Fanmarsch des KSC begleitet von der Polizei.
Polizei begleitet Fanmarsch | Foto: GES

Rotes Rauchpulver gefunden?

Polizei korrigiert nach Derby in Stuttgart Angaben zu eingekesselten KSC-Fans

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Die Kritik am Vorgehen der Polizei nach dem Derby des KSC beim VfB Stuttgart hält an. Nun haben sich auch Eltern von KSC-Fans wegen ihren Kindern bei der Fanhilfe Karlsruhe gemeldet. Die Landespolizei in Stuttgart hat ihre Aussagen nun teilweise korrigiert.

Die Fanhilfe sammelt aktuell mit ihren Anwälten Anfragen zu den Vorfällen beim Derby zwischen dem VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC. Momentan geht sie von 591 Platzverweisen aus, die noch vor dem Spiel gegen Karlsruher Fans ausgesprochen wurden.

Der Kessel der Polizei sei laut Informationen der Fanhilfe nach dem Gießkannenprinzip gemacht worden. „Speziell viele Eltern von Minderjährigen melden sich bei uns“, sagt Martin Winter, Abteilungsleiter der Fanhilfe Karlsruhe. Vor allem für das Vorgehen gegenüber den unter 18-Jährigen müsse sich die Polizei rechtfertigen.

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Die Polizei in Stuttgart korrigiert am Montag auf Anfrage zwei Aussagen: Noch während des Einsatzes des Derbys zwischen dem VfB Stuttgart und dem Karlsruher Sport Club war von 200 Platzverweisen gegen KSC-Fans die Rede. Polizeisprecher Stephan Widmann erklärte, dass dies eine erste Schätzung gewesen sei. Nun ist von knapp 600 Platzverweisen die Rede, die bei dem Fanmarsch von der Haltestelle Untertürkheim zum Stuttgarter Stadion ausgesprochen wurden.

In einer ersten Stellungnahme der Beamten hieß es außerdem, dass während des Fanmarschs und vor dem Bahnhof Stuttgart-Untertürkheim „massiv“ Pyrotechnik abgebrannt wurde. Widmann nahm diese Aussage am Montag teils zurück. Der Polizeisprecher verwendete stattdessen den Ausdruck „mehrfach“.  Die Bilanz der Bundespolizei Stuttgart fiel am Sonntagnachmittag laut der eigenen Pressemeldung im Übrigen positiv aus.

Kurzfristige Taktikänderung der Polizei

Am Sonntag hatte die Polizei kurzfristig die Taktik geändert und die Mitfahrer der Fanbusse an der Haltestelle Untertürkheim aussteigen lassen. Die Karlsruher Fanhilfe und auch die Supporters, der KSC-Fandachverband, kritisierten dies. Denn in der Sicherheitsbesprechung im Vorfeld sei davon keine Rede gewesen. So sollten die Fanbusse beispielsweise direkt am Stadion parken und die Fans nicht in einer geschlossenen Gruppe zum Stadion laufen.

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Die Einsatzkräfte hätten mitbekommen, dass sich Fans vermummen möchten und Pyrotechnik mitführen. Bei dem Fanmarsch wurde nach Widmanns Aussage von Fans, die an der Spitze des Zuges liefen, mehrfach Pyrotechnik abgebrannt und auch in Richtung der Einsatzkräfte geworfen. Die Polizei hätte die Fans mehrfach gebeten, das zu unterlassen.

KSC-Fans kritisieren Polizei-Maßnahmen

Viele KSC-Fans berichten über die sozialen Kanäle davon, dass sie von der Polizei kontrolliert wurden. Die Anhänger der Blau-Weißen kritisieren dieses Vorgehen der Beamten. So schreibt zum Beispiel Kai Müller über Facebook, dass die Fans von „oben bis unten gefilmt“ wurden. In der Gruppe der knapp 600 eingekesselten KSC-Fans seien auch Frauen und Kinder gewesen.

Sieben Jugendliche unter 18 Jahren wurden kontrolliert

Die Polizei bestätigt das, spricht aber von einer geringen Anzahl Minderjähriger. „Bei den Personenkontrollen waren auch sieben Jugendliche unter 18 Jahren dabei“, sagt Widmann. Alle Betroffenen wurden gefilmt und ihre Personalien wurden erfasst. Dies habe einige Zeit beansprucht.

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Der Mitteilung des Fanprojekts Karlsruhe zufolge hatten die festgehaltenen KSC-Anhänger für fast fünf Stunden weder Versorgungsmöglichkeiten, noch eine Zugang zu einer Toilette. Weiter heißt es in der Stellungnahme, dass die Polizei und die Einsatzleitung der Gästefans an vielen Stellen nicht kommunikationsbereit gewesen wären.

„Das ließ uns keinen Spielraum die Situation zu klären und den Fans zu vermitteln.“ Die Polizei dementiert dies. Laut Widmann hätten die Fans zu trinken und den Zugang zu Dixi-Toiletten gehabt. Alle Fans seien nach Spielende wieder in Untertürkheim gewesen, damit sie den Heimweg antreten konnten.

Polizei gibt Ratschläge

„Wer Karten für einen anderen Block hatte, konnte aus dem Kessel heraus“, heißt es vom Sprecher der Landespolizei. Die Beamten haben auch einen Ratschlag für Fans, um solche Kontrollen zu umgehen. Man solle sich nicht im Umfeld von Personen aufhalten, die Straftaten begehen könnten. Konkreter wurde der Sprecher der Polizei nicht.

Dieses rote Rauchpulver soll im Gästefanblock am Vortrag des Spieltags gefunden worden sein.
Dieses rote Rauchpulver soll im Gästefanblock am Vortrag des Spieltags gefunden worden sein. | Foto: privat

Rotes Rauchpulver im Gästefanblock gefunden?

Einen Tag zuvor wurde bei einer Routinekontrolle im Gästeblock in der Untertürkheimer Straße des Stadions bereits pyrotechnische Gegenstände gefunden und sichergestellt. Nach einem Foto, das den BNN vorliegt , soll es sich um rotes Rauchpulver handeln. Aufgrund laufender Ermittlungen und Vorwegnahme von Täterwissen konnte Widmann dies auf Nachfrage nicht bestätigen.

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Nach dem Spiel ging der Polizeieinsatz weiter. Zeugen berichten davon, dass die Polizei auch Pfefferspray gegen KSC-Fans einsetzte.

 

KSC kritisiert Polizei-Einsatz

Auch der Karlsruher SC meldete sich am Montagnachmittag in einer Stellungnahme. Darin distanzierte sich der Verein zunächst von jeglicher Gewalt gegenüber Polizisten. Der Zweitligist kritisierte aber die Vorkommnisse während des Polizeieinsatzes gegenüber den KSC-Fans.

„Der KSC stellt fest, dass es nicht sein darf, dass Unbeteiligte über mehrere Stunden festgehalten werden und solange nicht die Möglichkeit haben, sanitäre Einrichtungen wie beispielsweise Toiletten zu besuchen oder sich mit Essen und Getränken zu versorgen“, heißt es in der Mitteilung. Auch seien die sogenannten szenekundigen Beamten der Polizei Karlsruhe nicht in den Einsatz der Stuttgarter Beamten involviert gewesen.

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Auch die kurzfristige Schließung des Gästeparkhaus P7 verurteilt der Verein. So hätten KSC-Fans in der Nähe des Stuttgarter Heimbereichs parken müssen. „Die Umsetzung der polizeilichen Maßnahmen war aus unserer Sicht unverhältnismäßig. Auch die Kommunikation gegenüber Fans, Fanprojekt, Fanbetreuung und Vereinsvertretern hätte besser laufen müssen“, erklärte KSC-Geschäftsführer Michael Becker.

Auch der Stadtjugendausschuss meldet sich zu Wort

„Der Stadtjugendausschuss verurteilt, dass sich die Polizei beim Derby VfB Stuttgart gegen Karlsruher SC nicht an getroffene Absprachen gehalten hat“, schreibt deren Vorsitzender Daniel Melchien in einer Mitteilung.

„Wenn Vereinbarungen zwischen Fanprojekt und Polizei, die die Sicherheit der Fans und die Friedlichkeit des Fußballspiels zum Ziel haben, plötzlich einseitig aufgekündigt werden, dann stört dies auch massiv das Vertrauensverhältnis zwischen den Besuchern des Fanprojekts und den Mitarbeitenden dort“, stellt Melchien fest.

Dieses Vertrauen basiere darauf, dass sie sich auf Aussagen der Fanprojekt-Mitarbeitenden verlassen könnten. „Damit wird die pädagogische Arbeit von mehreren Jahren gefährdet“, erläutert der Vorsitzende die Problematik.

Bei dem aus Sicht des Stadtjugendausschusses unverhältnismäßigen Einsatz der Polizei ist das Fanprojekt massiv in seiner Arbeit beeinträchtigt worden. 

 

Was betroffene KSC-Fans tun können

Noch am Montag soll auf der Homepage der Fanhilfe Karlsruhe ein Vordruck online gestellt werden, den Betroffene ausfüllen können. Diese können so in Erfahrung bringen, ob ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet wurde oder nicht und dann die Einstellung fordern. Ob das möglich ist, entscheidet laut Winter dann die Staatsanwaltschaft.

Vorfall mit Stuttgarter Reiterstaffel

Nicht die erste negative Erfahrung für KSC-Fans in Stuttgart: Schon im September 2008 kam es nach einem Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC zu einer Auseinandersetzung, bei der die Stuttgarter Polizei mit einer Reiterstaffel unangemessen gegen Karlsruher Fans vorgegangen ist. Das Verfahren wurde im Mai 2009 eingestellt.