Für Hühner gilt in ganz Deutschland wegen der Vogelgrippe Stallpflicht. Das Foto zeigt Deutsche Sperber. | Foto: Ulrich Coenen

Kritik an Stallpflicht

Viele seltene Tiere müssen sterben

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Das Urteil der Rassegeflügelzüchter ist verheerend. Seit 17. November gilt in Baden-Württemberg wegen der Vogelgrippe Stallpflicht, mittlerweile übrigens fast im gesamten Bundesgebiet. Sie ist im Südweststaat vorerst bis zum 31. Januar befristet. Nachdem die Zahl der Infektionen mit der aviären Influenza und dem hochpathogenen Virus H5N8 in den vergangenen Wochen aber in der industriellen Geflügelhaltung und bei Wildvögeln nicht abgeflaut ist, befürchten die Betroffenen eine Verlängerung.

Nur in Risikogebieten

Für Michael Götz, Vorsitzender des Tier- und Artenschutzbeirates des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG), ist die allgemeine Stallpflicht eine höchst zweifelhafte Zwangsmaßnahme der zuständigen Landwirtschaftsminister. Der Rastatter Tierarzt, der 1999 am Institut für Geflügelkrankheiten der Universität München promoviert hat, hält sie nur in Risikogebieten für sinnvoll. „Das wäre in Gegenden mit einer hohen Konzentration von industrieller Geflügelhaltung, in Sperrbezirken um Fundorte mit infizierten Vögeln und unmittelbar an großen Gewässern, an denen sich viele Wildvögel aufhalten“, meinte er gegenüber dieser Zeitung. „In Mittelbaden ist das allenfalls entlang des Rheins.“

Tote Stockente in Muggensturm

Der Subtyp H5 der nach Weihnachten bei einer in Muggensturm von einem Jäger erlegten Stockente gefunden wurde, sei, so Götz, weitaus weniger gefährlich. Nach seiner Ansicht gibt es deshalb in der Region keinen Grund zur Panik. Für Menschen bestehe bei beiden Virenstämmen keine Ansteckungsgefahr.

Artgerechte Haltung unmöglich

Konrad Lienhart (Bühl) ist Vorsitzender des Kreisverbands Rastatt/Baden-Baden der Geflügelzüchter. Er und seine Kollegen haben erhebliche Probleme mit der Stallpflicht, denn die Tiere vermissen ihren Freilauf. Die alten Rassen sind nicht mit den industriellen Hochleistungshybriden vergleichbar, die mit wenig Platz auskommen. „Eine artgerechte Haltung ist unter den jetzigen Bedingungen nicht möglich“, klagte Lienhart. „Meine Gänse haben sich bereits die Flügel wund gelegen. Die gestressten Rassehühner picken sich in vielen der engen und dunklen Ställe, die eigentlich nur für den Aufenthalt in der Nacht gebaut wurden, gegenseitig die Federn aus.“

„Stallpflicht ist Schwachsinn“

Die meisten Züchter haben nach Auskunft von Lienhart bereits ihre Bestände drastisch reduziert. Es wurden viele Exemplare der vom Aussterben bedrohten alten Haustierrassen getötet, um den übrigen mehr Platz im kleinen Stall zu bieten. „Ich musste 16 Rassegänse schlachten“, berichtete Lienhart. „Bei den Hühnern habe ich nur noch jeweils einen Zuchthahn der vier Rassen, die ich halte. Einige Kollegen wollen die Rassezucht sogar aufgeben.“ Lienharts Meinung ist klar: „Die Stallpflicht ist Schwachsinn.“

Hühner im Partyzelt

Die aktuelle Not macht die Rassegeflügelzüchter erfinderisch. Michael Götz, der Sundheimer Hühner sowie Mandarin- und Brautenten hält, hat ein teures Partyzelt gekauft, das den Tieren in seinem Garten außerhalb des Stalls zumindest ein klein wenig Auslauf bietet.

„Andere Halter haben über kleine provisorische Ausläufe Kunststoffplanen gespannt, die jetzt unter der Schneelast zusammenbrechen“, berichtete Götz.

Ursachen umstritten

Die Ursachen der Vogelgrippe sind unter Experten umstritten. Die harmloseren Varianten wie H7N3 gibt es bei Wildvögel in Europa bereits seit Jahrhunderten, hochpathogene Formen wie die aktuell grassierende H5N8 sind relativ neu. Der Rastatter Tierarzt und Artenschutzexperte Michael Götz warnt vor einer Schwarz-Weiß-Malerei.

540 Tiere in Wörth bedroht

Der Fall eines Geflügelzuchtvereins in Wörth, auf dessen Zuchtanlage kürzlich die niedrigpathogene Variante H5N3 festgestellt wurde, bereitet ihm Sorgen. „Weil es nicht möglich war, das Wassergeflügel aufzustallen, erhielt der Verein eine Sondergenehmigung“, berichtete Götz. „Gleichzeitig wurden die Tiere regelmäßig beprobt und nur deshalb das Virus festgestellt.“ Nach Auskunft des Fachmanns sterben die Vögel an der harmloseren Variante der Seuche nämlich keineswegs grundsätzlich. Die Züchter mussten das zuständige Verwaltungsgericht Neustadt bemühen, um zu verhindern, dass das Landratsamt alle 540 Enten, Hühnern und Gänse in der vereinseigenen Anlage keulen ließ und nicht nur die, deren Infektion beim Test nachgewiesen wurde.

Paradigmenwechsel gefordert

„Wenn der Staat in Hinsicht auf diese niedrigpathogenen Formen nicht zu einem Paradigmenwechsel kommt, gibt es bald keine Freilandhaltung von Rassegeflügel mehr“, warnte Götz. Er drängt auf eine Aufhebung der Stallpflicht zum Monatsende, gegen die sich die Lobbyistenverbände der industrialisierten Geflügelhaltung wehren. „Es ist natürlich in deren Interesse, die Zahl der Rassetiere bei den Hobbyhaltern drastisch zu reduzieren und genau das geschieht gerade“, konstatierte der Veterinär. „Wenn die Stallpflicht nicht bald aufgehoben wird, kann es im Frühjahr außerdem keine Nachzuchten geben und die seltenen Rassen sind in ihrer Existenz bedroht.“

Infektion aus der Geflügelindustrie?

Götz glaubt nicht, dass das gefährliche Virus H5N8 ausschließlich durch Wildvögel übertragen wird. „Die Fälle der vergangenen Wochen im Bereich der Massentierhaltung in hermetisch abgeschlossenen Ställen zeigen, dass es ebenfalls eine Verbreitung aus diesen industriellen Farmen nach draußen gibt“, stellte er fest.

Weitere Beiträge in den BNN zur Vogelgrippe und zu den vom Aussterben bedrohten Rassehühnern.