bfv-Präsident Ronny Zimmermann auf dem Verbandstag 2016 | Foto: GES

Badens Fußball unter Druck

Von demografisch bis „dramatisch“

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An der Basis herrscht Alarm. Der Volkssport Fußball ächzt. Das Ehrenamts-Dilemma belastet auch ihn besonders. Die Aggression auf und neben den Plätzen erschwert die Schiedsrichter-Akquise. Mit der Serie „Notelf – die Sorgen der Amateure“ versucht sich diese Zeitung an einer Bestandsaufnahme in elf Teilen. Samstags im Zweiwochenrhythmus pfeifen wir immer ein neues Thema an. Los geht‘s mit dem Aufwärmen.

Schon Anfang des Monats trafen sich Nordbadens Verbandsbosse mit der Basis. In Kirchheims Trattoria Vecchia Bari vor Heidelbergs Toren hatte sich Ronny Zimmermann, Vize-Präsident im Deutschen Fußballbund (DFB) und erster Mann des badischen Verbandes (bfv), für den Nahkampf mit Kritikern gewappnet. Ehrensache war‘s für ihn, er habe ja „nichts zu verbergen“. Jene, die sich in der gegen seine Wiederwahl gerichtete Initiative „#neuanfangbfv2020“ zusammengefunden haben, agierten eher defensiv bei der Podiumsdiskussion bei Pizza, mit Parolen und zarter Polemik. So ging‘s doch um die Nöte des kleinen Clubs und vordergründig nicht um Wahlkampf für die Neuwahlen der „Großkopferten“ beim Verbandstag 18. Juli 2020 in Remchingens Kulturhalle.

„…dann bricht im Volkssport Fußball alles zusammen“

Überwiegend systemische Probleme, das wurde deutlich, bedrücken die Fußballorganisateure. Von oben komme zu wenig Geld an der Basis an, lautet ein Vorwurf. Auf dem Weg zum Grundlagenvertrag mit der Deutschen Fußball Liga, aus dem der DFB 45 Millionen Euro, also nur drei Prozent des TV-Volumens von 1,5 Milliarden Euro kriegt, habe sich der Dachverband über den Tisch ziehen lassen. Die Amateure sehen sich von Profis vergessen und zuweilen auch allein gelassen vor der Kulisse des gewaltigen gesellschaftlichen Wandels.
„Dramatisch“ war ein Adjektiv, das Gernot Jüllich in Kirchheim oft benutzte. Gefordert seien die Vereine, aber die seien „dramatisch überfordert“, klagte der Ex-Profi, zuletzt Trainer des SV Schwetzingen. „Wir reden von 16 000 Mannschaften, die in den letzten fünf Jahren in Deutschland abgemeldet wurden. Dazu kommen in den nächsten fünf Jahren noch mal so viele oder mehr“. Jüllichs Befürchtung: „Wenn wir nicht die richtigen Maßnahmen ergreifen, dann bricht im Volkssport Fußball alles zusammen.“ Zimmermann stellte nicht in Abrede: „Wenn der Fokus nicht wieder mehr auf die Jugend gelegt wird, haben wir ein Riesenproblem.“ Dabei seien die Vereine auch selbst schuld, fand Gottfried Mantey, einer der DFB-Stützpunktleiter. „Einer, der nicht geradeaus laufen kann, bekommt in der Kreisliga 500 Euro im Monat. Da wird das Geld verplempert, anstatt dass man den Etat für die erste Mannschaft halbiert und die Hälfte für den Nachwuchs ausgibt“, ereiferte er sich. Rüdiger Heiß, Zimmermanns Stellvertreter, nannte Zahlen: „Wir haben Drop-Out-Quoten von bis zu 60 Prozent. Von den Kindern, die wir akquirieren, kommen noch 60 Prozent bei den B-Junioren an, bei den A-Junioren werden es noch weniger.“ Umfragen in Jugendteams habe der bfv gestartet, konkret war die Nachfrage: „Warum hat dein Kumpel aufgehört, Fußball zu spielen?“ Ein Ergebnis: die ungenügende Qualität der Trainer. Zimmermann widersprach Jüllichs These, in den Vereinen gebe es „Trainer mit Sozialkompetenz“ nicht mehr. Diese Facette sei vielmehr „ständiger Baustein“ der Ausbildung, aber: „Nicht jeder, der das Abitur macht, kriegt später einen Nobelpreis.“

Zimmermann weist „pauschale Anschuldigungen“ zurück

Immer früher landen die talentiertesten Kicker in den Nachwuchsleistungszentren. Erfüllen sich dort deren Träume nicht, gehen die Jungs dem Fußball oft rasch verloren. Uneinheitlich ist der umgang mit der DFB-weit möglichen, festen Ausbildungsentschädigung in der Jugend. In Hessen gibt es sie, im bfv nicht. So wollte das der Jugendausschuss des bfv, sagte Zimmermann, „so viel zum Thema mangelndes Demokratieverständnis“. Dass er ein solches pflege, ist einer der Vorwürfe von Kritikern. Der Anwalt aus Wiesloch beklagt „unkonkrete pauschale Anschuldigungen“ seitens Ralph Kirchhoff. Bei Mannheims früherem Kreisvorsitzenden sieht Zimmermann persönliche Motive aus gemeinsamen bfv-Tagen. Sein eigenes Verhältnis zur Basis sei intakt, betont Zimmermann: „Ich bin unter anderem seit Mitte der 90er im Vorstand meines Heimatvereins. Zum anderen bin ich mehrmals im Monat bei Amateurclubs unterwegs“, sagt der bfv-Boss und ergänzt: „Viel wichtiger ist die Basisarbeit des Verbandes, der spätestens seit 2013 immer Vereine mit verschiedenen Personengruppen in Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse einbezieht, sei das bei Vorstandstreffs, Führungsspielertreffs oder 62 Vereinsdialogen – entstanden aus meiner Initiative“. Auch den Amateurkongress in Kassel und den aktuell abgehaltenen Satelliten-Kongress beim bfv habe er mitinitiiert.

Geldbeschaffung bleibt Herausforderung – Landesligist wirbt für Bordell

Die Finanzierung des Spielbetriebs ist derweil für viele Vereine eine immer schwierigere Herausforderung geworden. Unkonventionell behalfen sich die Landesligakicker der Freien Turner Kirchheim. Die Abteilungsleitung lachte sich einen Bordellbetrieb als Trikotpartner an.
Kirchhoff propagiert, dass auch die erschwerte Geldbeschaffung die Macher in Karlsruhes Sportschule Schöneck interessieren muss. „Anstatt die Vereine immer nur zur Kasse zu bitten und permanent zu bestrafen, könnte sich der Verband selbst aktiv um die Gewinnung neuer Sponsoren für die Vereine kümmern. Für andere Sportarten ist das Jammern der Kicker eines auf hohem Niveau.

„Drei Fragen“: Ralph Kirchhoff ist einer der Köpfe der Initiative #neuanfangbfv2020″. Die BNN wollten von ihm wissen, welche Kritik an der Amtsführung des amtierenden Präsidenten Ronny Zimmermann aus seiner Sicht vorgebracht werden kann.