VON WEGEN RUHESTAND: Bei fast 40 Filmen hat Steven Spielberg Regie geführt. Der Erfolgsmensch feiert seinen 70. Geburtstag | Foto: dpa

Steven Spielberg wird 70

Hollywoods Herrscher der Blockbuster

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Was sollte schon schief gehen? Die ersten Meriten hatte sich der junge Regisseur schon verdient, die 200-köpfige Crew war erfahren und die Story versprach Kultstatus. Doch dann ging bei den Dreharbeiten vor der Promi-Insel Martha’s Vineyard so ziemlich alles daneben. Ganze Vormittage gingen dahin, weil sich fröhliche Segler ins Bild drängten; dann spielte die Strömung nicht mit und schließlich gab auch noch der „Hauptdarsteller“, von allen nur liebevoll Bruce genannt, seinen Geist auf. Dem 26-jährigen Regisseur Steven Spielberg, der sich „wie im Epizentrums eines Erdbebens“ fühlte, blieb nichts anderes übrig, als zu improvisieren. Statt den Protagonisten in seiner ganzen monströsen Pracht zu präsentieren, gab es das Ungeheuer aus der Tiefe nur noch in Teilen zu sehen – hier eine Flosse, dort der Schwanz, irgendwo anders das gewaltige Maul mit den spitzen Zähnen.

Hai als Geldeinspiel-Maschine

Heute wissen wir, dass die Strategie funktionierte, „dass das Furchterregende dieses Films nicht das Sichtbare, sondern das Unsichtbare war“, so der Regisseur im Rückblick. „Der weiße Hai“ wurde zu einem Kassenknüller, zur perfekten Geldeinspiel-Maschine, die ihren Macher in den Kreis der „Movie Brats“ (Film-Gören) bugsierte, wie das „Time“-Magazine Hollywoods neue Wunderkinder getauft hatte. Steven Spielberg, der morgen 70 Jahre alt wird, war der riesige Erfolg des Blockbusters später eher peinlich. Als das American Film Institute 1998 die erste Liste der 100 besten US-Filme veröffentlichte und der Regisseur mit fünf Werken vertreten war, fragte er an, ob „Der weiße Hai“ nicht gestrichen werden könnte -es gäbe andere Filme, die die Auszeichnung eher verdient hätten.

Spielberg liebt das Actionkino

Fünfzehn Oscar-Nominierungen, drei gewonnene Goldjungs, unzählige Golden Globes- und Emmytrophäen: Steven Spielberg, Sohn eines Elektroingenieurs und einer Konzertpianistin hat alles erreicht. Seine Filme spielen mehr Geld ein als die der meisten Kollegen, und selbst vermeintliche Flops wie der wenig originelle, wenig beschwingte „Hook“ aus dem Jahr 1991 finden am Ende noch ihre Anhänger. Der Mann, dessen Leidenschaft fürs Kino durch Cecil B. DeMilles Streifen „Die größte Schau der Welt“ geweckt wurde, lässt sich in keine Schublade stecken. Er ist ein ausgemachter Experte für geradliniges Actionkino („Indiana Jones“), wagt sich aber auch an humanistische Dramen („Das Reich der Sonne“) und seriöse historische Themen, die ihn persönlich bewegen, wie im Fall von „Schindlers Liste“. Seine Vielseitigkeit und seine kaum zu bremsende Produktivität waren lange auch sein größtes Manko in den Augen vieler Kritiker. Denn wie sollte man jemand ernst nehmen, dessen Namen mit Actionkrachern, Science-Fiction-Knüllern und leichten Komödien verbunden ist? „Der weiße Hai“ verschaffte ihm finanzielle Freiheit, doch erst mit „Die Farbe Lila“ entwickelte der Jubilar jenes Einfühlungsvermögen, das für das Holocaust-Drama „Schindlers Liste“ oder den Weltkriegsstoff „Der Soldat James Ryan“ unverzichtbar war. „Alle mein frühen Filme haben den Geruch von Popcorn. ,Die Farbe Lila‘ nicht“, sagte Spielberg über das gefühlsbetonte Südstaaten-Epos, das den Anfang seiner Entwicklung zum ernst zu nehmenden Filmemacher markierte.

Einsamer kleiner Junge

Als kleiner Junge habe er sich oft verloren gefühlt, bekannte das Genie im Regiestuhl. Der Vater stets auf der Suche nach besser bezahlten Jobs, die Familie immer auf dem Sprung wurde der in Ohio geborene kleine Steven nirgendwo richtig heimisch. Als „jämmerliche Zeit“ ist Steven Spielberg seine Kindheit in Erinnerung geblieben, mit miesen Schulnoten und einer überbordenden Fantasie, die Wolken zu Sauriern verwandelte und Stühlen ein Eigenleben bescherte. „Ich war mein eigenes Monster und hatte Angst vor allem“, bekannte die Hollywood-Größe, die von Wegbereitern mal als „netter Kerl“, mal als „ewiges Kind“ charakterisiert wird. Mit etwa zwölf Jahren reißt er sich die 8mm-Kamera des Vaters unter den Nagel und entdeckt das Filmemachen als Fluchtmöglichkeit aus einer tristen Gegenwart. Mit 13 hat der schüchterne Kerl einen 40-minütigen Kriegsfilm gedreht, mit 17 einen gut zweistündigen Science-Fiction-Streifen namens „Firelight“, den er selbst zu den vier schlechtesten Filmen aller Zeiten zählt. Immerhin spielt das Machwerk die Produktionskosten von 500 US-Dollar wieder ein – dank einer ausverkauften Premierenvorstellung und eines eigens organisierten Limousinen-Fahrdienstes. Der Teenager, der sich Jahre später mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen Arthouse und Effektkino bewegen wird, hat ganz offensichtlich ein Gespür für gute Geschäfte.

Uni-Abschluss nach drei Jahrzehnten

Gar zu gerne hätte sich der Filmfreak an der University of Southern California eingeschrieben, doch die renommierte Einrichtung lehnte ab. Stattdessen begann er ein Studium der englischen Literatur an der wenig illustren California State University Long Beach – um sich reichlich Zeit mit dem Abschluss zu lassen. Erst 2002 holte sich der Hollywoodstar seine Urkunde als Film-Absolvent ab, „ein Signal an alle jungen Leuten, wie wichtig eine gute College-Ausbildung ist“. Den Fortgeschrittenenkurs im Filmemachen hatte ihm die Hochschule gnädigerweise erlassen. „Ich denke, Schindlers Liste darf als hochwertiger, zwölfminütiger Film gelten“, so Sharyn Blumenthal, Direktorin der Filmfakultät.


Der Filmnerd hatte sich lieber in den Universal-Studios in Hollywood rumgetrieben statt in Vorlesungssälen. „Dank privater Kontakte“, so verriet die Regie-Ikone dem „Hollywood Reporter“, stromerte er durch die Abteilungen der Cutter und Tontechniker, lernte dort die Studioroutine kennen und saugte alles auf, was er vom Alltag bei Dreharbeiten erhaschen konnte. Mit Anfang 20 arbeitete er für das Fernsehen, wenig später folgte sein erster Film: „Amblin“, laut Spielberg nicht viel mehr als eine Pepsi-Reklame, wird seine Eintrittskarte in die Traumfabrik. Jahre später wird er seine erste Produktionsfirma nach dem 26-minütigen Roadmovie benennen.

„Indie“ als Glücksbringer

Manchmal hängt Erfolg auch am seidenen Faden. Als es für die überdrehte Komödie „1941 – Wo bitte geht‘s nach Hollywood“ bitterböse Verrisse hagelte, schien die Karriere des filmbesessenen Autodidakten vorüber zu sein, bevor sie richtig begonnen hatte. Kein Studio wollte mehr mit dem Jungspund arbeiten, der reichlich Geld und Zeit zu verschwendete. Glücklicherweise legte Kumpel George Lucas ein gutes Wort für den Geschmähten ein und bestand auf ihn als Regisseur für den ersten „Indiana-Jones“-Film – ein Engagement, das sich auszahlte: Der 20 Millionen US -Dollar teure Streifen um die haarsträubenden Abenteuer des Archäologieprofessors Henry Jones jr. spielte rund 400 Millionen Dollar ein; die Fortsetzungen waren kaum weniger erfolgreich.

Skandalfreies Paar: Mit Schauspielerin Kate Capshaw ist Steven Spielberg seit 1991 verheiratet. Das Paar hat insgesamt sieben Kinder.
Skandalfreies Paar: Mit Schauspielerin Kate Capshaw ist Steven Spielberg seit 1991 verheiratet. Das Paar hat insgesamt sieben Kinder. | Foto: dpa

Spielberg, der Blockbuster-Garant, versteht es wie nur wenige Filmschaffende, bei jedem Thema die angemessene Tonlage zu treffen und seine Werke zu einem Leinwand-Ereignis zu machen: seien es die lebensecht wirkenden Dinosaurier aus „Jurassic Parc“, die kühnen Zukunftsvisionen in „A.I. – Künstliche Intelligenz“, ursprünglich ein Filmprojekt von Stanley Kubrick, oder die lange verdrängte Sklaventhematik in dem Drama „Amistad“ – kaum ein Spielberg-Film, der nicht technologisches oder thematisches Neuland betrat. Ausgerechnet „E.T. – Der Außerirdische“ erfüllt das Geburtstagskind mit besonderem Stolz, vielleicht aus deshalb, weil die zehnjährige Filmfigur Elliott das Alter Ego des kleinen Steven ist.

Vorfahren kommen aus Polen

„Die Ursprünge für E.T. sind in meiner Kindheit zu finden, fühlte ich mich doch genauso verloren wie Elliott, der unter der Trennung von seinem Vater leidet. Und mal ehrlich: Welches Kind sehnt sich nicht danach, von einem 900 Jahre alten Alien an die Hand genommen zu werden“, so Steven Spielberg. Lange schien er auf Kinder- und Familienfilme abonniert zu sein, ein Fluch, von dem er sich erst mit „Schindlers Liste“ befreien konnte. Den wollte der unterschätzte Filmemacher, dessen Vorfahren aus Polen kamen, zunächst gar nicht machen. Es dauerte Jahre, bis sich der einstige Autodidakt an das düstere Holocaust-Kapitel wagte, das vor den Toren des Konzentrationslagers Auschwitz gedreht wurde. Spielberg verzichtete auf jegliche Effekthascherei, drehte in schwarz-weiß und schuf einen Film, der seinen Ruf als Mann leichter Unterhaltung für immer wandelte. Für Steven Spielberg bedeuteten die Dreharbeiten ein „Wiedererwachen“ als Jude, und die Filmeinnahmen ermöglichten ihm, die Shoah Foundation zu gründen, die Berichte von Überlebenden und Zeitzeugen des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden sammelt.

Kein Gedanke an Ruhestand

Nach fast 40 Filmen als Regisseur und nochmal so vielen Projekten als Produzent könnte sich der angegraute Erfolgsmensch eigentlich zur Ruhe setzen. Der überzeugte Waffennarr könnte sich seinem Hobby, dem Tontaubenschießen, widmen, mit Ehefrau Kate Capshaw die Sonne Kaliforniens genießen oder sich um die sieben Kinder kümmern – doch weit gefehlt. Er könne in Hollywood machen, was er wolle, witzelte der Regisseur in der „Washington Post“, es lasse sich immer jemand finden, „der für jede dumme Idee von mir einen Scheck ausstellen würde.“ Kumpel Clint Eastwood macht schließlich vor, dass man selbst im Alter von 80 Jahren noch bessere Filme als je zuvor machen kann.