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Serie: Größen aus dem Sportkreis Bruchsal

Olympia-Schütze aus Bruchsal: Schießsport wird ins falsche Licht gerückt

Kaum ein deutscher Schütze sammelte in seinem Leben mehr Titel als Kurt Hillenbrand. Nach einigen Rückschlägen erfüllte sich der Kronauer 1984 einen Traum, als er erstmals bei den Olympischen Spielen dabei war. Noch heute ist er Trainer der Bundesliga-Mannschaft in seinem Heimatort.

Gewehr im Anschlag: Der Kronauer Schütze Kurt Hillenbrand vor den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, die die letzte Großveranstaltung in seiner Karriere waren. Foto: Werek/imago images

Anlegen, zielen, abdrücken. So wie sich Außenstehende das Sportschießen vorstellen, ist es mitnichten. Das weiß kaum einer besser als Kurt Hillenbrand. „Ein Schütze muss völlig bei sich sein, um gute Leistungen zu bringen”, sagt der Kronauer, der über viele Jahre zu den Besten seines Fachs gehörte.

Zu den grundlegenden Eigenschaften eines guten Schießsportlers gehören Selbstdisziplin, Konzentrationsfähigkeit und Körperbeherrschung - vom ersten bis zum letzten Schuss. Die Emotionen müssen voll unter Kontrolle sein. „Man muss die Welt um sich herum völlig vergessen, wenn man am Schießstand steht”, ist Hillenbrand überzeugt. Er selbst hatte es perfektioniert.

Das Talent lag schon in der Familie

Der Weg zum Schießsport wurde dem heute 62-Jährigen schon in die Wiege gelegt. Der Großvater gehörte 1927 zu den Gründungsmitgliedern des SSV Kronau, auch der Vater war in den Nachkriegsjahren im Verein dabei.

Der acht Jahre ältere Bruder Walter, ebenfalls später ein sehr erfolgreicher Schütze, war bereits Badischer Meister, als der junge Kurt das erste Mal mit ins Schützenhaus durfte - damals als „übergewichtiger, fauler Kerl”, wie Hillenbrand heute sarkastisch anmerkt.

Das Schießen brachte ihn aber schnell weiter. „Ich habe relativ früh gemerkt, dass das Talent da ist”, sagt er. Bereits mit zwölf Jahren wurde der Kronauer Deutscher Meister in der Jugendklasse, es folgten zahlreiche weitere Titel und auch Weltrekorde. Die Erfolge brachten Hillenbrand auch in der Schule weiter.

„Schießen fördert die Konzentration ungemein und es gibt Selbstvertrauen”, ist der Träger des Silbernen Lorbeerblattes für herausragende sportliche Leistungen überzeugt. Das mache er auch immer wieder den Nachwuchsschützen deutlich, die er noch heute beim SSV Kronau trainiert.

Olympia übte auf Hillenbrand eine Faszination aus

Die Bundesligamannschaft des SSV, mit der er zu seiner aktiven Zeit selbst 16 Mal Deutscher Meister wurde, versucht Hillenbrand mit seinem Erfahrungsschatz zu unterstützen. Auch von Rückschlägen kann er berichten - und wie man danach wieder aufsteht.

Der schlimmste - aus sportlicher Sicht - ereilte Hillenbrand 1980. „Olympia hat schon immer eine unglaubliche Faszination auf mich ausgeübt”, sagt er. 1972 war er mit seinem Bruder als Zuschauer in München - und für den damals 14-Jährigen stand fest: So etwas will er auch einmal als Sportler erleben.

1976 verpasste Hillenbrand die Norm für Montreal noch knapp, 1980 in Moskau sollte es dann endlich soweit sein. Der Schütze rechnete sich sogar Chancen auf eine Medaille aus. Doch dann kam der Boykott.

„Das hat tiefe Narben bei mir hinterlassen”, sagt der Kronauer noch heute. Es stand sogar die Frage im Raum, ob er überhaupt weitermacht, immerhin kam direkt im Anschluss an die Olympischen Spiele auch das erste seiner drei Kinder zur Welt.

Beruflich fand der Kronauer seine Bestimmung bei der Polizei

Doch Hillenbrand wollte es nochmal wissen. Er trainierte noch härter, wurde 1981 Weltmeister mit der Mannschaft und konnte sich seinen großen Traum 1984 in Los Angeles schließlich doch erfüllen. Im Dreistellungskampf (stehend, liegend, kniend) mit dem Kleinkalibergewehr kam der Kronauer auf den vierten Platz.

„Eine Medaille wäre natürlich schön gewesen, aber das große Ziel war die Teilnahme - und die habe ich mit Platz vier übererfüllt”, findet Hillenbrand. In der Heimat wurde er feierlich empfangen, die zweite Tochter kam zur Welt.

Noch heute trainiert Hillenbrand die Bundesliga-Mannschaft in seinem Heimat-Ort. Foto: Kurt Hillenbrand

Beruflich hatte sich Hillenbrand - sozusagen auf zweitem Bildungsweg - seinen Berufswunsch erfüllt. Nach Mittlerer Reife und einer Ausbildung zum Industriekaufmann war der Kronauer schließlich doch bei der Polizei gelandet.

„Mit 16 hatte ich mir meine langen Haare nicht abschneiden wollen”, sagt er lachend und präsentiert ein altes Foto, auf dem er mit langer Mähne zu sehen ist. Irgendwann verabschiedete er sich dann doch von der Matte und trat den Dienst bei der Polizei an, bei der er eine gute Förderung und viele Freiräume bekam.

Die Olympischen Spiele 1988 wurden zum Reinfall

So lief es sportlich auch nach Olympia weiter erfolgreich. Nach Weltcupsiegen in Zürich 1985 und Havana 1987 standen 1988 die nächsten Olympischen Spiele in Seoul auf dem Programm. „Ich war in der Form meines Lebens”, sagt Hillenbrand rückblickend.

Doch es sollte nicht so kommen wie erhofft. Kurz vor den Spielen brach auf einem Flug zum Weltcup in Moskau der Schaft seiner Waffe. Danach fehlte völlig die Präzision. „Das Gewehr ist bei einem Schützen ein Teil von einem selbst”, erklärt der 62-Jährige. In der Kürze der Zeit war das nicht mehr zu reparieren.

„Olympia war ein Schuss in den Ofen. Es war deprimierend”, berichtet der Kronauer. Nachdem auch ein Jahr später bei der EM keine Medaille mehr heraussprang, entschied er sich, die große Karriere zu beenden und sich mehr der Familie zu widmen, nachdem er auch privat Rückschläge erlitten hatte.

Titel sammelte Hillenbrand dennoch viele weitere, unter anderem bei Polizeimeisterschaften und Deutschen Meisterschaften. 1997 kam Sohn Christoph zur Welt, der ein guter Fußballer wurde. Und beruflich fand Hillenbrand seine Bestimmung. Bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr war Hillenbrand Schießlehrer und Fachkoordinator für Schießen an den fünf Polizeischulen in Baden-Württemberg.

„Mir war es immer ein großes Anliegen, dem Nachwuchs den sicheren und klugen Umgang mit der Waffe beizubringen”, sagt er. Dazu zählt neben dem Schießen vor allem auch das Nicht-Schießen. „Da gehören viel Beherrschung und Psyche dazu.”

Wir sind als Sportschützen zuletzt in eine Ecke gestellt worden, in die wir nicht gehören
Kurt Hillenbrand

Was ihn heute sehr stört, sind die wiederkehrenden Diskussionen um den Zusammenhang von Waffenbesitz und Amokläufen. „Da sind wir als Sportschützen zuletzt in eine Ecke gestellt worden, in die wir nicht gehören”, sagt Hillenbrand verärgert. In früheren Zeiten seien der Sport und die Schützenvereine gesellschaftlich integriert gewesen, heute schauten viele missgünstig darauf.

So sieht der Kronauer auch nach seiner Karriere in Sport und Polizeidienst seine Aufgabe darin, den Schießsport positiv zu präsentieren und den Nachwuchs einen bewussten Umgang mit der Waffe zu lehren. So wie er es selbst in mehr als 50 Jahren als Schütze gepflegt hat.

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