Titelverteidiger
Darf bei der Tour de France seinen Titel verteidigen: Der Brite Chris Froome. | Foto: Christophe Ena/AP

Frankreich-Rundfahrt

«Abgekartetes Spiel» bei Froome? – Tour-Sieger unter Druck

Berlin (dpa) – Anti-Doping-Experten fordern Aufklärung zum umstrittenen Froome-Freispruch, und die französische Presse prophezeit dem britischen Seriensieger schwere drei Wochen.

Rechtlich sind für Chris Froome vor dem Start der 105. Tour de France am Samstag auf der Atlantik-Insel Noirmoutier alle Hürden beiseite geräumt. Die Frage bleibt, wie der frisch gekürte Giro-Gewinner auf dem möglichen Weg zu seinem fünften Tour-Triumph mit dem außergewöhnlichen Druck umgeht, den nicht nur die Konkurrenten erzeugen werden. Sein Trainer Tim Kerrison ist überzeugt: «Wenn Chris gefordert ist, kann er alles zur Seite schieben und liefern.»

Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel hat den Freifahrtschein für den viermaligen Tour-Sieger kritisiert und vom Internationalen Radsport-Verband UCI sowie von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA als Wegbereiter des Freispruchs Transparenz gefordert. «Es sieht wie ein abgekartetes Spiel aus: Die Tour droht – die UCI liefert mit Hilfe der WADA», sagte der Pharmakologe der Deutschen Presse-Agentur. Froomes stark überhöhter Wert des Asthmamittels Salbutamol wurde nicht als Doping gewertet.

Das unmittelbar vor der UCI-Entscheidung ausgesprochene Startverbot durch den Tour-Veranstalter ASO erwies sich als leere Drohung, die nicht einmal 24 Stunden Bestand hatte. Sörgel vermutet, dass eine umstrittene Studie aus den Niederlanden Grundlage für die offiziell erteilte Starterlaubnis gewesen sein könnte.

Eine wissenschaftliche Untersuchung im Zentrum des «Human Drug Research» in Leiden hatte angeblich belegt, dass die angewendeten Tests zur Ermittlung von Salbutamol-Spuren ungenau seien. Darüber hatte die «Times» im Mai berichtet. Die Studie – angeblich mit Hunde-Versuchen – zeigt, dass in 14,5 Prozent der untersuchten Fälle ungenaue, meist höhere Werte im Urin gemessen wurden, obwohl die von der WADA zugelassenen 1000 Nanogramm verabreicht wurden. Froome war im September 2017 bei der Vuelta in Spanien mit 1920 Nanogramm pro Milliliter Urin getestet worden.

Sörgels australischer Kollege Robin Parisotto sagte der Internetplattform cyclingnews: «Es ist schwer zu verstehen, dass ein so hohes Niveau von Salbutamol nicht als Manipulation gewertet wird. Es fehlen die Begründungen.» Sörgel erklärte: «Wenn die WADA nicht belegen kann, dass der eigene Grenzwert verbindlich ist, kann sie einpacken.» Nach den Worten des Wissenschaftlers aus Nürnberg schwören «Sportler in vielen Disziplinen offensichtlich auf Salbutamol wegen seiner regenerativen Eigenschaften».

Froome könnten in Frankreich harte Wochen bevorstehen. Dem 33-Jährigen ist noch die widerliche Urin-Attacke der Tour 2015 in Erinnerung. «Bleibt abzuwarten, wie Froome von den Zuschauern aufgenommen wird. Man kann ernsthaft daran zweifeln, dass die Einstellung des Verfahrens genügt, die Zweifel zu beruhigen, die einige Fans ihm gegenüber hegen», schrieb die «L’Équipe».

Vor dem Mann mit der Startnummer 1, der sich bei der Tour wie einst Lance Armstrong von einem Bodyguard begleiten lassen will, stünden «die Fallen der Strecke, eine Kohorte ehrgeiziger Rivalen und eine große Unbekannte, die Reaktion der Zuschauer», schrieb der «Figaro». Die französische Radlegende Bernard Hinault hatte sogar einen Fahrer-Streik gegen Froome gefordert.