auch schon gesagt, dass ich bei einem Angebot eines anderen Zweitligisten auf keinen Fall gehen werde.

Bei Aufstieg bleibt Pourié „auf jeden Fall“

In Anton Fink haben Sie einen kongenialen Partner im Angriff…

Pourié: Was soll ich über Toni sagen? Er ist mit Abstand der beste Spieler in der Dritten Liga. Die Qualitäten, die er hat, haben nicht mal in der Ersten Liga so viele. Toni hat ein Auge, der ist ein Instinktfußballer. Er macht einfach alles aus dem Bauch heraus. Wen man Toni Fußball spielen und seine Pässe sieht, muss man nicht lange darüber nachdenken, warum er Rekordtorschütze in der Liga ist.

Wie viele Steine erwarten Sie von der Konkurrenz auf dem erhofften Weg zum Aufstieg?

Pourié: Es wird schwer, keine Frage. Das ist jedem bei uns bewusst. Ich habe von Anfang an gesagt, dass man Uerdingen nicht unterschätzen sollte. Die kommen aus der Regionalliga und haben einen Investor hinten dran, Die können Gehälter zahlen, die kein anderer in der Liga zahlen kann. Es ist ja klar, dass sie sich auch jetzt im Winter weiter verstärkt haben, um aufzusteigen. Die wollen wie RB Leipzig oder Darmstadt 98 seinerzeit den Durchmarsch machen. Auch der VfL Osnabück hat sich verstärkt. So fahren wir am besten, weiter alleine auf uns zu schauen. Solange wir bescheiden sind und die Füße auf dem Boden halten, solange wir unsere Leistung bringen und an das glauben, was wir können, kann das eine gute Rückrunde werden. Das Ziel ist klar, das muss ich nicht erklären.

Hier geht es zur aktuellen Kolumne direkt vom Trainingslager an der Costa del Sol.