Die große Leere: Auf den Anlagen der Sportvereine in der Region ist momentan Corona-bedingt nichts los. Aber wie wird es nach der Krise aussehen?
Die große Leere: Auf den Anlagen der Sportvereine in der Region ist momentan Corona-bedingt nichts los. Aber wie wird es nach der Krise aussehen? | Foto: GES

Stimmungsbild stabil

Wird das Coronavirus zum Totengräber für kleine Sportvereine in der Region?

Anzeige

Auf den Fußballplätzen, Tenniscourts und in den Sporthallen der Region herrscht dieser Tage eine geradezu gespenstische Stille. Dort, wo sonst gerannt, gekämpft, geschwitzt, gecoacht, gefachsimpelt wird: nichts. Nur eine kurze Verschnaufpause oder für den guten, alten Sportverein der Anfang vom Ende?

Für dessen Mitglieder scheint jedenfalls die Zeit gekommen zu sein, um Farbe zu bekennen. Ist mein Verein für mich nur noch Dienstleister, der gerade notgedrungen nichts mehr zu bieten hat? Oder immer noch eine Gemeinschaft, in der nun mehr denn je Solidarität gelebt wird?

Zum Thema: Kein Vereinssterben wegen Coronavirus: Ministerium sagt Sportvereinen Unterstützung zu

Martin Lenz versucht, optimistisch zu bleiben. „So ein Verein hat immer noch einen großen ideellen Wert und bietet Identifikationsmöglichkeiten“, sagt der Präsident des Badischen Sportbundes Nord.

Solidarität bedeutet auch, in Kontakt zu bleiben

Lucius Kratzert, Vorsitzender des SV Hohenwettersbach

Nur graue Theorie? Nicht unbedingt. Eine Austrittswelle gibt es vorerst nicht. Dafür tut sich an anderer Stelle was. Die Social-Media-Kanäle laufen heiß, Gymnastikvideos werden gedreht, Trainingspläne verschickt.

„Solidarität bedeutet auch, in Kontakt zu bleiben. Lieber eine WhatsApp mehr schreiben als weniger“, empfiehlt Lucius Kratzert, Vorsitzender des SV Hohenwettersbach, im Hauptberuf Pfarrer. 650 Mitglieder hat der im Karlsruher Höhenstadtteil beheimatete SVH, für den das alljährliche Sommerfest Mitte Juli fast noch wichtiger ist als Titel und Triumphe.

Hoffen auf den angestauten Bewegungsdrang

Gleich mehrere Nummern größer geht es gut zehn Kilometer weiter nördlich zu. Mehr als 8.000 Menschen treiben beim SSC Karlsruhe Sport. Dass dies aktuell nicht möglich ist, dafür gebe es großes Verständnis unter den Mitgliedern, versichert der SSC-Vorsitzende Gert Rudolph.

Mehr zum Thema: Sportvereine in Pforzheim weichen nach Corona-Absagen aufs Internet aus

Die rund 20 hauptamtlichen Mitarbeiter wolle man so lange es geht weiterbeschäftigen. Und vielleicht werde man ja, so hofft Rudolph, einen Run erleben, sobald sich der angestaute Bewegungsandrang entladen darf.

Die Krise als Chance? Matthias Reiche hält das ebenfalls für möglich. Der Geschäftsführer des Rastatter TV, rund 2.000 Mitglieder stark, glaubt, dass nun der eine oder andere merken könnte, wie wichtig sie seien, „die Lehrer, die Erzieher, aber auch die Vereine mit ihrem Angebot.“

Der gesellschaftliche Wandel habe Spuren hinterlassen. „Früher haben Mitglieder kleine Beiträge über einen langen Zeitraum bezahlt und das soziale Miteinander gepflegt“, sagt er. Und heute? Sei das Preisniveau ein anderes, die Konkurrenz auf dem freien Markt immens und ein Verein wie der RTV eben auch ein Dienstleister.

Auch interessant: Wie man in der Krise fit bleibt: Muskelaufbau-Tipps für zuhause 

Viele Vereine gehen jetzt Einkaufen

In manchen Gruppen sei das auch bei der TSG Niefern so, sagt deren Geschäftsführer Stefan Ermentraut. In anderen gebe es eine enge Verbindung zwischen den Sportlern.

Dass die Krise ein Umdenken bewirkt, erwartet Ermentraut nicht. „Solidarität gab’s vorher auch schon. Ich glaube aber nicht, dass wir hinterher 20 Prozent mehr Hilfsbereitschaft haben.“ Das vorhandene Wirgefühl versucht man im 2.000-Mitglieder-Club durch einen Einkaufsservice zu kanalisieren. Den gibt’s inzwischen auch in vielen anderen Vereinen.

Einer der ersten war der FC Untergrombach aus Bruchsal, in dem knapp 500 Menschen Beitrag zahlen. In einem kleinen Club sei das einfacher mit dem Vereinsgefühl, glaubt Jugendleiter Sven Beisel, der nun hofft, dass verloren gegangene Werte in der Krise wieder aufleben.

Mehr zum Thema: Zusammen gegen Corona – Diese Nachbarschaftshilfen gibt es in der Region

Dass die Gemeinschaft in diesen Tagen vermisst wird, das gemeinsame Bier nach dem Training, hat Holger Dörr, Geschäftsführer bei Pugilist, beobachtet. Bei dem Boxverein aus Bruchsal hat man reagiert und den knapp 3.500 Beitragszahlern angeboten, weniger zu überweisen oder die Mitgliedschaft ruhen zu lassen. Nutzen würde dies bislang kaum einer, berichtet Dörr.

Wer jetzt geht, braucht hinterher nicht mehr zu kommen.

Martin Lenz, Präsident des Badischen Sportbundes Nord

Den Zusammenhalt beschwört man auch bei Post Südstadt Karlsruhe. Einkaufs- und Botengänge für Mitglieder würde man erledigen, erzählt der PSK-Vorsitzende Hans-Joachim Kögele. Austrittswelle? Bislang Fehlanzeige. Doch ohne Folgen werde die Krise für den 5.000-Mitglieder-Club nicht bleiben, fürchtet Kögele. „Es werden mehr aus- als eintreten.“ BSB-Präsident Lenz findet klare Worte: „Wer jetzt geht, braucht hinterher nicht mehr zu kommen.“

Signale aus der Politik

Allein gelassen werden die Vereine indes nicht. Lenz, gleichzeitig Karlsruhes Sportbürgermeister, verspricht, dass die Zuschüsse in der Fächerstadt weiterfließen.

Und das Land versicherte am Donnerstag in Abstimmung mit dem Landessportverband in Not geratene Vereine finanziell unterstützen zu wollen. Und irgendwann wird die Ruhe ja auch wieder ein Ende haben auf den Sportplätzen und in den Hallen der Region.