Vorfreude auf Karlsruhe: Die deutsche Kugelstoßerin Christina Schwanitz. | Foto: dpa

Schwanitz in Karlsruhe

Neuland auf bekanntem Terrain

Kaum dass Christina Schwanitz einen Blick auf das Bild der Messehalle 2 mit verlegter Leichtathletik-Bahn in Kornblumenfarbe geworfen hatte, meinte die Kugelstoßerin ins Blaue hinein: „Sieht aus wie in Göteborg.“ Dass sich die Sächsin gestern an die Wettkampfstätte erinnert fühlte, in der sie 2013 ihren ersten internationalen Titel gewonnen hatte, hatte einen guten Grund: Die Anlage ist schließlich exakt jene, die Schwanitz vor vier Jahren den Boden bereitet hatte für ihre Goldmedaille bei der Hallen-Europameisterschaft und die die Stadt Karlsruhe im Herbst 2014 erwarb. Nun liegt die Bahn zum dritten Mal für einige Tage auf dem Messegelände aus, wo am Samstag das 33. Indoor Meeting stattfindet. Erstmals mit Kugelstoßen für Frauen.

Ich will jetzt einige Zentimeter drauflegen. Achtzehneinhalb Meter wären toll

Neuland auf bekanntem Terrain also für die 31-Jährige mit Bestweite von 20,77 Metern, die am Tag nach ihrem Saisoneinstieg in Düsseldorf mit recht mittelprächtigen 18,13 Metern und Platz zwei ankündigte: „Ich will jetzt einige Zentimeter drauflegen. Achtzehneinhalb Meter wären toll.“ In Göteborg 2013 hatte Schwanitz die Kugel auf 19,25 Meter gewuchtet und damit auf eine Weite, für die sich die Sportsoldatin nach einem anstrengenden Sechs-Wochen-Lehrgang bei der Bundeswehr derzeit noch nicht in Form fühlt. Aber es gehe ihr auch weniger um die Weite, als vielmehr um den Sieg in Karlsruhe, sagte die Weltmeisterin 2015 und Deutschlands damalige Sportlerin des Jahres bei einer Pressekonferenz im Athletenhotel in Ettlingen. Schließlich zählt Kugelstoßen zu den elf Disziplinen, in denen im Rahmen der World Indoor Tour 20 000 Dollar für den jeweiligen Gesamtsieg ausgelobt sind. Karlsruhe ist nach Boston und Düsseldorf dritte Station der Premiumserie, es folgen noch Torun in Polen (10. 2.) und Birmingham (18. 2.).

Fokus liegt auf der WM in London

Das Meeting in der Messehalle bezeichnete Frohnatur Schwanitz als weichenstellend für ihre kommenden Winter-Wettkampf-Wochen, an deren Ende sie bei der Hallen-EM in Belgrad erneut den kontinentalen Titel gewinnen will. Ihr Hauptaugenmerk 2017 aber gilt der Titelverteidigung im August bei der WM in London, wo sie sich zu rehabilitieren hofft für ihren enttäuschenden sechsten Platz bei den Sommerspielen in Rio. Dass Schwanitz bei Olympia ihre Ziele verfehlt hatte, führte sie auch auf den Umstand zurück, dass am Tag vor dem Finale eine sehr gute Freundin verstorben war. Auch diesen „Schicksalsschlag“ arbeitete die Frau, die Kugelstoßen als ihre „Leidenschaft“ bezeichnet, in ihrer Autobiografie auf mit dem Titel „Es ist doch nur Kugelstoßen“. Mit dem Buch wolle sie Menschen Mut machen, die ebenfalls in einem Loch seien. Ihr Lebensmotto sei: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weiter geht’s.“

Christina Schwanitz ist eine von 29 WM-Medaillengewinnern, die am Samstag an den Start gehen werden. Zum illustren Feld zählt auch die Australierin Sally Pearson, die im Hürdensprint schon alle Titel gewonnen hat. Das Rennen über die 60 Meter Hürden mit Europameisterin Cindy Roleder aus Halle, Hallen-Weltrekordlerin Susanna Kallur aus Schweden und vor allem Freiluft-Weltrekordlerin Kendra Harrison aus den USA verspricht Höhepunkt der ausverkauften Veranstaltung zu werden. Auch das Hürden-Rennen der Männer mit dem Olympiazweiten Orlando Ortega aus Spanien an der Spitze hat Weltklasse-Potenzial, auch wenn der Franzose Dimitri Bascou absagen musste. Der Olympiadritte verletzte sich in Düsseldorf, wo er zeitgleich hinter Ortega Zweiter geworden war.