Zuletzt saß die älsteste Deutsche im Rollstuhl und konnte kaum noch sehen und nur schwer hören. | Foto: dpa

„Das Alter kam so auf mich zu“

Älteste Deutsche in Karlsruhe gestorben

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Sie hat den letzten deutschen Kaiser erlebt, sich schelmisch gefreut, als sie erstmals Hosen anziehen durfte, hat staunend die erste Mondlandung verfolgt und sich Sorgen über die Zukunft der Migranten gemacht. Edelgard Huber von Gersdorff konnte Interessierten ein Stück Weltgeschichte aus ihrer eigenen Warte erzählen. Ein großes Stück Geschichte, in dem sie selbst im Kleinen eine Rolle gespielt hat. Als älteste Deutsche ist die Karlsruherin jetzt, wie aus ihrem Umfeld verlautete, mit 112 Jahren verstorben.

Sie kämpfte sich durchs Leben

Wer in der Jugend Kinderlähmung hat – und das in den 1920er-Jahren – der rechnet kaum damit, sehr alt zu werden. Edelgard Huber von Gersdorff ging es genauso. Die in Gera geborene Tochter eines preußischen Offiziers musste damals ihre Zukunftspläne über den Haufen werfen. Immer wieder erzählte sie fast schwärmerisch von ihrer großen Liebe zum Sport, die sie mit einem Schlag begraben musste, von ihrem Chemiestudium an der Fridericiana, das nach ihrer Erkrankung jäh zu Ende ging.
Doch Edelgard Huber von Gersdorff wäre nicht die gewesen, die sie bis zur letzten Stunde war, hätte sie sich davon kleinkriegen lassen: Sie studierte Jura und arbeitete bis zur Rente als Justiziarin bei einer Bank.

Aktiv bis zum Schluss

Die Kinderlähmung und deren Folgen begleiteten sie jedoch bis zum Ende und verursachten ihr große körperliche Probleme. Mit Hilfe ihrer Rund-um-die-Uhr-Begleiterin Doris Kurzok meisterte die 112-Jährige, die man bis zuletzt als Dame wahrnahm, die doch oft beschwerlichen Tage in ihrer Wohnung in der Karlsruher Nordstadt. Geistig recht frisch hatte Edelgard Huber von Gersdorff immer noch großes Interesse an der Politik und sah sehr gerne Dokumentarfilme. Allerdings machte ihr zusehends schwindendes Augenlicht es nicht mehr möglich, dass sie auch den Bildern folgen konnte.

Das Alter kam so auf mich zu

Wie schafft es ein Mensch, so lange geistig fit zu bleiben? Edelgard Huber von Gersdorff, die seit 2011 älteste Karlsruherin war, wusste sich darauf selbst keinen Reim. War es das tägliche Glas Cola, das sie fit hielt? Oder die ständige geistige Beschäftigung? War es ihre Liebe zu Gedichten, die sie noch mit über 100 Jahren rezitieren konnte oder ihre Freude an Museums- und Ausstellungsbesuchen? Oder doch ihre Art, als sehr alte Dame immer noch einen großen Freundeskreis zu pflegen und mit diesem zu kommunizieren? Erst Anfang des Jahres wurde sie noch Patin für die europaweite Notrufnummer 112.
Im Grunde suchte Edelgard Huber von Gersdorff aber nie nach einem Grund für ihr hohes Alter. „Das Alter kam so auf mich zu“, sagte sie an ihrem 111. Geburtstag und fügte humorvoll an: „Und dann bin ich erschrocken, dass ich so ne alte Schachtel bin. “                                                        Von Ingrid Vollmer