Auf dem Fußballplatz kommt es nicht selten auch zu Zweikämpfen ohne Ball. Foto: olly/Adobe Stock

BNN-Serie „Notelf“ – Teil acht

Wenn plötzlich die Fäuste fliegen – Gewalt auf dem Fußballplatz

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An der Basis herrscht Alarm. Der Volkssport Fußball ächzt. Das Ehrenamts-Dilemma belastet auch ihn. Die Aggression auf und neben den Plätzen erschwert die Schiedsrichter-Akquise. Mit der Serie „Notelf – die Sorgen der Amateure“ versucht sich diese Zeitung an einer Bestandsaufnahme in elf Teilen. Samstags im Zweiwochenrhythmus pfeifen wir immer ein neues Thema an.

Die Nummer acht: Gewalt auf den Plätzen und am Spielfeldrand.

Ein Sonntagvormittag Ende Mai: Es geht um den Aufstieg. Beide Teams schenken sich nichts. Nach dem Abpfiff stürmen Zuschauer und Betreuer auf den Platz – nicht allen ist nach Feiern zumute. Die Situation eskaliert: Provokationen, Handgemenge, Polizeieinsatz – Anzeige inklusive. Das traurige Ende eines Fußballspiels – in der Kreisliga, bei den B-Junioren.

Ein solches Szenario ist auf badischen Amateurplätzen nach wie vor die große Ausnahme, aber eben doch kein Einzelfall. In der abgelaufenen Saison werden dem Badischen Fußballverband (bfv) bei 141 von insgesamt gut 29 000 erfassten Partien körperliche und/oder verbale Attacken gemeldet, 15 Mal kommt es zum Abbruch. Seit die sogenannten „Spiele mit Störung“ online registriert werden (ab 2014/15), bewegen sich die Zahlen auf ähnlichem Niveau. „Die Spielabbrüche sind aber nur die Spitze des Eisbergs“, sagt der Fair-Play-Beauftragte des bfv, Stefan Moritz. Er hat beobachtet: „Die Intensität nimmt zu.“


In der Jugend wird es immer schlimmer

Natürlich fliegen bei Konflikten auf dem Feld nicht immer gleich die Fäuste, doch was sich Spieler, Betreuer und Zuschauer verbal so alles um die Ohren hauen, ist mitunter kaum besser. „Meldungen über verbale Gewalt haben zugenommen“, klagt Thomas Rößler, Vorsitzender des Fußballkreises Karlsruhe. Ein Problem, das nicht nur auf den Seniorenbereich beschränkt ist. Auch Spiele von Nachwuchsmannschaften gehen nicht immer schiedlich-friedlich über die Bühne. „In der Jugend wird es immer schlimmer“, sagt der Stellvertretende Vorsitzende im Kreis Bruchsal, Ralf Longerich, und richtet gleichzeitig einen Appell an die aus seiner Sicht Schuldigen an dieser Entwicklung: „Die Eltern müssen sich mehr beherrschen.“

Je höher die Klasse, desto geringer ist das Potenzial für einen Spielabbruch

Bestimmte Muster in der Gewaltstatistik – ob bei den Männern oder den Junioren – lassen sich nur schwerlich ausmachen. „Den einen Grund für einen Abbruch gibt es nicht“, weiß Moritz. Betroffen sind alle Spielklassen, selbst bei manchen Freundschaftsspielen wird deren Bezeichnung ad absurdum geführt. Feststellen lässt sich Moritz zufolge aber: „Je höher die Klasse, desto geringer ist das Potenzial für einen Spielabbruch.“ Unterschiede zeigen sich in den einzelnen Fußballkreisen: Sind diese eher ländlich geprägt, kracht es seltener. Den traurigen Rekord hält der Kreis Mannheim mit zehn Abbrüchen in der Saison 2017/18, was den bfv seinerzeit gar zu einem Brandbrief an die dortigen Vereinsvertreter veranlasste.

Verein „Zweikampfverhalten“ hilft bfv

In Zeiten, in denen Shitstorms durchs Internet fegen, sich im Straßenverkehr die Motzkis tummeln und selbst Volksvertretern bisweilen die gute Kinderstube abhanden kommt, steht König Fußball mit dem Problem verbaler und körperlicher Entgleisungen nicht alleine da. Doch woran liegt es, dass Menschen regelmäßig die Sicherungen durchbrennen? „Den typischen Gewalttäter gibt es nicht. Jeder hat seine Punkte, an denen man ihn reizen kann“, sagt Rebekka Henrich, Gründerin des in Hamburg ansässigen Vereins „Zweikampfverhalten“, mit dem der bfv seit der Saison 2017/18 im Bereich Konfliktmanagement zusammenarbeitet. Das Wichtigste sei – gerade auf dem Fußballplatz – diese Punkte zu kennen und „eine Strategie, einen Plan B“ parat zu haben, wenn die Emotionen hochkochen, erklärt Henrich. Die Sozialarbeiterin und Kriminologin rät: „In heiklen Situationen auf jeden Fall Abstand halten.“

Um der Gewalt auf den Amateurplätzen und drumherum Herr zu werden, setzt der Badische Fußballverband (bfv) vor allem auf Prävention und die Stärkung des Fair-Play-Gedankens. Der bfv hat etwa gemeinsam mit Vereinsvertretern und Schiedsrichtern einen Leitfaden zur Willkommens- und Verabschiedungskultur am Spieltag entwickelt und er ehrt regelmäßig Einzelpersonen und Mannschaften für besondere Fair-Play-Gesten.
Zudem arbeitet der Verband seit der Saison 2017/18 mit dem Verein „Zweikampfverhalten“ aus Hamburg zusammen, der unter anderem auch den Württembergischen Fußballverband und den VfB Stuttgart zu seinen Kooperationspartnern zählt. Die auf Sportsozialarbeit spezialisierte Institution bietet Schulungen für Platzordnerobmänner an und Seminare zum Konfliktmanagement. In einem dreistündigen Crashkurs lernen die Teilnehmer, welche Konfliktverstärker es gibt und wie sich heikle Situationen lösen lassen. Es richtet sich auch an Spieler, die aufgrund von Gewaltvergehen eine längere Sperre aufgebrummt bekommen haben. Nehmen diese am Seminar teil, reduziert der bfv die Sperre.

Schiedsrichter meist das Opfer der Attacken

Für das schwächste Glied in der Kette oft leichter gesagt als getan. In den allermeisten Fällen ist der Schiedsrichter das Opfer von Attacken auf dem Feld, weiß Moritz. Im Juli 2018 etwa muss im Kreis Karlsruhe ein Freundschaftsspiel zwischen zwei A-Junioren-Teams abgebrochen werden, weil einer der Trainer den Referee beleidigt hat. Im Oktober gibt es im Kreis Bruchsal einen ähnlichen Fall – auch hier kann die Partie nicht zu Ende gespielt werden. Genau wie im April dieses Jahres bei einem Spiel im Kreis Pforzheim, bei dem der Unparteiische bedrängt wurde. Keine guten Nachrichten für den Verband in einer Zeit, in der er händeringend nach „pfiffigem“ Nachwuchs sucht.

Kameradschaft und Integration können Schlüssel für gelebtes Fair Play sein

Doch es gibt sie noch, die Clubs, die es den Regelhütern leicht machen. Die DJK Karlsruhe-Ost aus der B-Klasse mischt etwa regelmäßig in der Fair-Play-Tabelle ganz oben mit, stand von 2012 bis 2014 sogar an der Spitze des Rankings. Eine „gelebte, echte Kameradschaft“ nennt Dominik Nagel, Abteilungsleiter Fußball bei der DJK, als Hauptgrund. Zudem habe man in den vergangenen zwei Jahrzehnten Spieler aus rund 50 Nationen integriert. „Es hat immer funktioniert“, berichtet Nagel.
Ein ähnliches Erfolgsrezept hat der FSV Buckenberg aus der Kreisliga Pforzheim, der ebenfalls seit Jahren in der Fair-Play-Statistik positiv hervorsticht. „Bei uns gibt es viele Nationalitäten, das Miteinander ist bei uns sehr wichtig im Verein“, betont FSV-Spielausschuss Alex Abram. Wer weitere Vorbilder in Sachen Fairness sucht, wird bei Frauen- und Mädchenteams fündig. Bei denen spielt das Thema Gewalt dem bfv zufolge keine Rolle.

Ihre Erfahrungen sind gefragt: Wie erleben Sie die Situation des Vereinsfußballs, welche Erfahrungen haben Sie etwa mit dem Thema Integration gemacht?  Wir freuen uns auf Ihre Meinung: notelf@bnn.de