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Corona-Pandemie

Tennis-Ass Kerber: Keiner weiß, wie es weitergeht

Ende August sollen die US Open beginnen. 2016-Siegerin Angelique Kerber kann sich momentan nicht vorstellen, in den Flieger nach New York zu steigen. Ihre Entscheidung fällt womöglich erst kurzfristig.

Hat noch keine Pläne für die Rückkehr auf die Tennis-Tour: Angelique Kerber bei einem Show-Kampf in Bad Homburg. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Feste Pläne hat Angelique Kerber im Moment überhaupt nicht. Auch wenn die internationale Tour nach fünfmonatiger Coronavirus-Pause in drei Wochen wieder losgehen soll, weiß die beste deutsche Tennisspielerin noch nicht, wie sie vorgeht.

Ihre Teilnahme an den US Open will sich die 32-Jährige lange offen halten. „Stand heute, sage ich ganz ehrlich, kann ich es mir nicht vorstellen“, sagt sie. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht die ehemalige Nummer eins der Welt auch über Polizisten vor ihrer Tür, über frühe Tennis-Auftritte vor Publikum und die Fehler von Alexander Zverev.

Seit vier Monaten steht die Tennis-Tour still, beherrscht das Coronavirus unser Leben. Wie haben Sie die Zeit bisher verbracht?

Angelique Kerber: Für mich war es ein Vollbremsung wie von hundert auf null. Ich habe versucht, meine Routinen zu ändern, habe versucht, verschiedene andere Dinge zu machen, positiv zu bleiben oder die Zeit für mich selber zu nutzen. Ich bin auch in mich gegangen, habe alles Revue passieren lassen, was in den letzten Jahren passiert ist. Ich habe Zeit mit meiner Familie verbracht und und und - viele Dinge, die ich in den letzten Jahren nicht machen konnte.

Als alles anfing, waren Sie in Deutschland und mussten dann in Polen in die Quarantäne mit Polizei-Überwachung. Wie lief das ab?

Kerber: Ich bin nach Polen, nachdem die Grenzen geschlossen wurden. Ich durfte zwei Wochen nicht das Haus verlassen. Jeden Tag kam tatsächlich die Polizei und hat geklingelt oder angerufen. Ich musste ans Fenster gehen und winken oder die Tür aufmachen, da kontrolliert wurde. Natürlich ist es am Anfang ein komisches Gefühl, wenn man bewacht wird und nicht aus dem Haus gehen darf. Ich war sehr froh, als die zwei Wochen vorbei waren.

Die WTA-Tour will am 3. August wieder starten, das ist schon in drei Wochen. Wie sinnvoll finden Sie das?

Kerber: Klar, ich verstehe, dass alle darauf hinarbeiten, so schnell wie möglich wieder zur Normalität zurückzukehren. Mir geht es genauso, auch ich möchte wieder in den Touralltag zurückkehren. Aber ich denke, es sollte für alle fair sein. Deshalb muss man jetzt schauen, wie die Regeln für die Turniere sein werden, wie das mit dem Reisen funktioniert. Jedes Land hat seine eigene Regeln. Wir sind noch mitten in der Pandemie, weswegen ich für mich entschieden habe, die Lage vorerst weiter zu beobachten.

Ist der Auftakt in Palermo am 3. August eine Option?

Antwort: Ein Start in Palermo ist für mich derzeit ausgeschlossen. Wenn, dann geht es für mich erst in Cincinnati los, da es Teil meiner Planung ist, mich auf die großen Turniere zu fokussieren. Offen gestanden ist aber bis jetzt noch nichts entschieden, eben weil ich nichts riskieren möchte. Für mich steht die Gesundheit und die Verantwortung für mein Team im Vordergrund. Die Situation sollte man nach wie vor nicht auf die leichte Schulter nehmen, nur weil es jetzt unbedingt losgehen muss. Immerhin ist es kein Geheimnis, dass die Zahlen in den USA hochgehen.

Können Sie sich gerade vorstellen, für den Start der US Open am 31. August in wenigen Wochen ins Flugzeug in die USA zu steigen?

Kerber: Stand heute, sage ich ganz ehrlich, kann ich es mir nicht vorstellen. Ich glaube, niemand will sich jetzt in den Flieger setzen und nach New York fliegen. Aber bis dahin sind ja noch ein paar Wochen Zeit, und man wird weiter beobachten müssen, wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickelt. Das gilt auch für die Situation mit den Flügen und den Hotels vor Ort, wobei in allen Bereichen die Sicherheit gewährleistet sein muss.

Wovor haben Sie am meisten Angst?

Kerber: In erster Linie vor der Gefahr, die von Corona ausgeht. Ich habe am meisten Respekt davor, dass ich mich oder ein Mitglied meines Teams sich auf Reisen ansteckt und wir dann womöglich festsitzen, ohne zu wissen, wie mit der Problematik umzugehen ist. Leider ist es ja auch so, dass noch weitestgehend unklar ist, welche Nachwirkungen eine Ansteckung haben kann.

Wie sehr zweifeln Sie, dass die US Open überhaupt stattfinden?

Kerber: Eine schwierige Frage. Noch vor einigen Monaten habe ich es als nur wenig wahrscheinlich erachtet. Jetzt momentan versuchen alle, dass die US Open doch stattfinden können. Ich weiß nicht, wie die Entscheidung ausfallen wird, aber ich glaube, das wird sich in den nächsten Wochen entscheiden müssen, damit jeder Klarheit hat.

Haben Sie sich für die Entscheidung eine Deadline gesetzt?

Kerber: Es ist derzeit unfassbar schwer zu planen. Ich habe mir keine Deadline gesetzt, da es wenig sinnvoll wäre. Es weiß momentan keiner, was passiert und wie es weitergeht. Selbst wenn die Organisatoren sagen, dass sie spielen, heißt es nicht für mich, dass ich auch automatisch teilnehme.

Frage: Für Ende September sind die French Open in Paris geplant. Da sollen sogar bis zu 20.000 Zuschauer auf der Anlage sein. Was halten Sie davon?

Kerber: Klar ist für mich, dass die Fans zum Tennissport dazugehören. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie es sein würde, ohne Fans zu spielen und will das auch eigentlich gar nicht. Aber natürlich muss man in dieser Zeit Kompromisse eingehen. Bis dahin ist aber noch Zeit, und es kann sich vieles ändern. Auch hier sage ich, auch für die Fans muss die Sicherheit oberste Priorität haben.

Ist es leichter, sich für Paris zu entscheiden?

Kerber: In gewisser Weise schon, da für mich Turniere in Europa eher machbar sind als New York.

Ihr Showmatch in Bad Homburg fand am Samstag vor knapp 100 geladenen Gästen statt. Was sagen Sie dazu, dass an anderen Standorten schon wieder vor Zuschauern gespielt wurde?

Kerber: Jede Regierung hat andere Regeln, wobei es in der letzten Zeit fast wöchentliche Anpassungen gab. Fakt ist aber, es sollten sich alle an die Vorgaben und Regeln halten, und zwar im Hinblick auf seine Mitmenschen und die eigene Sicherheit. Man sollte lieber ein, zwei Wochen länger warten als zu früh anzufangen. Ich bezweifle sehr, dass es momentan sinnvoll ist, direkt in vollen Stadien zu spielen in dieser Zeit.

Olympia ist ein Ziel fürs nächste Jahr, Sie wollen mit Alexander Zverev Mixed spielen, der gerade in der Kritik steht. Ändert sein Verhalten in der Coronavirus-Krise etwas an den Plänen? 

Kerber: Wir haben besprochen, zusammen Mixed zu spielen, und das ist immer noch aktuell für nächstes Jahr.

Von Zverev sind in dieser schwierigen Zeit Partybilder aufgetaucht. Glauben Sie, dass das dem Tennis schaden wird?

Kerber: Es ist sicherlich so, dass man aus Fehlern lernen sollte. Aber ich bin zuversichtlich, dass Tennis im Allgemeinen davon keinen Schaden nehmen wird.

Wirkt sich die monatelange Pause eigentlich auf Ihre Karriereplanung aus. Führt das Jahr dazu, dass Sie dieses Jahr auf jeden Fall dranhängen?

Kerber: Soweit habe ich noch nicht gedacht, auch weil ich in der Corona-Zeit gelernt habe, dass man nicht zu weit nach vorne planen sollte. Ich glaube, ich werde das für mich irgendwann spüren, wann der Zeitpunkt gekommen ist. Und wer weiß - vielleicht spielen wir die nächsten zwei Jahre kein Tennis. Es ist schwer zu sagen, vielleicht fangen wir auch in drei Wochen wieder an.

ZUR PERSON: Angelique Kerber (32) wurde die erste deutsche Grand-Slam-Siegerin seit Steffi Graf, als sie 2016 die Australian Open gewann. Es folgte im selben Jahr der Triumph bei den US Open, 2018 gewann sie Wimbledon. Die Kielerin mit Wohnsitz im polnischen Puszczykowo wurde am Samstag zum Ehrenmitglied im Deutschen Tennis Bund ernannt. In der Weltrangliste belegt sie momentan Platz 21.

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