Spätestens bei den B-Junioren wenden Kicker verstärkt dem Fußball inm Verein den Rücken zu.

Die Sorgen der Amateure (1)

Nummer eins: „Der kleine Dicke links“ – Dropout im badischen Vereinsfußball

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An der Basis herrscht Alarm. Der Volkssport Fußball ächzt. Das Ehrenamts-Dilemma belastet auch ihn besonders. Die Aggression auf und neben den Plätzen erschwert die Schiedsrichter-Akquise. Mit der Serie „Notelf – die Sorgen der Amateure“ versucht sich diese Zeitung an einer Bestandsaufnahme in elf Teilen. Samstags im Zweiwochenrhythmus pfeifen wir immer ein neues Thema an. Die Nummer eins: Das Phänomen des „Dropout“.

„Früher war alles besser!“ Da wären wir also. Gleich zu Beginn. Bei einer klassischen Weltschmerzklage reifer Männer auf Clubhausterrassen. Aber war es das? Alles besser? Nun: Fest steht, dass es anders und für die Vereine um ein Vielfaches leichter war. „Zu unserer Zeit gab es Fußball, sonst nichts“, erinnert sich Sven Beisel. Der Mann, Jahrgang 1979, ist Jugendleiter des FC Untergrombach und in der Jugendspielgemeinschaft mit den Nachbarn aus Obergrombach ein Ausbadender an der Basis in Bruchsals Kreis. Als er sein Abi baute, galt ihm das Kicken mit den Kumpels als Segen, um nebenbei„den Kopf frei zu kriegen“. Natürlich gab es Freunde, die für sich dasselbe im Handball, Basketball oder Turnen fanden – man hat sich einer Sache verschrieben, ihr verpflichtet. Keinen Smartphones oder Play-Stations. Und e-soccer, das es als Angebot beim FCU in einer Extra-Abteilung gibt: Science-Fiction in den 1980ern, 1990ern.

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Individualisiert und vielseitig abgelenkt

Auf dem Land ist es wie in der Stadt, in Karlsruhe als Phänomen so dokumentiertbar wie in Bruchsal, Pforzheim oder den übrigen sechs Fußballkreisen unter dem Dach des Badischen Fußballverbandes (bfv): Das reale Spiel bleibt ein Renner bei ganz Jungen. Die Faszination, die vom Kicken ausgeht, ist ungebrochen. Da hat es der Fußball besser als andere Ballspiele. Von den Bambinis bis zur D-Jugend also: alles gut. Aber dann: in der Altersklasse der 14 bis 16-Jährigen setzt der sogenannte Dropout ein. Die Kickschuhe landen vermehrt am Nagel.
Und so wären wir zurück beim Basisarbeiter Beisel in Untergrombach und seinen Problemen, die denen seiner Kollegen andernorts gleichen. Das neue Handy, die neue Freundin, neue Interessen, neue Clique oder die Schule und ihre Richtung Abschluss nur noch drängenderen, neuen Erfordernisse. Die Motive der Aussteiger sind vielfältig. Zu Beisels Zeit wollte man im Wettkampf neben dem Abistress „den Kopf frei bekommen“. Heute höre man, so erzählt er, „vielleicht verletze oder erkälte ich mich“ und ja: „Es ist eine andere Zeit mit anderen Interessen, in der es kein Gefühl mehr dafür gibt, was Vereinsleben bedeutet.“ Stichwort Individualisierung. Das gehe schon bei den Jungen los, die das in ihrem Elternhaus nicht anders erleben. Die Kids werden am Sportgelände vorgefahren, die Kofferraumklappe geht auf, die Sporttasche wird ausgeladen – Sohn oder Tochter laufen aufs Vereinsgelände. Das war`s. Bis zur Abholung zwei Stunden später.

„Menschenfänger“ gesucht

„Ja, ja, die Cappuccino-Eltern“, nickt Uwe Ziegenhagen, der Geschäftsführer des bfv., wissend. Auch sie gelte es geschickt für das Vereinsleben zu gewinnen. „Elternarbeit“ heißt das im internen Jargon, sie gewinne an Bedeutung. Im Prinzip bräuchte jeder Verein einen „Menschenfänger“ in seinen Reihen. Badens Verband bietet den Vereinen an vielen Stellen Hilfe zur Selbsthilfe an. Zaubern kann auch er nicht. Vereinsdialoge, Sprechstunden und unzählige Programme, auf die der DFB und seine Landesverbände gar nicht laut genug hinweisen können. „Wissen Sie, vor zehn Jahren waren wir wie ein glückliches Amt, das Finanzamt war nichts dagegen“, sagt Ziegenhagen. Aber das Selbstverständnis des Verbandes habe sich radikal verändert. „Wenn es die Vereine nicht gibt, dann haben wir keinen Job.“ Soll heißen: Beim bfv hat man die Basis nicht nur im Blick, man beziehe aus ihr den Selbstzweck. Eben erst habe der bfv mitgeholfen, damit beim SC Gaiberg im Rhein-Neckar-Kreis nicht die Lichter ausgungen. Denn: War der Amateurclub generell im Ort oder um die Ecke einmal Heimat, ist er heute höchstens als gewappneter Dienstleister überlebensfähig. Als Spaßvermittler auf Zeit. Als Förderer für höhere Ambitionen der Kinder und ihrer Eltern, die man im Übergang bei größeren Verein oder in den Nachwuchsleistungszentren findet. Oft genug frisst der übertriebene Leistungsgedanke seine Spaßkinder auf halber Strecke. bfv-Präsident Ronny Zimmermann weiß: „Es ist überall so: Der kleine Dicke links, den du später für die C-Klasse brauchst, der wird nicht mehr aufgestellt.“ 20 Prozent der Jugendmannschaften gingen dem DFB innerhalb der vergangenen zehn Jahre flöten.

An Jugendspielgemeinschaften mangelt es nicht

Der Mitglieder- und Mannschaftsschwund, der nach der Jahrtausendwende dazu geführt hat, dass die Zahl der Jugendspielgemeinschaften in einigen Kreisen explodierte, ist nur eines der Phänomene, gegen die der Verband eine Art Windmühlenkampf versucht. Recht eindringlich unterfüttert die Statistik aus den Computern der Geschäftsstelle auf dem Turmberg die Dropout-Problematik. Kleine Vereine kommen schon lange nicht mehr ohne strategische Partner aus. Ausnahmen wie in Mannheim oder Heidelberg, wo sich das Dilemma in nicht vergleichbarer Schärfe zeigt, bestätigen die Regel. Im Kreis Karlsruhe gab es 2006/2007 schon 30 aus Nachwuchsmangel oder mit Blick auf Synergien bei der Traineranzahl geborene Jugendspielgemeinschaften, heute sind es 63. Die Generation Netflix schlägt durch. Als Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich ihr Programm nicht mehr vorschreiben lässt. Die dazu neigt, sich auch nicht mehr zu binden, die sonntags eventuell Besseres vorhat als verabredetes Kicken und zwei Pils zur Kameradschaftspflege danach. Es mag klagen, wer will.

Die Starken bedienen sich bei den Kleinen

In der Spielgemeinschaft Karlsruher Bergdörfer ist der Nachwuchs des TSV Palmbach, der SG Stupferich und des SC Wettersbach zusammengeschlossen. Wenn in deren Reihen Talente auffallen und Mannschaften leistungsmäßig prägen, ist es wie überall: Der Leistungsstärkere bedient sich beim –schwächeren. „Wenn die Spvgg Durlach-Aue oder der TSV Reichenbach kommen, dann gehen unsere guten Spieler dorthin. Die kommen dann auch nie wieder zurück, meist studieren sie und man erreicht sie nicht mehr“, berichtet Helge Bruno, stellvertretender Jugendleiter beim SC Wettersbach. Im Karlsruher Fußballkreis gilt der von den Stammvereinen FSV Büchenau, FC und TV Spöck sowie dem SV Staffort getragene Jugendfußballverein Stutensee als beispielgebend für die Umsetzung von Leitbildern, die Spaß, Leistungsgedanke und schulische Interessen in Harmonie zueinander bringen.

Nähe zum KSC

Der erwähnte TSV Reichenbach verfügt über eine gehobene Struktur, trotz der Abstiege seiner älteren Jahrgänge aus der Landesliga weiter einen guten Ruf in der Jugendarbeit und über beste Drähte zum KSC. Mit dem Drittligisten kooperiert der Heimatverein von KSC-Nachwuchskoordinator Edmund Becker. „Wir fördern und bieten ein Sprungbrett zum Profiverein. Aber die, die es dort nicht packen, kommen auch wieder zu uns zurück“, sagt Ralf Bochat aus der Jugendabteilungsleitung.

Trainergüte ein wesentlicher Faktor

Das Thema „Dropout“ ist vielschichtig. Erhebungen bestätgen den DFB: Die Trainergüte entscheidet markant darüber mit, ob Jugendliche bleiben oder gehen. Ob ein Coach die Dreierkette methodisch sauber vermitteln kann, ist nicht der Faktor. Es geht um den Menschen, der es versucht. Um dessen Persönlichkeit, dessen Sozialkompetenz. Als Mischung aus Sozialarbeiter und Sportlehrer muss man sich ihn vorstellen, den Traum-Trainer für die Notelf, wäre er denn zu backen.
Waren da früher etwa auch alle besser? Nein, es war nur nie so nötig, das zu erkennen und als Verein darauf zu regieren. Fortsetzung folgt.