Geld und Fußball - auch im Amateurbereich ist das ein großes Thema. | Foto: GES

FOLGE 4 DER ARTIKELSERIE

Die Sorgen der Amateure: Das Geld spielt mit

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An der Basis herrscht Alarm. Der Volkssport Fußball ächzt. Das Ehrenamts-Dilemma belastet auch ihn. Die Aggression auf und neben den Plätzen erschwert die Schiedsrichter-Akquise. Mit der Serie „Notelf – die Sorgen der Amateure“ versucht sich diese Zeitung an einer Bestandsaufnahme in elf Teilen. Samstags im Zweiwochenrhythmus pfeifen wir immer ein neues Thema an. Die Nummer vier: Spielertransfers.

An den Stammtischen in den Vereinsheimen – aber nicht nur dort – schwelgen Fußball-Romantiker gerne in Erinnerungen, erzählen von der guten alten Zeit, als die Spieler alle noch aus dem eigenen Dorf kamen, von Kleinauf schon für den heimischen Club über den Rasen wetzten. Als diese noch für umme die Kickschuhe schnürten und die „Siegprämie“ in flüssiger Währung ausbezahlt wurde. Und heute? Pokern auch die Amateure um jeden Euro? Floriert neben den Dorfplätzen der Transfermarkt? Schießt teilweise schon in der B-Klasse das Geld die Tore?

Heute für viele ein Nebenverdienst

„Früher gab’s eine Kiste Bier und Geld in die Mannschaftskasse für einen Ausflug, heute ist Fußball für viele ein Nebenverdienst“, sagt Christian Veit, Spielausschuss bei den Kickers aus Büchig, einem Stadtteil Brettens.

In Büchig setze man schon auf die eigene Jugend, betont Veit, aber: „In der Kreisliga oder Landesliga wirst du das in einer 1.500-Seelen-Gemeinde nicht mehr nur mit Eigenen schaffen.“ Also halten die Kickers, aktuell Spitzenreiter der Kreisliga Bruchsal, jedes Jahr nach externen Verstärkungen Ausschau.
Auch viele andere Vereine sondieren regelmäßig den Markt, was zunächst einmal weder neu noch verwerflich ist.

Dennoch steht für Werner Knaus außer Frage, dass sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in den unteren Ligen einiges verändert hat. „Die Amateure haben viele Strukturen von den Profivereinen übernommen – in abgespecktem Maß“, sagt der 76-Jährige und denkt dabei auch an die Gepflogenheiten bei Spielertransfers.

Knaus weiß, wovon er spricht. Mehr als 30 Jahre lang coachte er Verbands- und Landesliga-Teams, seit fast 25 Jahren steht er der Fußballtrainer-Vereinigung Bruchsal vor, ist in der Übungsleiter-Gilde bestens vernetzt. Mit Sorge beobachtet er: „Manche Vereine machen gar keine Jugendarbeit mehr und sagen, es ist günstiger, fertige Spieler zu holen.“

Die Zahl der Spielertransfers (Junioren und Erwachsene) im Gebiet des Badischen Fußball-Verbands (bfv) hat sich laut bfv in den vergangenen Jahren moderat erhöht. Im Jahr 2013 meldete der bfv rund 10 100 Wechsel, 2016 etwa 11 100 und 2018 rund 11 950. Die Ablösesumme, die der neue Verein an den alten zu zahlen hat, kann nicht frei bestimmt werden. Bei der Berechnung spielt die Liga des aufnehmenden Vereins eine Rolle, ob dieser eigene Jugendteams hat und wie lange der Spieler beim abgebenden Club war.
Für einen Akteur, der innerhalb der Kreisliga wechselt und der mindestens drei Jahre beim abgebenden Club war, werden 750 Euro fällig, in den Klassen darunter die Hälfte. Wechselt ein Vertragsspieler, dessen Kontrakt noch weiterlaufen würde, ist die Ablöse frei verhandelbar.

 

Zwar kann der bfv nicht feststellen, dass die Vergütung von Vertragsspielern in den vergangenen Jahren durchschnittlich gestiegen ist, doch der Eindruck, dass so mancher Verein bereit ist, für Neuzugänge immer tiefer in die Tasche zu greifen, hat sich in der Branche verfestigt. Schon in der Kreisliga ist ein Monatssalär von mehreren Hundert Euro – inklusive Prämien – keine Seltenheit mehr. Und selbst in den Ligen darunter streift sich so mancher Kicker nur gegen Bares das Trikot über.

Alle Beiträge der Serie Notelf: Hier lang.

Auch die Infrastruktur und der Trainer können Anreiz sein

Beim FV Hambrücken gehen die Uhren in dieser Hinsicht ein wenig anders. Der Kreisligist setzt konsequent auf die eigene Jugend und würde auch im Falle eines Aufstiegs nicht von seiner Philosophie abrücken, sagt dessen Vorsitzender Franz Rudolph: „Wenn es in der Landesliga nicht klappt, gehen wir halt wieder runter.“ Um die eigenen Talente im Verein zu halten und den einen oder anderen Externen anzulocken, versuchen die Hambrücker mit anderen Werten zu punkten als mit der Aussicht auf einen stattlichen Zuverdienst. Die Kameradschaft sei wichtig, betont Rudolph, und die Infrastruktur. „Die stimmt bei uns. Wir haben einen Fitnessraum, zwei Rasenplätze, einen Hartplatz“, zählt er auf. „Und außerdem einen guten Ruf.“
Mit einem – zumindest in puncto Transferaktivitäten – negativen Image kämpft dagegen Verbandsligist ATSV Mutschelbach. Der Club aus Karlsbad, so heißt es, werfe mit Geld um sich, um der Konkurrenz die besten Akteure abspenstig zu machen. „Das bekommen wir natürlich mit“, sagt der seit vergangenen Sommer amtierende Trainer Dietmar Blicker zu den Gerüchten und stellt klar: „Die Summen, die da immer kolportiert werden, sind schlichtweg falsch.“ Überhaupt gebe es mehrere Gründe, warum Spieler – zur neuen Runde sind es vier, durchaus namhafte Zugänge – nach Mutschelbach wechseln. „Die Infrastruktur spielt eine Rolle“, schlägt Blicker in die gleiche Kerbe wie Rudolph. Und die handelnden Personen seien wichtig. „Die Spieler kommen auch wegen mir“, sagt Blicker, der aber auch davon berichtet, dass immer wieder Kicker des Geldes wegen in Eigeninitiative beim ATSV anklopfen.

Ich muss mich mit einem Verein identifizieren können

Mit einem Anruf von Uwe Beck dürfen die Mutschelbacher nicht rechnen. Der Torjäger fühlt sich beim Kreisligisten TV Spöck pudelwohl und das schon seit vielen Jahren. Mit dem Hobby den eigenen Kontoauszug aufhübschen? Muss nicht sein, findet Beck. „Ich verstehe die Leute nicht, die wegen Geld wechseln und sich dann nicht wohlfühlen.“ Trainer, Mitspieler, das Umfeld, ja auch die Fraktion vom Stammtisch, die seien doch das Entscheidende. „Ich muss mich mit einem Verein identifizieren können“, sagt der 28-Jährige, der in der Vergangenheit nach eigener Aussage mehrere lukrative Angebote ausgeschlagen hat. „Finanziell hätte sich ein Wechsel schon gelohnt, sogar in eine niedrigere Klasse“, berichtet Beck. Doch am Ende müsse bei ihm halt „der Wohlfühl-Faktor“ stimmen.

Ohne Geld hast du heutzutage keine Chance mehr

Das Interesse anderer Clubs zieht auch Mehmet Bozkurt auf sich, der aktuell für den FV Hambrücken stürmt und in der laufenden Kreisliga-Saison bester Schütze ist. Im Gegensatz zu Beck, der bislang nur für den FV Hochstetten und Spöck auflief, hat Bozkurt bereits mehrere Wechsel hinter sich. Für die Fvgg Neudorf und den FC Huttenheim spielte er in der Kreisliga, für den FC Heidelsheim in der Landesliga. Der Familie und der Schichtarbeit wegen wollte Bozkurt in dieser Runde kürzertreten. Gut möglich, dass der 26-Jährige künftig wieder höherklassig angreift: Drei Verbands- und zwei Landesligisten hätten bereits angefragt. Das Finanzielle spiele schon eine Rolle, gibt Bozkurt zu, aber auch Trainer, Mannschaft, sportliche Perspektive. „Teilweise bieten die Vereine mehr als früher“, hat er festgestellt.
Ein Eindruck, den nicht nur Bozkurt gewonnen hat. „Ohne Geld hast du heutzutage keine Chance mehr im Fußball“, findet Veit, der sich das durchaus anders wünschen würde: „Am liebsten wären uns lauter Eigene aus dem Dorf, die umsonst kicken.“ Nicht nur an den Stammtischen würden sie diesen Satz sofort unterschreiben.

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