MEHR BOLZPLATZMENTALITÄT mit Mut zum Dribbling, Ellbogenmentalität, Anarchie am Ball und im Raum wünschen sich nicht nur die Verantwortlichen beim DFB. Hier spielen Matteo und Luc auf dem Platz in der Karlsruher Hohenzollernstraße. | Foto: GES

Die Nummer sieben der „Notelf“

Die Suche nach den Bolzern

Anzeige

Am 3. Mai begann die Zukunft des deutschen Fußballs. Ort: Frankfurt-Niederrad. Uhrzeit 13.37 Uhr. Spatenstich für die neue DFB-Akademie. 2021 soll das Leuchtturmprojekt, fertig sein. Kostenpunkt: Rund 150 Millionen. Dort, auf der ehemaligen Galopprennbahn, sollen die Kräfte gebündelt und der Fußball hierzulande wieder an die Weltspitze geführt werden. Von dieser hatte er sich nach dem Titelgewinn bei der WM 2014 in Brasilien nach und nach entfernt – mit dem Tiefpunkt des krachenden Scheiterns der DFB-Auswahl vor einem Jahr in Russland.

„Wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität“

Wenn Oliver Bierhoff über die Anforderungen an die künftigen Nationalspieler spricht, lässt ein Satz aufhorchen. „Wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität“ findet der Manager der deutschen Eliteauswahl. Bolzplatz – das bedeutet Individualität, Mut zum Dribbling, Ellbogenmentalität, Anarchie am Ball und im Raum. Also all das, für das es in der Vergangenheit im Ausbildungssystem wenig bis gar keinen Platz mehr gab. Daher wird auf dem Akademie-Gelände auch ein sogenannter „Käfig“ gebaut. Doch dieser eine Fußball-Zwinger in Frankfurt-Niederrad wird für eine möglichst goldene Zukunft nicht ausreichen. Die Hoffnung auf bessere Zeiten kickt in den Städten und Dörfern, in den Kommunen und Gemeinden. Doch gibt es den Straßenfußball, in dem Weltmeister wie Jérôme Boateng und andere Profis die ersten Schritte gemacht haben, überhaupt noch?

„Generation Playstation“

Markus Beideck findet, dass es weniger geworden ist. Der Jugendleiter des ASV Hagsfeld hat den Eindruck, dass die Bolzplätze in seiner Gegend nicht mehr so stark frequentiert sind wie früher. Ähnlich sehen es Sascha Kühfuss und René Göttler, Jugendtrainer bei der Spvgg Durlach-Aue. Das Freizeitverhalten habe sich geändert, Kühfuss spricht von der „Generation Playstation“. „Wie viele gehen denn heute wirklich noch raus auf den Platz zum Bolzen, was früher normal war.“ Wenn es draußen regnet, werde lieber zu Hause an der Konsole gezockt.
Göttler sieht aber auch die langen Schulzeiten heutzutage als Grund für den Schwund auf den Bolzplätzen. „Ganztagsschulen, Nachmittagsunterricht – die kommen ja gar nicht mehr zum Fußball spielen, so wie wir früher. Da war die Schule um 13 Uhr vorbei, Rucksack ins Eck, Ball raus und ab auf den Bolzplatz. Hausaufgaben konnten wir dann abends immer noch machen“, sagt Göttler. Auch die Ruhezeiten der Plätze schränken das Spielen ein, wie Beideck bemerkt.

Kaum noch starke Straßenfußballer

„Straßenfußballer sind die Spieler, die am Ende den Unterschied ausmachen“, findet Kühfuss. Im Zuge der Flüchtlingswelle waren einige Spieler aus dem Ausland zur Spvgg gestoßen. „Ein Spieler kam aus Afrika – ein Straßenfußballer, wie es besser nicht geht. Er hat erzählt wie er in Afrika mit einem lottrigen Lederball gekickt hat. Der war technisch unser stärkster Spieler“, berichtet Kühfuss: „Solche Typenfußballer vermisse ich in Deutschland. Der Trend wird aber wieder zu den Straßenfußballern hingehen.“

Das hofft auch Dietmar Blicker. Der Trainer des Verbandsligisten ATSV Mutschelbach ist stellvertretender Geschäftsführer des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am KIT und Fachleiter Fußball. Zudem ist er Leiter Zertifizierung des Nachwuchsleistungszentrums des Karlsruher SC. „Wirklich starke Straßenfußballer gibt es heute kaum noch“, findet Blicker.
Vor eineinhalb Jahren habe man ein Bolzplatz-Turnier-Tour in der Fächerstadt organisiert. Die Resonanz: ernüchternd. „Früher hätten sie dafür Schlange gestanden“, glaubt Blicker, der ebenfalls die gesellschaftlichen Veränderungen als Hauptgrund ansieht. Die Jugendlichen hätten einfach viel mehr Alternativen als früher.

Groß gegen klein

In Beiertheim und Bulach scheint der Straßenfußball dagegen gefragt zu sein. „Dort gibt es zahlreiche Bolzplätze und die sind immer voll“, berichtet Andy Jung, der Jugendleiter des SV K-Beiertheim. Nicht nur Freizeitkicker seien dort zu finden, sondern auch Vereinsspieler, die dann auch ihr Trikot tragen. „Das zeigt dann die Identifikation mit dem Club und macht uns interessant“, sagt Jung. Handlungsschnelligkeit, Ballbehandlung, Problemlösung auf engstem Raum – all das werde geschult. „Die Jungen spielen da schon gegen Größere. Das ist ja nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Sie lernen, sich durchzusetzen“, betont Jung.

Kaum klassischer Straßenfußball im Kreis Bruchsal

Laut der Stadt Karlsruhe gibt es in der Fächerstadt 67 Bolz- und Ballspielflächen. Ob das zu wenig sind, mag Beideck nicht beurteilen. „Mehr ist aber natürlich immer besser.“ Im Kreis Bruchsal gibt es den klassischen Straßenfußball nicht, wie Heinz Blattner erklärt. „Dafür ist die Gegend zu ländlich, das konzentriert sich mehr auf die Vereine“, sagt der Kreisvorsitzende. Ausnahmen gibt es, wie beispielsweise in Flehingen. Dort gibt es zwei Bolzplätze. „Die sind unglaublich gefragt“, sagt Sven Herbstritt, Jugendleiter beim FC Flehingen. Die Spieler aus seinem Verein würden dort regelmäßig auch außerhalb des regulären Trainings spielen.

„Mein NLZ war die Straße“

Von den talentierten Straßenfußballern haben die Amateurclubs meistens kaum etwas, die zieht es in die Nachwuchsleistungszentren (NLZ) der großen Proficlubs. „Mein NLZ war die Straße“, sagt Rainer Scharinger: „Ich hatte den Ball schon vier Stunden am Fuß, bevor ich überhaupt ins Training bin. Was ich in einer Woche gekickt habe, kicken manche Kinder heute in einem Jahr“. Der Alltag eines Kindes sei heute ganz anders. Für den 52 Jahre alten Verbandssportlehrer des Badischen Fußballverbandes (bfv) ist klar: Straßenfußball muss wieder Einzug halten ins Training. Das heißt: freies Spiel auf engem Raum mit vielen Kontakten. „Mut zum eins gegen eins – da müssen wir wieder hinkommen“, betont der ehemalige Profi des Karlsruher SC: „Die Trainer müssen die Spieler stützen und Rückhalt geben, denn bei Tricks und Finten im Eins-gegen-eins geht am Anfang im Wettkampf vieles schief.“

Bolzplatzliga kommt an

Gepflegt gebolzt wird seit April in Karlsruhe in der erstmalig ausgetragenen Bolzplatzliga, die vom Schul- und Sportamt der Stadt sowie dem Stadtjugendausschuss ins Leben gerufen wurde. „In anderen Städten gibt es das schon länger. Wir fanden das super und die Resonanz ist bislang absolut positiv“, berichtet Till Hofmann vom Kinder- und Jugendhaus Südstadt. Gespielt wird in den Altersklassen zehn bis 14 und 15 bis 20 Jahre. Bei den Jüngeren sind fünf Teams mit fünf bis zehn Spielern dabei, bei den älteren Jahrgängen sieben Mannschaften. Zehn Minuten kicken die Jugendlichen im Vier-plus-eins nach Hallenregeln an insgesamt fünf Spieltagen gegeneinander. Gespielt wird immer auf anderen Bolzplätzen wie hinter der Dragonerhalle oder auf dem Penny-Markt-Dach in der Nordweststadt. Die Finalspiele finden am 13. Juli auf dem Bolzplatz Kühler Krug statt.

Die Bolzplatzliga dient vor allem zur Förderung der interkulturellen Verständigung von Kindern und Jugendlichen. „Wir haben Fußballer mit verschiedensten Nationalitäten dabei. Afghanen, Italiener, Deutsche“, sagt Hofmann. Schiedsrichter gibt es keine, nur Spielbeobachter, die mit den Teams nach Abpfiff in der sogenannten Fair-Play-Zone bestimmte Szenen nochmal diskutieren.

Ehemalige Clubkicker in der Überzahl

Aktive Vereinsspieler, soweit Hofmann weiß, sind in der Liga kaum zu finden. Dafür schnüren vor allem ehemalige Clubkicker die Fußballschuhe. „Jugendliche, die keine Lust mehr hatten auf den ständigen Erfolgsdruck oder von Trainern genervt waren“, berichtet Hofmann. Der sogenannte Drop-out.
Neben dem integrativen Charakter will die Bolzplatzliga, die auch im Winter in der Halle und im kommenden Sommer weitergeführt werden soll, die Generation Play-Station nach draußen holen. Und wer weiß, vielleicht bekommt durch den Kick auf der Straße der ein oder andere wieder Lust auf Vereinsfußball und führt den DFB zurück in goldene Zeiten.

Erschienene Beiträge der Serie lesen Sie online unter www.bnn.de/notelf. Dort und per E-Mail „notelf@bnn.de“ sind Ihre Erfahrungen gefragt. Wie erleben Sie die Situation des Vereinsfußballs?