Mauerfall
Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor. | Foto: Wolfgang Kumm/Archiv

30 Jahre Mauerfall

9. November 1989: Der Tag, an dem die Berliner Mauer fiel

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Eine Pressekonferenz, ein Zettel, eine Frage und ein Grenzoffizier, der alleine entscheiden muss. Der Fall der Berliner Mauer am Abend des 9. November 1989 war die Folge einer Reihe von Zufällen und spontanen Entscheidungen. Am Ende war nichts mehr so wie es vorher war.

Harald Jäger sitzt beim Abendessen. Der Dienst hat ruhig angefangen für den Oberstleutnant des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und stellvertretenden Leiter der Passkontrolleinheit am Ost-Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße. Keine besonderen Vorkommnisse an der „Staatsgrenze der DDR“ an diesem Donnerstag, den 9. November 1989.

Dem Stasi-Offizier bleibt das Essen im Hals stecken

Im Hintergrund läuft der Fernseher, das staatliche Fernsehen der DDR überträgt seit 18 Uhr live die Pressekonferenz des Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski im „Internationalen Pressezentrum“ an der Mohrenstraße. Harald Jäger hört nur mit halbem Ohr mit. Plötzlich bleibt ihm beim Essen der Bissen im Hals stecken. Wie elektrisiert springt Stasi-Offizier auf. Er glaubt kaum zu glauben, was er aus dem Munde Schabowskis vernimmt.

Schabowskis Zettel

Es ist genau sieben Minuten vor 19 Uhr, als ein italienischer Journalist nach dem Entwurf des von der neuen SED-Führung unter Egon Krenz in Aussicht gestellten Reisegesetzes fragt. Nach einigen Floskeln und hektischem Blättern in seinen Unterlagen kramt Günter Schabowski einen Zettel hervor: Es sei, „soviel ich weiß“, heute eine Entscheidung getroffen worden, stammelt er unsicher, „die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen“. – „Ab wann tritt das in Kraft“ will der Journalist wissen.

„Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt“

Schabowski zögert, schließlich liest er ziemlich schnell vom Blatt: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VPKÄ – der Volkspolizeikreisämter – in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dabei noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Äh. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen.“

„Das ist sofort, unverzüglich“

Unter den Journalisten bricht Unruhe aus. „Wann tritt das in Kraft?“, will einer wissen. Schabowski, weiter in seinen Papieren blätternd, unsicher: „Das tritt nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich.“ – „Gilt das auch für Berlin-West?“ Schabowski zuckt mit den Schultern, verzieht die Mundwinkel nach unten, schaut in seine Papiere: „Also, doch, doch: ,Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. Berlin-West erfolgen.’“

„Das ist doch Quatsch“

Harald Jäger am Grenzübergang Bornholmer Straße kann es nicht fassen. Ständige Ausreise – ab sofort? „Ich dachte: Das ist doch Quatsch“, erinnert er sich. „Ab sofort? Das geht doch gar nicht. Das ist doch gar nicht möglich.“ Zu seinen Mitarbeitern sagt er spontan: „Das ist doch absoluter geistiger Dünnschiss!“ Jäger ruft seinen Vorgesetzten in der Hauptabteilung VI des MfS an. Doch dieser weiß auch von nichts. Da stehen schon zehn bis 20 Ost-Berliner am Schlagbaum und fragen, ob sie reisen dürfen.

Wenig später, gegen 19.30 Uhr sind es schon hundert. Und nachdem die „Tagesschau“ um 20 Uhr mit der Schlagzeile „DDR öffnet Grenze“ aufgemacht hat, schwillt die Zahl derer, die in den Westen wollen, schlagartig auf tausend an.

Der Staat ist vollkommen kopflos

Jäger, seit 1964 im Passkontrolldienst an der Bornholmer Straße tätig, weiß nicht, was er tun soll. Mehrmals ruft er seinen Vorgesetzten an, doch dessen Vorschlag, die Menschen auf den nächsten Tag zu vertrösten, erweist sich als undurchführbar. Verzweifelt wartet er auf Anordnungen, Befehle und Vorgaben. Doch der autokratisch verfasste Staat, der sonst mit einem beispiellosen Aufwand an Bürokratie alles bis ins kleinste Detail geregelt hat, ist an diesem 9. November 1989 vollkommen kopflos.

Die ersten Ausreisenden werden noch formal ausgebürgert

Der Stasi-Oberst Jäger muss alleine entscheiden, nicht ahnend, dass er ein Stück Weltgeschichte schreiben wird. „Um ein Ventil zu öffnen“, wie er es später nennt, beginnt er gegen 21 Uhr damit, die Ersten herauszulassen. Noch geht alles seinen bürokratischen Gang: Ihre Personalien werden notiert, in ihren Personalausweis wird über das Passbild ein Stempel gesetzt – formal sind sie damit aus der DDR ausgebürgert.

„Tor auf, Tor auf!“

Doch der erhoffte Effekt stellt sich nicht ein, im Gegenteil. Die Situation an der Berliner Mauer hat ihre Eigendynamik entfaltet, die nicht mehr aufzuhalten ist. Angespornt durch Berichte im West-Fernsehen, die die ersten Ausreisenden zeigen, kommen immer mehr Ost-Berliner an den Grenzübergang, um in den Westen zu gehen. „Tor auf, Tor auf!“, skandieren sie. Tausende drängeln sich vor dem Schlagbaum, die Autoschlange ist mehr als zwei Kilometer lang und reicht bis zur Schönhauser Allee.

„Wir fluten jetzt“

Um 23.30 Uhr kapituliert Harald Jäger. Seinem Vorgesetzten in der Stasi-Zentrale teilt er mit: „Es ist nicht mehr zu halten, wir müssen die Grenzübergangsstelle aufmachen.“ Und weiter: „Ich stelle die Kontrollen ein und lasse die Leute raus.“ Sein Vorgesetzter benachrichtigt das Grenzregiment: „Wir fluten jetzt.“

Mit dem Trabbi zum Ku-Damm

Der Schlagbaum an der Bornholmer Straße wird geöffnet, tausende von Ost-Berlinern strömen jubelnd über die Brücke in den Westteil, wo sie von wartenden West-Berlinern euphorisch begrüßt werden, die Trabbis machen sich mit einem lauten Hup-Konzert auf den Weg zum Kurfürstendamm. Die Berliner Mauer, die 28 Jahre, drei Monate und 27 Tage lang hermetisch den Ost- vom Westteil abgeriegelt und Millionen von Menschen zu Gefangenen des SED-Regimes gemacht hat, trennt nicht mehr. Das ausgeklügelte und so gut wie unüberwindbare DDR-Grenzregime bricht lautlos in sich zusammen.

Der Anfang vom Ende der DDR

Die Botschaft von der Öffnung der Grenze an der Bornholmer Straße verbreitet sich rasch. Die ebenso einsame wie eigenmächtige Entscheidung des Oberstleutnants Harald Jäger („Ich hatte keine Wahl“) ist der Anfang vom Ende der DDR. Wie Dominosteine, einmal in Bewegung gesetzt, fallen nun die anderen Berliner Grenzübergangsstellen, um zwei Minuten nach Mitternacht sind alle Übergänge geöffnet. Es beginnt die Nacht der Nächte, die tollste Nacht der deutschen Geschichte. Die Menschen nehmen in dieser Nacht die staatliche Wiedervereinigung vorweg. Sie liegen sich in den Armen, singen und küssen sich, Tränen der Freude kullern über zahllose Gesichter. Auf dem Kurfürstendamm herrscht Volksfeststimmung, vor dem „Cafe Kranzler“ wird getanzt. Berlin erlebt, wie es eine Zeitung schreibt, „das schönste Chaos der Welt“.

„Auf der Mauer, auf der Lauer“

Und ein Bild geht um die Welt: Auf der Mauer direkt vor dem Brandenburger Tor treffen sich Ost und West. Tausende klettern von beiden Seiten auf die Mauer, trinken Sekt und singen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ oder „Auf der Mauer, auf der Lauer.“ Erst gegen 3.30 Uhr, als das Freudenfest auf dem Ku-Damm seinem Höhepunkt entgegensteuert, riegeln entsetzte DDR-Grenzer das Brandenburger Tor wieder ab.