KSC-Präsidium Holger Siegmund-Schultze, Ingo Wellenreuther und Günter Pilarsky beim BNN-Interview | Foto: Hora

KSC-Vorstand im Interview

Oral – „passt das?“

Anzeige

Harsche Kritik in Medien, Verwünschungen von Fans in den sozialen Netzwerken, Missmut in eigenen Reihen: Der rasante sportliche Niedergang des Karlsruher SC setzt dessen Vorstand-Trio zu. Vor allem auf Ingo Wellenreuther, dem ersten Mann beim designierten Fußball-Drittligisten, zeigen die Finger der Kritiker. Dessen Eigensinn und dessen Hang zu Einmischungen hätten den KSC an einen Punkt gebracht, wohin er unter der Ägide des CDU-Bundestagspolitikers zum zweiten Mal binnen fünf Jahren abzustürzen droht, heißt es. Die „Supporters“, der Dachverband der KSC-Fans, forderte offen einen Neuanfang ohne Wellenreuther. Vizepräsident Günter Pilarsky, von dessen wirtschaftlicher Hilfe der Verein stark abhängt, betonte am Dienstag gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten, dass er in keiner anderen Vorstandskonstellation als der mit seinem „Freund“ Wellenreuther dem Verein weiter helfen wolle. Dies hätten Kritiker zu bedenken, die einen „Neuanfang“ forderten. Unterdessen diskutiert die Fußball-Region immer noch über das am Samstag in der BNN-Printausgabe erschienene, ungewöhnlich tiefblickende Interview, das das KSC-Präsidium bei einem Besuch im Verlagshaus gab. Gegenüber Verleger und Chefredakteur Klaus Michael Baur sowie den Redakteuren René Dankert, Gerhard Wolff und Theo Westermann macht der Vorstand schwere Schuldzuweisungen in Richtung des ehemaligen KSC-Angestellten Jens Todt. Laut Wellenreuther, Pilarsky und Holger Siegmund-Schultze habe der aktuelle Sportchef des Hamburger SV die Abwärtsspirale des KSC auf dem Gewissen. An ihm habe man zu lange festgehalten. „Den Vorwurf mache ich mir im Nachhinein“, äußerte Wellenreuther. KSC-Verwaltungsratschef Michael Steidl lauschte dem Interview und widersprach in keinem Punkt. Weder Todt noch der ehemalige Trainer Markus Kauczinski wollten sich im übrigen auf Nachfrage zu den Inhalten des Interviews äußern.

Markus Kauczinski zählte zu jenen Trainern, die beim KSC Spuren hinterließen. Heute wird die Ära Kauczinski als Wegscheide betrachtet, als Dreh- und Angelpunkt vieler Debatten über die Gründe des Absturzes: Warum hat der Verein den Vertrag mit ihm damals nicht vorzeitig verlängert?

Wellenreuther: Das Ganze hat eine Vorgeschichte: Das Präsidium hatte schon im Februar 2015 den dringenden Wunsch, mit Markus Kauczinski zu verlängern. Als ersten Anlauf haben wir damals das ganze Trainerteam plus Sportdirektor zum Abendessen eingeladen und feierlich eine Vertragsverlängerung angeboten. Kauczinski lehnte Vertragsgespräche aber ab und wies unser Ansinnen mit dem Hinweis „Mal sehen, was das Leben so bringt“ zurück.

Im Sommer desselben Jahres gab es dann Gespräche. Warum fand man nicht zusammen?

Wellenreuther: Ich darf zunächst erstmal einen Blick zurückwerfen: Unser Präsidium hat Markus Kauczinski maßgeblich unterstützt, als er im Sommer 2011 nach zehn Jahren beim KSC seine Fußballlehrer-Lizenz gemacht hat. Vier Tage, nach dem er diese absolviert hatte, war er ab Ende März 2012 unser Cheftrainer – weil wir überzeugt waren von seinen Qualitäten. Dann haben wir jahrelang sehr gut zusammengearbeitet …

… was den Club 2015 fast in die Erste Liga führte. Nach missglücktem Start in der darauffolgenden Saison scheiterten die Gespräche …

Pilarsky: Wir haben Anfang Juli 2015 einen erneuten Anlauf unternommen, den Vertrag zu verlängern. Gespräche kamen erfreulicherweise zustande, die Laufzeit war gleich klar: zwei Jahre. Über die finanziellen Dinge haben wir uns in den nächsten Tagen unter Einbindung des Sportdirektors schnell angenähert. Knackpunkt war aber eine Ausstiegsklausel, die der Trainer unbedingt fixiert haben wollte. Diese sollte so formuliert sein, dass er sogar schon vor Antritt des neuen Vertrages am 1. Juli 2016 hätte aussteigen können. Obwohl dies für den KSC eigentlich unannehmbar war, hätten wir diesem ungewöhnlichen Wunsch zugestimmt.

Bei einem BNN-Besuch im September 2015 äußerten der damalige Sportchef Jens Todt und Kauczinski, Sie hätten die Gespräche auf Eis gelegt. Wie passt das?

Wellenreuther: Das entsprach nicht der Wahrheit. Am Rande des Spiels beim FSV Frankfurt am 14. August 2015 traf ich Kauczinskis Berater. Dieser äußerte Verständnis, falls der KSC die Gespräche wegen des schlechten Saisonstarts erst mal aussetzen würde. Ich sagte darauf wörtlich: „Nein, wir stehen zu unserem Wort und wollen mit Markus Kauczinski zeitnah verlängern.“ Wegen anstehender Auslandsaufenthalte von Herrn Pilarsky und beruflicher Abwesenheit von mir vertagte man sich auf Mitte September. Daher empfand das Präsidium die Aussagen als illoyal und hat dies am gleichen Tag in einer Mail an Sportdirektor und Trainer zum Ausdruck gebracht.
Pilarsky: Wir haben diesen Sachverhalt damals im Interesse des KSC nicht öffentlich gemacht – leider. Wir hätten uns damit viel Ärger erspart.
Wellenreuther: Trotzdem haben wir Mitte September weiterverhandelt. Am 1. Oktober 2015 hatten wir die Ausstiegsklausel schriftlich fixiert, verbunden mit einer entsprechend zu zahlenden Ablösesumme.
Pilarsky: Am 5. Oktober 2015 hat Markus Kauczinski zu unserer großen Überraschung erklärt, keinen Vertrag zu unterschreiben. Der Vorwurf, das Präsidium des KSC habe angeblich kein Interesse an einer Vertragsverlängerung gehabt, ist bei dieser Vorgeschichte absolut unberechtigt.

Wie ist danach das unglückliche Kapitel Tomas Oral zu erklären, den man mehrere Monate später als Nachfolger bekanntgab?

Wellenreuther: Anfang Januar 2016 waren zwei Kandidaten von einer größeren, von Jens Todt erstellten Liste, in der engsten Auswahl. Bekannt ist ja, dass einer davon Tayfun Korkut war, der dann doch kurzfristig abgesagt hat. Danach schlug Sportdirektor Jens Todt dem Präsidium Tomas Oral vor. Es wurde vereinbart, ihn einzuladen. Da hat er sich dann fachlich hervorragend präsentiert. Daraufhin schlug Todt vor, Oral zu verpflichten, das Präsidium stimmte einstimmig zu. Heute würden wir dieser Verpflichtung und vor allem einem Drei-Jahres-Vertrag nicht mehr zustimmen. Im Nachhinein: zwei Fehler.

Die Kaderplanung danach ging daneben. Wären Sie nicht in der Pflicht, einzugreifen, wenn da falsche Schrauben gedreht werden?

Wellenreuther: Ob ein Jordi Figueras die Qualität hat, ja oder nein? Ob ein Franck Kom die Qualität hat, ja oder nein? Da müssen wir uns auf die Expertise der sportlichen Leitung verlassen.

Oral stimmten Sie zu, obwohl es deutliche Hinweise gab, dass die Zusammenarbeit problematisch werden könnte …

Wellenreuther: … wir fragten Todt: Passt das? Oral, ein Magath-Schüler – ist der nicht ein bisschen extrem? Todt erklärte uns: Er ist verbissen, total ehrgeizig, lebt für den Fußball – und was das Menschliche und Soziale betrifft: Die Leitplanken erhalte er von uns, so Todt.
Und wer setzt die Leitplanken?
Pilarsky: In der täglichen Arbeit im Lizenzbereich natürlich der Sportdirektor. Er hätte besser recherchieren und uns besser informieren müssen. Anderes trauriges Beispiel vom vergangenen Sommer: Daniel Gordon. Wir wollten, dass er bleibt. Er bekam vom KSC ein wesentlich verbessertes Vertragsangebot. Dann kam auf einmal die Nachricht, er habe in Sandhausen unterschrieben. Warum, wissen wir nicht. Ich habe Todt zur Rede gestellt und sagte ihm: „Wir hätten doch auch noch mehr geboten, wenn es am Geld gelegen hätte, weil wir ihn doch unbedingt halten wollten.“ Das mit Gordon hat ganz klar Todt verschlafen.

Offenbar gab es sehr viele Probleme in der Zusammenarbeit?

Wellenreuther: Wir haben manches nicht verstanden. Beispiel Pascal Köpke, den wir in der Rückrunde 15/16 nach Aue ausgeliehen hatten. Todt und Oral erklärten uns im Sommer 2016, dass sie ihn für nicht zweitligatauglich halten. Also mussten wir ihn abgeben, wollten dies aber nicht unter 500 000 Euro tun. Aue wollte Köpke kaufen. Irgendwann bekam ich einen Anruf von Aues Präsidenten Helge Leonhardt, der mir erklärte, unser Sportdirektor hätte ihm zugesagt, dass Köpke für weniger als 200 000 Euro zu bekommen sei, aber dass nun das Präsidium querschieße und 500 000 Euro verlange. Ich könnte die Transfers Philipp Max und Rouwen Hennings anschließen – das war ein Stück aus dem Tollhaus.

Inwiefern?

Wellenreuther: Beide wollten unbedingt im Sommer 2015 weg. Wir waren aus sportlichen Gründen dagegen. Es wurde dann mit Todt klar vereinbart, einem Verkauf nur zuzustimmen, wenn drei Millionen Euro beim KSC verbleiben. Pro Mann! Entgegen dieser Vorgabe war unser Sportdirektor offenbar bereit, beide Spieler für jeweils 1,8 Millionen abzugeben. Augsburgs Manager Stefan Reuter rief mich an und fragte: „Euer Sportdirektor hat für Philipp Max 1,8 Millionen akzeptiert und jetzt soll er 3,8 Millionen kosten?“ Ich dachte, ich höre nicht recht. Schließlich haben wir unsere geforderten 3,8 Millionen aus Augsburg bekommen und die gewünschten drei Millionen für Rouwen Hennings. Damit haben wir dem KSC über 2,5 Millionen Bruttoeinnahmen gerettet.

Zusammengefasst sagen Sie also: Der Sportdirektor Todt verkaufte Spieler unter Wert, schleppte den falschen Trainer an, lag in der Kaderplanung daneben, holte in Jordi Figueras einen Spieler, dem in Spanien Knast wegen angeblicher Spielmanipulationen droht: Haben Sie da nicht viel zu lange an jemandem festgehalten, zu dem die Vertrauensbasis völlig gestört sein musste?

Wellenreuther: Es wäre vielleicht für beide Seiten besser gewesen, wenn wir uns bereits nach der verlorenen Relegation gegen den HSV getrennt hätten.

Das geschah Ende November 2016. Zurückgeholt wurde Oliver Kreuzer, der Oral entließ und Mirko Slomka holte, der nun auch Geschichte ist. Die Kaderzugänge im Winter haben nicht gefruchtet …

Siegmund-Schultze: … Kreuzer hat uns zusammen mit Slomka fünf Spieler vorgeschlagen. Wir vertrauten darauf, dass sie helfen, den Kader zu verbessern. Kreuzer hat uns Slomka vorgeschlagen. Entscheidend für die Trennung war dann die mangelnde Punkteausbeute.

Pilarsky: Es war aus heutiger Sicht nicht glücklich, Herrn Slomka zu holen. Da ist Oliver Kreuzer meiner Ansicht nach etwas danebengelegen. Deshalb aber zu sagen: „Wir brauchen einen neuen Sportdirektor …“ Nein.

Kreuzer ist demnach der richtige Mann für die KSC-Zukunft?

Wellenreuther: Wir setzen auf ihn, ja. Nach dem Abstieg in die Dritte Liga im Sommer 2012 ist es ihm gelungen, ein gutes Grundgerüst aufzubauen für die kommenden Jahre. Das war eine sehr gute Leistung. Seine Zusammenarbeit mit uns als Präsidium läuft offen, direkt, ist uneingeschränkt vertrauensvoll.
Wird der KSC nach einem Abstieg wirtschaftlich volles Risiko gehen, um sofort wieder aufzusteigen?
Pilarsky: Wir würden alles tun, um eine starke Mannschaft zu stellen, damit wir sofort wieder aufsteigen.
2012/2013 steckte der KSC in etwa 4,7 Millionen Euro in seinen Drittliga-Kader. Wird sich dies nun in ähnlichem Rahmen wiederholen?
Pilarsky: Das wird diesmal eher noch etwas mehr sein.

Herr Pilarsky, warum ist der Karlsruher SC für Sie eine Herzensangelegenheit?

Pilarsky: Ich bin Karlsruher und KSC-Anhänger, hatte aber jahrelang nicht so die Zeit, aktiv zu sein.
Gibt es nicht auch mal aus Ihrer Familie Stimmen: „Warum so viel Geld für den KSC?“
Pilarsky: Naja, so viel Geld kann man jetzt nicht sagen. Ich habe Darlehen gegeben. Außerdem gebe ich Garantien und Bürgschaften, die bis jetzt immer zurückkamen. Die Familie ist nicht immer erfreut, aber akzeptiert mein Engagement beim KSC. Alle Familienmitglieder sind selbst große KSC-Fans.