Trainer-Abenteuer

Vom KSC über Aalen nach Griechenland: Giannikis bringt Zweitligist auf Vordermann

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In Ioannina im Nordwesten Griechenlands ist Argirios Giannikis inzwischen ein Prominenter. Giannikis ist Hoffnungsträger des traditionsreichen Fußballvereins PAS, dessen Präsident Giorgos Hristovasilis ihm zutraut, den Abstieg aus der Ersten Liga zu reparieren. Zwischen 2007 und 2016 hatte er beim Karlsruher SC gearbeitet, die letzten viereinhalb Jahre als Vertrauensmann Markus Kauczinskis.

Ioannina ist ein sehr lebendiges und orientalisch angehauchtes Städtchen am Westufer des Süßwassersees Pamvotida. Uni, Flughafen, Geschäfte jeder Couleur – alles vorhanden. Enge Gassen und Bauwerke aus osmanischer Zeit schenken dem Kern sein markantes Antlitz. Hier, im Nordwesten Griechenlands, in der rund 170.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der Region Epirus, ist Argirios Giannikis inzwischen ein Prominenter. Die Leute seien ihm gegenüber vor allem eines: „Hilfsbereit!“

PAS Ioannina führt die Super League 2 nach der Hinrunde mit sieben Punkten Vorsprung an. Und im Achtelfinal-Hinspiel des griechischen Pokals legte er am Mittwochabend im 7.600 Besucher fassenden Zosimades Stadium vom großen Athen mit einem 1:0-Sieg vor. Aber auch im Cup ist noch alles drin.

Opfer der Reform in der Ersten Liga

Die ruhmreichen Tage von PAS Ioannina gehen auf die 1970er und die frühen 1980er zurück, als er argentinische Zuwanderer in seinen Reihen versammelte. In der Gegenwart erinnert wenig daran. Blau und Weiß, die Vereinsfarben vielleicht. Und der einzige Gaucho, Cristian Gabriel Chavéz, ein Stürmer. Daneben gibt’s vor allem einheimische Kicker oder ehemalige Nationalspieler mit Vorgeschichte wie Abwehrmann Andraz Struna (Slowenien, 30), Angreifer Branca Ilic (Serbien, 34) oder Mittelfeldspieler Andi Lala (Albanien, 33). Andere Clubs haben weniger Tradition, aber mehr Möglichkeiten. Um die drei Millionen Euro beträgt der Etat des Vereins.

Giannikis vergleicht die Situation seines Clubs mit der von Hannover 96 nach dessen Abstieg. Die Enttäuschung der Leute vermischt sich mit der Erwartung, dass es wieder hoch geht. Eine Mission unter infrastrukturell schwierigen Bedingungen. Geduld sei da gefragt. Und Improvisation. Zuweilen geht‘s chaotisch zu. Erst im März 2019 war entschieden worden, dass die griechische Superleague von 16 auf 14 Vereine reduziert würde. Dadurch war PAS Ioannina vom Abstieg betroffen.

Der Saisonstart wurde dann zweimal verschoben, weil die ursprünglich ausgehandelten TV-Gelder nicht ausgezahlt wurden. „Eine Vorbereitung zu gestalten war nicht einfach. Wir haben es dann aber doch alle zusammen ganz gut hinbekommen.“ So etwas habe man in einem „geordneten Fußball-Land nicht“. Auch nicht die Unsicherheit, lange nicht zu wissen, ob man samstags, sonntags oder montags spielt. Der 39 Jahre alte Deutsch-Grieche fasst es zusammen: „Fußballerisch ist das hier eine ganz andere Welt.“

Giannikis vergleicht Leistungsniveau mit dem eines Drittliga-Topteams

14, 15 Spieler aus dem alten Kader sind noch da. So ging es für den sprachkundigen Gastarbeiter auf der Trainerbank auch darum, „sie von diesem Negativerlebnis mental zu befreien“. Hinzu kam, dass der Verein vormals für Konterfußball stand. Giannikis musste der Mannschaft einen dominanten Ballbesitzfußball eintrichtern. Mit einem Kader, dessen Zusammensetzung unter Mitsprache der Präsidentenfamilie zustande kam.

In Griechenland sind überwiegend Oligarchen die Geldgeber der Vereine. Sie sagen an.
Der Name Giannikis verleitet zu einer irrigen Annahme: Denn Griechenland-erfahren war der gebürtige Nürnberger vor seiner Ankunft nicht. Das Land seiner Eltern, die vor 40 Jahren nach Deutschland kamen, kannte er „nur aus dem Urlaub“. Zwischen 2007 und 2016 arbeitete er beim Karlsruher SC, die letzten viereinhalb Jahre als Vertrauensmann Markus Kauczinskis.

Zusammen standen sie kurz vor dem Einzug in die Bundesliga. Die leidige Relegationsgeschichte gegen den HSV. Natürlich nie aus dem Sinn. Giannikis vergleicht das Niveau in den Reihen seines aktuellen Teams mit dem einer Drittliga-Topmannschaft daheim. Warum er sich aufs Abenteuer einließ? „Ich wollte eine Auslandserfahrung haben. Für mich ist das der nächste Entwicklungsschritt. Dabei habe ich mich für einen Verein entschieden, der Tradition und eine gewisse Dynamik hat.“

Know-how über griechischen Fußball angeeignet

Die Dynamik seiner noch jungen Laufbahn ist schnell beschrieben. Von der ersten Cheftrainerstation bei Rot-Weiß Essen verabschiedete er sich schnell. Seine Einigung mit dem VfR Aalen über eine künftige Zusammenarbeit hatte beim Regionalligisten im April 2018 zur vorzeitigen Trennung geführt. In Aalen war er nach acht Monaten wieder weg, den Neueinstieg wählte er zur laufenden Saison in Ioannina.

„Mittlerweile habe ich mir auch ein gutes Know-how über den griechischen Fußball angelegt“, erzählt er. Er glaubt, dabei helfen zu können, den Traditionsverein „wieder auf Vordermann zu bringen“. In Frankfurt ließ er für diese auf zwei Jahre angelegte Mission Frau und die beiden Söhne zurück.

„Privat war es für mich die größte Umstellung. Da ist viel Organisation gefragt“, erzählt Giannikis. Zwei Stunden sind es zum Airport nach Thessaloniki, eine Destination, die mit Frankfurt direkt angebunden ist. Zweimal im Monat versucht er, es nach Hause zu schaffen.