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Serie „Ein Sport in der Nische”

Steinstoßen in Karlsruhe: Ein Mann, ein Stein, ein Stoß

Highlander, Spaßsportler, Freak: Wer 15-Kilo-Klötze in eine Grube wuchtet, hat mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Steinstoßer der Germania Karlsruhe trotzen diesen mit Tradition und Titeln.

Mit Wucht in die Grube: Michael Reinmuth ist das Aushängeschild der Steinstoßer von Germania Karlsruhe. Foto: Helge Prang/GES

Das Unwetter ist weitergezogen, durch die Bäume des Hardtwalds linst die Abendsonne auf den Rasen der Germania. Neben diesem steht Michael Reinmuth. In seiner rechten Hand: ein Stein. Reinmuth ist: Steinstoßer. Der Mann, der da gleich den 15 Kilogramm schweren Quader in die mit Laub und Gras bedeckte Sandgrube stoßen wird, sieht nicht aus wie ein Freak oder wie einer dieser langhaarigen Kolosse im Schottenrock, die in Internetvideos Baumstämme durch die Luft wirbeln.

Der Mann mit dem graumelierten Haar und den muskulösen, braungebrannten Oberarmen nimmt Anlauf. Zwölf, 13, 14 Meter sind es bis zum Balken. Gleich geht es los. Ein Mann, ein Stein, ein Stoß – das ist alles?

Lang war der Anlauf auch, bis der Sport bei der Germania Karlsruhe landete. Steinstoßen gilt als eine der ältesten sportlichen Betätigungen der Menschheitsgeschichte. Bereits in der Antike und bei den Römern verbreitet, war es bei den Rittern Teil der Erziehung, geriet dann aber in Vergessenheit. Turnvater Jahn belebte die Disziplin im 19. Jahrhundert wieder, später nahmen sie auch die Leichtathleten in Beschlag. Bei den sogenannten Zwischenspielen 1906 zählte das Steinstoßen kurzzeitig gar zum olympischen Kanon.

Anlauf wie beim Speerwurf, Abstoß wie beim Kugelstoßen.
Steinstoßer Michael Reinmuth

Heute wuchten vor allem die sogenannten Rasenkraftsportler Steine durch die Luft, darüber hinaus zählen Gewichtwerfen und Hammerwerfen zu deren Metier. Bei der Germania sind diese seit über 100 Jahren beheimatet. Nach dem Krieg war es vor allem Bäckermeister Karl Wolf, 1952 Olympia-Sechster im Hammerwurf, durch den die Rasenkraftsport-Bewegung in Karlsruhe wieder an Fahrt gewann.

Fahrt nimmt nun auch Reinmuth auf. „Anlauf wie beim Speerwurf, Abstoß wie beim Kugelstoßen”, hatte der 54-Jährige kurz vorher noch erklärt. Und: „Das ist schon schwer, beide Sportarten zu verheiraten. Dafür habe ich Jahre gebraucht.” Dabei hatte er als Zehnkämpfer beides gelernt, ehe er kurz vor dem Abitur zum Rasenkraftsport wechselte. Hier bot die Einteilung in Gewichtsklassen größere Erfolgsaussichten. Mit dem 15-Kilo-Klotz bewaffnet flitzt er nun in Richtung Grube. Begleitet von einem kurzen Schrei schickt er den Stein auf die Reise.

Kenntners Suche nach dem perfekten Stoß

Neben der Anlaufbahn stehen Werner Jacob und Georg Kenntner und schauen genau hin. Die beiden sind so etwas wie Steinstoß-Legenden. Jacob, 83, kümmert sich bei der Germania seit sechs Jahrzehnten um die Rasenkraftsportler und wurde dafür von Stadt, Land, Sportbund und Verband geehrt. Kenntner, 88, ehemaliger Leiter des Sportinstituts, heimste schon zahlreiche Titel ein und nimmt noch immer an Meisterschaften teil.

Die Suche nach dem perfekten Stoß, sie beschäftigt Kenntner seit vielen Jahren. 1995 legte der Tausendsassa eine biomechanische Studie vor: Anlaufgeschwindigkeit, Abstoßwinkel, Abfluggeschwindigkeit, Impulsschritte – der Sportwissenschaftler und Anthropologe wollte es genau wissen. „Der Reinmuth hatte halt immer die besten Werte, daraus resultierte dann die beste Weite”, fasst Kenntner zusammen.

Reinmuths Rekordmarken haben seit rund 30 Jahren Bestand

Und dann fliegt er, der Stein. Für einen kurzen Moment scheint er schwerelos. Höhenflug. Reinmuth kennt das. Zweimal Europameister, zigfach Deutscher Meister, in der Liste der nationalen Rekorde prangt in der 71-Kilo-Klasse seit rund 30 Jahren sein Name: 9,85 Meter im Freien, 9,97 Meter in der Halle. Dafür habe er sich einst runtergehungert, erzählt der Projektmanager.

Glanzzeiten hat auch die Germania erlebt, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren, als die Sportvereinigung reihenweise den Mannschaftsmeister-Titel im Rasenkraftsport gewinnt. Der Lohn: Silberne Lorbeerblätter vom Bundespräsidenten, die noch heute das Vereinsheim zieren. Dazu richtet der Club regelmäßig Titelkämpfe aus, jahrelang auch in der Europahalle.

Man will uns als Jux-Sportart abtun, das sind wir aber nicht.
Steinstoßer Michael Reinmuth

Doch irgendwann ist der Höhenflug vorbei. Auch der von Reinmuth gestoßene Stein zieht es gen Boden. Mit einem dumpfen Aufprall landet der Klotz im Sand. Ein ordentlicher Versuch. Doch immer weniger tun es heutzutage Reinmuth gleich. „Die Zahl der Sportler hat unheimlich abgenommen”, sagt Jacob. Früher hätten noch Clubs aus den Städten mitgemischt: Berlin, Wolfsburg, Leverkusen. „Heute sind es zum Großteil kleine Vereine vom Land.”

Bei der Germania sind nur noch sieben Aktive gemeldet. Der Nachwuchs bleibt aus. Früher sei der, erzählt Ex-Zehnkämpfer Reinmuth, wie er selbst aus der Leichtathletik gekommen. Doch die Quelle ist längst versiegt. „Ich bin damals als Jüngster dazugekommen und bin heute noch der Jüngste. Das ist nicht gut”, sagt Reinmuth. Es klingt ein wenig bitter.

Denn, darin sind sich die drei Steinstoß-Größen der Germania, einig: Attraktiv sei der Rasenkraftsport im Allgemeinen und das Steinstoßen im Besonderen allemal. „Man will uns als Jux-Sportart abtun, das sind wir aber nicht”, betont Reinmuth. Es klingt kämpferisch. Sein Arbeitsgerät liegt da schon längst wieder im Materialkasten neben der Grube – und wartet auf den nächsten Stoß.

Info zur Serie

Bisher erschienen: Fußballgolf (11. Juli), Ringtennis (18. Juli), 3x3 Basketball (25. Juli), Indiaca (1. August), BMX (8. August), Sportklettern (15. August), Cheerleading (22. August).

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