Durch die Schule von Verbandssportlehrer Rainer Scharinger müssen alle badischen Lizenz-Anwärter | Foto: GES

Folge 2 der Artikelserie

Sorgen der Fußballamateure: Die Bedeutung des Trainers

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An der Basis herrscht Alarm. Der Volkssport Fußball ächzt. Das Ehrenamts-Dilemma belastet auch ihn besonders. Die Aggression auf und neben den Plätzen erschwert die Schiedsrichter-Akquise. Mit der Serie „Notelf – die Sorgen der Amateure“ versucht sich diese Zeitung an einer Bestandsaufnahme in elf Teilen. Samstags im Zweiwochenrhythmus pfeifen wir immer ein neues Thema an. Die Nummer zwei: die Bedeutung der Trainer.

Ungemütlich ist der Donnerstagabend. Ein Sturm peitscht den Regen übers Gelände der Spvgg Durlach-Aue. Auf einem der Plätze trotzen Jugendspieler den Bedingungen. Sascha Kühfuss und Rene Göttler haben sich ins warme Vereinsheim zurückgezogen. Ihre Trainingseinheit mit den B-Junioren: gestrichen. „Mit den Pfützen auf den Platz war kein richtiges Training möglich“, erklärt Kühfuss. Für den B-Lizenzinhaber sind gute Trainingsbedingungen ein Muss. Das Duo ist seit Jahren im Juniorenbereich tätig. Ihr Motto? „Zuckerbrot und Peitsche. Wir haben beide die Erfahrung von zwölf Jahren Bundeswehr und bei der Peitsche einiges im Repertoire“ sagt Kühfuss und lacht: „Doch das Zuckerbrot können wir auch ganz gut.“ Der Spaß am Fußball stehe aber über allem.

Verhältnis zum Trainer spielt wesentliche Rolle

Der 31-Jährige weiß, in welchem sensiblen Alter seine Talente sind. Stichwort Pubertät. Eine Phase, in der Jugendliche eigene Grenzen austesten, aber auch die ihrer Umwelt. Und in der viele Nachwuchskicker den Fußball sein lassen. Der Dropout beginnt ab den C-Junioren. Erhebungen ergaben, dass das persönliche Verhältnis zum Trainer eine wesentliche Rolle spielt – und dessen Qualität.
Dass das Niveau auf den Bänken zu schlecht sei, findet Rainer Scharinger nicht. „Es gibt in allen Jobs gute und schlechte Mitarbeiter. Dass es mal zwischen Spielern und Trainern nicht passt, ist nicht zu verhindern“, betont der Verbandssportlehrer des Badischen Fußballverbandes (bfv). Ein grundsätzliches Qualitätsproblem sieht der ehemalige Profi und Coach des KSC nicht. „Heute lassen sich viel mehr Trainer qualifizieren und kommen in die Verbände zur Trainer-Ausbildung“, sagt Scharinger. Und zur neuen Saison sieht der Verband zudem eine Änderung vor: Wer fortan eine Verbandsligamannschaft anleiten will, der benötigt eine B-Lizenz. Für die Trainingsleitung bei einer Frauen- oder Jugend-Verbandsligamannschaft ist eine C-Lizenz erforderlich.

Hier geht’s zu Teil 1 der Serie

bfv bildet rund 200 Trainer pro Jahr aus

Rund 200 C- und B-Lizenz Coaches bildet alleine der bfv pro Jahr aus. Darüber hinaus bietet der bfv eine Vielzahl von Ausbildungsmodulen an. Das Ausbildungssystem des DFB ist aufgegliedert in C-, B-, A- und Fußballlehrer-Lizenzen. Die Leitplanken gibt der Dachverband vor. In diesen können sich die Landesverbände, die für die Ausbildung bis inklusive zur B-Lizenz innerhalb der Ausbildungspyramide zuständig sind, frei bewegen. Dezentrale Angebote gibt es in den jeweiligen Kreisen. Ab der A-Lizenz geht es beim DFB in die Lehre.

„Trainer. Psychologe. Motivator. Mutti.“

In der Sportschule Schöneck, dem Sitz des bfv, hängt im Empfangsbereich ein Plakat. Ein Trainer schaut den Betrachter entschlossen an. Daneben steht „Trainer. Psychologe. Motivator. Mutti.“. Der moderne Coach muss also mehr können als Hütchen aufstellen und das Training leiten. „Früher benötigte ein Trainer bei seiner Arbeit 90 Prozent Fachkompetenz und zehn Prozent Menschenführung. Heute ist das Verhältnis dieser Kompetenzen eher bei 50:50“, erklärt Scharinger.
Für Thomas Rößler, Vorsitzender des Fußballkreises Karlsruhe, nehmen Übungsleiter teilweise die Rolle eines Sozialarbeiters ein. Und sein Kollege aus Bruchsal, Heinz Blattner, sieht die Trainer auch in einer Art Vaterrolle: „Es gibt heute viel mehr alleinerziehende Mütter. Im Kindergarten und in der Schule sind es überwiegend ebenfalls Frauen, sodass der Trainer für Jugendliche oft einzige männliche Bezugsperson ist.“ Die Jugendlichen geben ihre Probleme aus dem Alltag nicht an der Kabinentür ab.

Immer wichtiger, „die Sprache der Jugendlichen zu sprechen“

Viele Vereine haben die Notwendigkeit einer guten Ausbildung erkannt. Wer sich auf den Online-Präsenzen der Clubs umschaut, sieht immer mehr Leitbilder für die Jugendarbeit, in denen die Qualifizierung als wichtiger Baustein benannt wird. So legt der TuS Mingolsheim Wert darauf, dass sich seine Trainer fortbilden, wie Jugendleiter Matthias Hostadt anmerkt. Bereits ab 15 ist dies mit der Juniorcoach-Lizenz des DFB möglich. Die TuS setzt auf die Jugend und setzt sie als Co-Trainer ein. Und Übungsleiter mit sozialem Talent werden bevorzugt in den zweiten Mannschaften eingesetzt, in denen weniger der Leistungsgedanke als vielmehr die soziale Komponente zählen. Auch beim TSV Reichenbach hat man erkannt, dass es im Juniorenbereich immer wichtiger ist, „die Sprache der Jugendlichen zu sprechen“, wie Manuel Mess berichtet. Der Koordinator der A- bis C-Junioren des TSV hat selbst mit 18 als Trainer angefangen. Den zeitlichen Aufwand der Trainerausbildung findet Mess angemessen angesichts des vermittelten Inhalts.

Bildungszeitgesetz kann helfen

Es gibt Lehrgänge von Freitag bis Sonntag, in der B-Lizenz sind es aber auch fünf Tage – unter der Woche. Arbeitnehmer müssen sich also Urlaub nehmen. Hilfreich ist in Baden-Württemberg dabei das Bildungszeitgesetz, welches Beschäftigten den Anspruch einräumt, sich zur Weiterbildung von ihrem Arbeitgeber an bis zu fünf Tagen pro Jahr freistellen zu lassen. Für Arbeitnehmer in kleinen Betrieben trotzdem schwer zu bewältigen.
Der bfv versucht daher auch immer wieder, Angebote in den Fußballkreisen anzubieten, um den zeitlichen Aufwand möglichst gering zu halten. Dass sich die Mühen lohnen, steht für die Beteiligten außer Frage. „Inhaltlich finde ich die Ausbildung super“, erklärt Kühfuss: „Man lernt von den Kinderschuhen an, wie man ein alter- und leistungsgerechtes Training macht“. Trainer vom älteren Schlag, das ist Kühfuss‘ Erfahrung, hätten da Nachholbedarf. Einige wären dabei gewesen, die es früher anders gelernt haben und dies auch genauso weitervermitteln wollten. Es war also auch einige Überzeugungsarbeit notwendig, „denn der Fußball entwickelt sich“.

Die Papa-Trainer brauchen wir aber auch

Ziemlich viel Erfahrung bringt Axel Ploch mit, dessen Heimatverein der FC Untergrombach ist. Als Vereinstrainer ist der 58-Jährige derzeit nicht aktiv. Allerdings ist er als Coach mit dem DFB-Mobil unterwegs. Ploch arbeitet an seiner B-Lizenz und absolvierte zuletzt auf Schöneck das Seminar „Angriffstaktiken“. Allein der Austausch mit den Kollegen aus anderen Vereinen, teils anderen Kreisen, sei für ihn „Gold wert“. 1998 hatte Axel Ploch seine Laufbahn begonnen und seinen Sohn durch sämtliche Juniorenteams als Trainer begleitet, 2011 aber erst die Lizenz erworben. Heute ist Ploch dafür, dass ab einem gewissen Level eine Qualifizierung Pflicht sein sollte. „Ich sehe es auf dem Sportplatz, dass teilweise Dinge vermittelt werden, die einfach so nicht richtig und vor allem oft nicht kindgerecht sind“, sagt er. Wenn Väter, die nie auf Lehrgängen waren, in der F-Jugend versuchen, Taktik zu vermitteln, sei das völliger Quatsch. Genauso seien gute Spieler nicht gleich gute Trainer. „Die Papa-Trainer brauchen wir aber auch“, findet Kühfuss: „Wir sind Jahr für Jahr auf Trainersuche, die gibt es nicht wie Sand am Meer.“ Ein Grund seien die Geldforderungen von Trainern mit Lizenz. „Da kommen einige mit Summen um die Ecke, die können sich die Clubs gar nicht leisten.“ Ab einem gewissen Alter der Spieler müsse man aber die Grenze ziehen. Damit eine gute Ausbildung gewährleistet sei. Und die Jugend dem Fußball treu bleibt.