Zuweilen misstrauisch, aber auch ehrlich und direkt: Alois Schwartz charakterisiert sich selbst als „oldschool“, „ruhig“ und „demütig“.
Zuweilen misstrauisch, aber auch ehrlich und direkt: Alois Schwartz charakterisiert sich selbst als „oldschool“, „ruhig“ und „demütig“. | Foto: GES

Versuch einer Annäherung an KSC-Trainer Alois Schwartz

Wie tickt der Relegations-Debütant an der Seitenlinie?

Relegationsspiele aus eigener Betroffenheit kennt Alois Schwartz bislang nur aus der Spielerperspektive. Vor allem das zweite in der dreiteiligen Serie seiner Stuttgarter Kickers von 1991 gegen den FC St. Pauli (1:1) hat er nie vergessen.

„Da habe ich ein Traumtor gemacht. Müssen Sie mal auf Youtube schauen“, empfiehlt er. Generell ist der KSC-Trainer aber, verhalten formuliert, kein Online-Nerd. Einen Account bei Facebook zu eröffnen, liegt ihm in etwa so nahe wie die Grenzüberschreitung, Fabian Schleusener nach einem Torerfolg „an der Eckfahne anzuspringen und halber abzuknutschen“. Sollen andere machen, das Knutschen wie das Liken.

Offenherzig defensiv

Defensiv fährt Schwartz ganz gut in einem Gewerbe, in dem es „schon genügend Lautsprecher“ gibt, wie er findet. Während eines Matches macht er sich an der Seitenlinie seine Gedanken – und Notizen. Fast wie Ewald Lienen, Spitzname „Zettel Ewald“, der 1993/1994 sein Trainer beim MSV Duisburg und dabei als kommunikativer Verfechter gepflegter Tofu-Kost aufgefallen war. „Wir haben keine Reißzähne, deshalb essen wir kein Fleisch“, habe der gepredigt, erinnert sich Schwartz und lacht. Über seiner linken Braue fällt eine Narbe auf: Ein Hund war‘s, er war noch Kind. Über vier Jahrzehnte lebte Schwartz mit der Angst vor Vierbeinern. Vor sieben Jahren gab er dem Drängen von Frau und Tochter nach. „Sehr glücklich“ sei er seither mit einem Australian Sheperd, Bailey heißt die Hündin. „Ein richtiger Teddy Bär“ sei das, „ab und an hat sie auch einen an der Waffel, ist halt ein Mädle“, sagt der 51-Jährige.

Schwartz liebt seine Frauen, aber auch den Fußball

Ein treuer Freund von Schwartz ist Dimitrios Moutas. Früher kickten sie bei den Kickers, gaben Ansagen in Sandhausen. Für den Freund kehrte Moutas aus seiner griechischen Heimat zurück. „Die, die mich kennen, wissen: Mit mir kann man Pferde stehlen“, versichert Schwartz, der bajuwarische Weißbier-Folklore mag – und Harmonie. Die Rückseite seines Mobiltelefons verrät den Familienmenschen, der daheim in Mannheim ganz gerne die Türe zumacht. „Daddy Number 1“ liest man darauf. Schwartz liebt seine Frauen, aber auch den Fußball. Seine Rolle darin hat ihn manchen Kompromiss abverlangt. Schwartz ist offen mit seinen Ansichten, gegenüber Fremden anfangs reserviert, fast misstrauisch. Die Bosse wie die berufsmäßigen Begutachter des Balla-Balla-Gewerbes könnten es am Ende vielleicht nicht mehr gut mit ihm meinen. Selbstschutz aus schlechter Erfahrung.

Vertrag bis 30. Juni 2019

Es ist eine andere Narbe, die in mancher seiner Erzählung durchklingt. Am Nürnberger Valznerweiher hatte sein Trainerbüro die Dimension eines Ballsaals, „Let’s dance“ hätte er darin üben können, sagt er. „Ein Wellness-Bereich wie in einem Fünfsterne-Hotel“ gab‘s auch. Nach dem Weggang von Simon Burgstaller im Winter hatte Schwartz dafür bald keine Stürmer mehr, in der Folge eine Ergebniskrise und schnell war auch jede Lobby weg. Nachfolger Michael Köllner ist nun mit dem Club in die Bundesliga aufgestiegen. Schwartz bemüht sich mit dem KSC um ein Comeback in Liga zwei. Geht‘s schief – wer weiß, wie alles kommen wird? Sein Vertrag beim KSC läuft bis 30. Juni 2019.

Ich muss erst den Menschen kennenlernen, bevor ich aus dem Spieler mehr raushole.

In Sandhausen hatte man nicht verstanden, wieso Schwartz kurz vor der Saison zu den damals Relegations-Geschädigten nach Franken floh. Mit seiner Arbeit im Hardtwald hatte er sich einen Namen gemacht, auch bei Günter Pilarsky, dem Vize-Präsidenten des KSC. Vom Unternehmer soll der Impuls ausgegangen sein, den gebürtigen Nürtinger als Nachfolger für Marc-Patrick Meister zu installieren, damit der auf „die schwere Hypothek“ (Schwartz) der ersten Spieltage eine Trendwende herbeitrainiert. Schwartz sagt: „Ich muss erst den Menschen kennenlernen, bevor ich aus dem Spieler mehr raushole.“

„Kernig“ sozialisiert im Balltreter-Gewerbe

Schwartz war als junger Mann „kernig“ geprägt im Gewerbe. Manfred Krafft, der in Spessart lebt und inzwischen 80 ist, war sein erster Coach. Später hat er vieles über das Trainergewerbe gelernt. Und über Menschen. Als er zum zweiten Mal in Erfurt anheuerte, sei er „mehr Streetworker als Trainer“ gewesen. „Da gab‘s total viele Kulturen. Und eine Fünf-Mann-WG. Der eine wollte sich besaufen, der andere ein Mädel mitnehmen, der Dritte einfach schlafen. Unglaublich. Die habe ich erst einmal gesprengt.“ In Sandhausen habe er mit 18 neuen Spielern begonnen, die meisten davon kannten die Zweite Liga nur aus dem Fernsehen. „Das zusammenzubauen, hat mir Spaß gemacht, hat aber auch viel Kraft gekostet. Geholfen hat, dass medial nicht viel los war.“

Schwartz-Wetter erwartet

Das war in Nürnberg später anders. Auch jetzt, vor den Relegationsspielen gegen Aue, die im Kern nur dank der Serie von 21 Spielen ohne Niederlage erreicht worden waren, herrschte Trubel. Begrüßt er sonst Medienvertreter bei Pressekonferenzen per Handschlag, so ließ er es diesmal, entschuldigend: „Sonst werden wir nicht fertig.“ Überzeugt ist er von der „Riesen-Siegermentalität“ seiner Truppe – spätestens im März beim 1:1 in Lotte war er es restlos: „Du stehst da draußen, es läuft nicht viel, gefühlt minus 20 Grad, mir war saukalt. Ich habe gezittert vor Kälte und Frust. Dann hat die Mannschaft in der letzten Viertelstunde den Schalter umgelegt, dass wir fast noch gewonnen hätten.“ Das 1:1? Schleusener. Dem Trainer wurde es da warm ums Herz. An diesem Freitag stimmen zumindest die Außentemperaturen: 17 Grad plus werden zur Anpfiffzeit erwartet. Schwartz-Wetter.