Wenig Interesse: Zum Pokalendspiel der Frauen in Köln kamen gerade einmal 17.000 Zuschauer | Foto: GES

Fußballerinnen und Vorurteile

Power-Frauen mit Pferdeschwänzen

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60.739 Zuschauer kamen am 17. März zum Spiel von Atlético Madrid gegen den FC Barcelona. So weit, so gewöhnlich. Einen anderen Eindruck bekommt man von der Zahl freilich, wenn klar wird, dass es sich um ein Spiel der Frauen handelte. Es war der Weltrekord für eine Ligapartie zwischen Fußballerinnen. Dieser steht sinnbildlich für den Hype, der sich momentan um den Frauenfußball entwickelt hat.
Auch in Italien wurde mit fast 40 000 Stadionbesuchern bei der Partie zwischen Juventus Turin und dem ACF Florenz vor kurzem ein neuer Rekord geknackt. In Frankreich fieberte die ganze Nation der Weltmeisterschaft entgegen, die am Freitagabend mit dem Spiel der Französinnen gegen Südkorea begann. Nadine Keßler, ehemalige deutsche Fußballerin und heute Abteilungsleiterin Frauenfußball bei der Uefa sagt: „Die Sichtbarkeit unseres Sports hat bedeutend zugenommen und das spiegelt sich auch in steigenden Zuschauerzahlen auf Landesebene wider.“

Bundesligaspiele vor leeren Rängen

Nur in Deutschland ist von diesem Boom im Frauenfußball nichts zu spüren. Am selben Tag, als Atlético Madrid und Barcelona ihre Rekordpartie absolvierten, hatten sich gerade einmal 238 Interessierte zum Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und 1899 Hoffenheim auf einem zugigen Nebenplatz des Weserstadions eingefunden. Hoffenheims Trainer Jürgen Ehrmann findet das schade, denn der Frauenfußball habe sich qualitativ stark verbessert, sagt er. „Die Mädels geben richtig Gas, da können sich die Jungs anschnallen und auch mal eine Scheibe abschneiden“, so der 58-jährige Karlsruher. Er stellt aber fest, dass die Fußballerinnen in anderen Ländern tatsächlich eine ganz andere Akzeptanz haben. „Da wird auch nicht so stark mit den Männern verglichen. Es wird akzeptiert, dass Frauenfußball anders ist. Er ist deshalb aber keinesfalls weniger unterhaltsam“, findet Ehrmann, der im Sommer bereits in sein siebtes Bundesligajahr mit der TSG geht. Zu den Heimspielen kommen im Durchschnitt rund 700 Zuschauer ins Dietmar-Hopp-Stadion, damit liegen die Hoffenheimerinnen im Mittelfeld der Liga. Bedenkt man, dass im März in Madrid mehr Zuschauer in die Arena kamen, als bei allen 66 Rückrundenspielen der Frauen-Bundesliga zusammen, relativierten sich diese Zahlen sehr schnell.

Fußball-Frauen geht der Nachwuchs aus

Doch woran liegt es, dass der Hype an Deutschland vorbeigeht? Zumal die Nation des Olympiasiegers von 2016 noch vor einigen Jahren in vielen Bereichen an der Spitze Europas stand. Besonders nach der Heim-WM 2011 war der Zulauf in die Vereine riesig. „Damals waren die Stützpunkte voll“, erinnert sich auch Ehrmann, das sei zuletzt ziemlich ins Stocken geraten. 96 Vereine nahmen in Nordbaden in dieser Saison am Spielbetrieb der Frauen und Mädchen teil, rechnet der Badische Fußballverband vor. In der Spielrunde 2011/12 seien es noch 148 Vereine gewesen. Noch extremer sieht es bei den Juniorinnen aus. Da ging die Zahl der Mannschaften im selben Zeitraum von 204 auf 116 zurück, ein Minus von 43 Prozent. Dem deutschen Frauen-Fußball geht der Nachwuchs aus.

Die öffentliche Wahrnehmung ist sicherlich ein Grund für diesen Trend. Es stelle sich die Frage, „ob alle genug tun, um diese Entwicklung wieder umzukehren, oder ob wir so unattraktiv spielen, was ich ehrlich gesagt nicht glaube“, sagte Nationaltorhüterin Almuth Schult vom VfL Wolfsburg jüngst in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ihr Vorwurf ging auch an die Bundesligisten, bei denen die Frauen in der Kommunikation nach außen einfach oft vergessen würden.

Es geht um Geld und Gerechtigkeit

Ein anderer Faktor ist, wie so oft, das Geld. Das legt zumindest die aktuelle Diskussion über die ungleichen Prämien zwischen Männern und Frauen bei der WM nahe. Selbst Fifa-Präsident Gianni Infantino gestand erst in dieser Woche Fehler des Weltverbands in der bisherigen Vermarktung von Frauen-Weltmeisterschaften ein. Dies sei ein Grund für die großen Unterschiede bei den Preisgeldern, sagte der Schweizer. „Wir müssen den Frauenfußball entwickeln und in ihn investieren. Wir müssen da mehr Aufschwung schaffen und ihn separat vom Männerfußball vermarkten.“

Akzeptanz ist viel wichtiger als Geld

Da eine faktische Gleichheit aber ohnehin utopisch ist, sehen viele die ständigen Vergleiche zwischen Männern und Frauen eher als Nachteil. „Akzeptanz ist viel wichtiger als Geld“, sagt auch Ehrmann. Nicht nur ihm geht es auch darum, die vielen Vorurteile zu widerlegen, die sich hartnäckig halten. Legendär ist Wim Thoelkes Beitrag aus dem Jahr 1970 im „Aktuellen Sportstudio“, als der Moderater süffisant wie chauvinistisch die fußballspielenden Frauen in einem kurzen Video mit Verachtung überzog. „Decken – nicht Tisch decken“, sagt er etwa, oder: „Junge, Junge, die brauchen sich gar nicht so aufregen, die Zuschauer. Die Frauen waschen doch ihre Trikots selber.“

Viel verändert hat sich seither nicht, zumindest in den sozialen Netzwerken ist der Spott omnipräsent. „Wie ein Pferderennen mit Eseln“ ist noch einer der charmanteren Sätze über den Frauenfußball.
In einem viel beachteten Werbespot des Sponsors Commerzbank setzte sich die Nationalmannschaft, die an diesem Samstag gegen China in die WM startet, auf amüsante Art mit den Vorurteilen auseinander. „Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze“, heißt es provokativ. Eher selbstironisch als selbstkritisch ist der Satz: „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt“, zu verstehen. Dabei hätte sicherlich keine der Spielerinnen was dagegen, wenn ihr Name im positiven Sinne hängen bleibt. Das Vakuum, das die frühere Topspielerin Birgit Prinz hinterlassen hat, ist auch einer der Gründe für das abnehmende Interesse.
Das gilt es nun zu ändern. In erster Linie geht es aber auch darum, für Begeisterung bei denen zu sorgen, die dem Sport offen gegenüberstehen. Vor allem wollen auch die potenziellen Spielerinnen der Zukunft überzeugt werden, damit der DFB auf lange Sicht wettbewerbsfähig bleibt. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des deutschen Frauenfußballs.