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Eissportzentrum am Hohwiesenweg erfährt großen Zuspruch

Profis trainieren bereits im Juli im Pforzheimer Eissportzentrum

Es ist alles andere als gängig, dass eine Eishalle in einer Stadt, die nicht gerade als Eissport-Hochburg gilt, bereits im Juli öffnet. Doch genau das hat José Afonso, Betreiber des Eissportzentrums in Pforzheim, in diesem Jahr gewagt – und damit erreicht, dass derzeit immer wieder Profis ihre Schlittschuhe in der Goldstadt schnüren.

Paul Ullrich (rechts) beraumte relativ kurzfristig ein Trainingscamp für Eishockey-Profis im Pforzheimer Eissportzentrum an. Als zweiter Coach war der ehemalige NHL-Spieler und DEB-Kapitän Marcel Goc (links) dabei. Foto: Jürgen Müller

Es ist still rund um das Eissportzentrum im Pforzheimer Hohwiesenweg. So still, wie man es Mitte Juli eben erwartet. Bei hochsommerlichen Temperaturen rechnet man mit stehender Hitze in der St. Maur Halle. Doch weit gefehlt: In dem Augenblick, in dem man die Türe des Haupteingangs öffnet, wird es kalt – und zwar richtig kalt. „Zehn Grad Lufttemperatur“, sagt José Afonso. Seine blauen Augen formen sich zu kleinen Halbmonden, die Lachfalten verraten das Lächeln, das sich hinter dem Mundschutz verbirgt.

Überraschender Weg in Pforzheim

Afonso ist seit 2018 Betreiber des Eissportzentrums. Damals hat Wolfgang Scheidtweiler der Stadt die Halle abgekauft und in Afonso, der zuvor schon eine Halle in Viernheim betrieb und bei der Stadt Mannheim angestellt ist, um sich dort um das Eis zu kümmern, einen erfahrenen Pächter gefunden. Dass jedoch ausgerechnet in Pforzheim so früh das Eis liegt, das überrascht. Es überrascht deshalb, weil Pforzheim nicht gerade als Eissport-Hochburg bekannt ist – und selbst in den Hochburgen ist bisher vielerorts noch nicht an Eiszeit zu denken.

Dieser Umstand aber projiziert die Goldstadt plötzlich auf die Landkarte der Profis, besonders im süddeutschen Raum. Hinter Afonso steht an diesem Mittwoch Paul Ullrich auf dem blütenweißen Eis. Der 34-jährige gebürtige Kärntner ist mit seiner „Skillz Company“, mit der er Eishockey-Profis gesonderte Technik-Trainingscamps abseits des Mannschaftstrainings bietet, hier.

Im Juli haben aber alle wieder Bock.
Paul Ullrich

„Der Juli ist ein perfekter Zeitpunkt, um so ein Camp abzuhalten“, sagt er. „Im August müssen die Jungs zurück zu ihren Mannschaften, im Juni war die Pause noch nicht lang genug. Im Juli haben aber alle wieder Bock.“

Prominenter Trainer steht in Pforzheim auf dem Eis

An Ullrichs Seite auf dem Eis steht derweil noch ein zweiter Coach – und zwar kein geringerer als Marcel Goc, bis Anfang des Jahres Spieler des Eishockey-Erstligisten Adler Mannheim. Der 36-Jährige kann auf 699 Spiele in der nordamerikanischen NHL zurückblicken, war Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, gewann 2018 in Pyeongchang olympisches Silber – und ist damit gerade für die jungen Profis ein echtes Vorbild. Eine „super Symbiose“, nennt Ullrich diese Zusammenarbeit.

Für den Moment aber ist es verhältnismäßig ruhig in der Halle, die acht Feldspieler und zwei Goalies arbeiten konzentriert. Unter ihnen ist eines der deutschen Top-Talente – wenn nicht sogar das Talent schlechthin: Tim Stützle. Der 18-Jährige debütierte bereits im vergangenen Jahr in der DEL, der höchsten deutschen Eishockey-Liga, bei den Adlern Mannheim. Damals noch – wie es für Minderjährige vorgeschrieben ist – mit Gitter statt Visier am Helm.

Heute wird er als einer der Top-Picks für den anstehenden NHL-Draft, bei dem die Teams der höchsten nordamerikanischen Eishockey-Liga die Rechte an Amateur- und Nachwuchsspielern erwerben, gehandelt.

Video-Analysen für eine bessere Technik

„Wir brechen hier alles bis ins kleinste Detail runter“, erklärt Ullrich. „In Videoanalysen bekommen die Jungs ganz individuell gezeigt, was sie verbessern können, um noch ein paar Prozentpunkte mehr herauszuholen.“

Die Spieler hätten bei den Coaches in einem solchen Camp weniger Hemmungen, ihre Probleme zu formulieren. „Ich bin nicht der Mannschaftscoach“, erklärt Ullrich, „ich bin nicht derjenige, der ihnen die Eiszeit gibt oder nimmt. Hier können sie hinfallen, können nachfragen – das ist ein anderes Vertrauensverhältnis.“

Ullrich ist mit seinem Camp jedoch nicht der Einzige, der die Halle an diesem Tag nutzt. Neben den Trainingscamps finden derzeit auch einzelne Eishockey-Profis aus Mannheim, Bietigheim-Bissingen und Heilbronn ihren Weg nach Pforzheim, zudem trainieren etliche Eiskunstlauf-Abteilungen momentan in der St. Maur Halle.

Es ist ganz toll hier. Wirklich großzügig, schön hell, super Eisqualität
Michael Hörrmann

Beispielsweise die Eiskunstläufer des TEC Waldau, die – eine halbe Stunde nach Ende des Camps der „Skillz Company“ – das Eis betreten. Trainer Michael Hörrmann ist begeistert von den Möglichkeiten in der Goldstadt: „Ich dachte, ich würde fast alle Eishallen in Deutschland kennen“, sagt er, „aber diese hier kannte ich noch nicht“. Umso überraschter sei er gewesen, als er sie das erste Mal betrat. „Es ist ganz toll hier. Wirklich großzügig, schön hell, super Eisqualität.“

Nach drei Monaten Trainingsabstinenz ist er, sind die Stuttgarter froh, wieder auf dem Eis stehen zu können. Für die Leistungssportler ist das unerlässlich. „Fast alle Hallen sind noch geschlossen, für das Sommertraining mussten wir sonst immer nach Füssen oder Oberstdorf fahren“, berichtet er. „Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das hier eine Erleichterung ist.“ Deshalb haben die Eiskunstläufer des TEC gleich zwölf Termine in sechs Wochen gebucht.

Auch die Eiskunstlauf-Abteilung des TEC Waldau trainiert derzeit immer wieder in der St. Maur Halle Foto: Jürgen Müller

Der Zulauf, weiß José Afonso zu berichten, wird gerade immer größer. „Es ist logischerweise langsam angelaufen. Inzwischen kommen aber sogar zwölf Hobby-Mannschaften immer wieder, das spricht sich herum“, sagt er. Dabei war die frühe Öffnung in diesem Jahr einem Zufall geschuldet.

„Normalerweise besteht eine Vereinbarung, die Halle von September bis April für den Eissport zu nutzen“, erklärt Afonso. Aufgrund der Corona-Pandemie musste der 56-Jährige dieses Jahr schon im März schließen – die Pacht aber hatte er im Voraus bis Ende April bezahlt.

Wir hoffen sehr, dass wir nächstes Jahr wieder kommen können.
Paul Ullrich

Da lag die Frage auf der Hand: Was passiert mit dem Geld? Anstatt einer Rückerstattung war die Idee geboren, bereits im Sommer zu öffnen. Wirtschaftlich trage sich das zwar noch nicht, gibt Afonso unumwunden zu, „aber ich sehe das als Werbekosten. Es kommt dem Standort zugute und wir wussten ja vorab nicht, wie viel Zuspruch wir erhalten würden.“

Etwas Ungewissheit bleibt

Ob er im kommenden Jahr wieder so früh öffnen wird, ist indes unklar – weil die Gesamtsituation unklar ist: „Im September soll der Publikumslauf regulär starten. Bisher wissen wir aber nicht, unter welchen Voraussetzungen wir das dürfen“, erklärt der 56-Jährige. „Wir hoffen sehr, dass wir das alles gestemmt bekommen.“

Immerhin die Resonanz der Hallenmieter am Mittwoch macht Mut – und sie deutet nur Positives an. „Es ist ein perfekter Standort für Profi-Camps“, meint Paul Ullrich. Das Gelände und die Infrastruktur seien optimal, das Eis super. „Wir hoffen sehr, dass wir nächstes Jahr wieder kommen können.“ Dann vielleicht sogar auch mit einem Kinder-Camp, kündigt er an.

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