Atomkraftwerk in Fessenheim
Das französische Atomkraftwerk in Fessenheim. | Foto: Patrick Seeger/Archiv

Am 22. Feburar

Block 1 im Atomkraftwerk Fessenheim wird bald abgeschaltet

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Das Transparent, das am Zaun vor dem Eingang hängt, wirkt wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. „Fessenheim ist sicher. Möge es weiterbestehen“, steht in verblichener roter Schrift auf weißem Grund. Die Forderung ist längst überholt, denn das älteste französische Atomkraftwerk läuft nur noch kurze Zeit.

Von unserer Mitarbeiterin Christine Longin

Block eins wird am 22. Februar abgeschaltet, Block zwei am 30. Juni. Endzeitstimmung also in dem grauen, quaderförmigen Gebäude mit dem Symbol des Betreibers EDF an der Fassade? „Die Stimmung ist erstaunlich normal“, sagt Anne Laszlo, die als Betriebsrätin der Gewerkschaft CFE ein Büro im Atomkraftwerk hat. Für sie und die vielen Angestellten, die noch immer jeden Tag durch das grüne Tor gehen, ist die „Centrale nucléaire“ mehr als nur ein Arbeitsplatz: „Es ist auch eine Gefühlssache.“

Wir sind eine arme Gegend.

Claude Brender, Bürgermeister von Fessenheim

Das liegt wohl auch daran, dass es in der 2.400-Einwohner-Gemeinde Fessenheim, nur rund 30 Kilometer von Freiburg entfernt, außer dem Atomkraftwerk nicht viel gibt. Rings um den Ort erstrecken sich abgeerntete Maisfelder. „Wir sind eine arme Gegend“, sagt Bürgermeister Claude Brender in seinem Büro im ersten Stock des Rathauses. „Nicht so wie die Weindörfer“, ergänzt er und zeigt vage hinter sich. Gemeint sind Orte wie Riquewihr oder Kaysersberg, eine dreiviertel Stunde mit dem Auto entfernt, die jeden Tag Horden von Touristen anziehen. Nach Fessenheim, drei Kilometer hinter der deutsch-französischen Grenze, verirrt sich dagegen kaum jemand.

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Brender will Bürgermeister bleiben

200 Familien lebten dem Bürgermeister zufolge allein in Fessenheim bisher von der Arbeit im AKW, das 1978 eingeweiht wurde. Brender kann sich gut an den Tag erinnern: Er war damals 19 Jahre alt. „Hier ist keiner gegen Atomkraft“, sagt er bitter. „Die Gegner kommen von der anderen Seite der Grenze.“ Seit 1989 sitzt der Lokalpolitiker im Gemeinderat, seit 2014 ist er Bürgermeister. Und das will er auch nach der Kommunalwahl im März bleiben. „Ich bin nicht nur für die guten Zeiten da.“

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Steuergelder flossen in die Gemeindekasse

Die guten Zeiten haben in Fessenheim ihre Spuren hinterlassen. Zu sehen sind sie an der Hauptstraße, der Rue de la Libération, wo die Mediathek steht, die in einem ehemaligen Bauernhaus eingerichtet wurde. Oder die Feuerwehr, die einen frischen, roten Anstrich trägt. Mit dem Atomkraftwerk flossen auch satte Steuergelder in die Gemeindekasse. Doch damit ist es bald vorbei. Wenn die beiden Reaktoren abgeschaltet sind und nur noch eine Handvoll Angestellter sich um den Rückbau kümmert, dürfte die Gemeinde in ihren Dornröschenschlaf zurückfallen. Bisher gibt es nämlich kein Projekt, das die 2.000 Arbeitsplätze ersetzen kann, die das Atomkraftwerk in seinen besten Zeiten bot. Der Autobauer Tesla zog für sein neues Werk Brandenburg dem Elsass vor und ein deutsch-französischer Industriepark, der nördlich von Fessenheim entstehen soll, ist noch Zukunftsmusik.

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Beim Thema Atomkraft hört die Freundschaft auf

Ein Recyclingzentrum für verstrahltes Metall aus stillgelegten Atomkraftwerken, das EDF vorschlug, könnte am Desinteresse der deutschen Seite scheitern. „Es macht uns wütend, dass die deutschen Nachbarn sich dagegen wehren,“ empört sich Betriebsrätin Anne Laszlo, die in Deutschland studiert hat. Doch beim Thema Atomkraft hört für sie die Freundschaft auf.

Vor allem die Grünen sind gegen das „Technocentre“. „Die Umwandlung in einen AKW-Recyclinghof an diesem Standort ist irrsinnig: lange Transportwege setzen die Bevölkerung einem völlig unangemessenen Risiko aus“, kritisiert die Karlsruher Grünen-Abgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestags. Auch André Hatz zieht gegen das Projekt „Technocentre“ zu Felde. „Das ist eine Art, die Radioaktivität zu banalisieren“, kritisiert der Vorsitzende der Organisation „Stop Fessenheim“.

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Bis 2023 lagert noch radioaktiver Sprengstoff in Fessenheim

Der 72-Jährige mit dem weißen Bart kämpft seit mehr als 40 Jahren gegen das Atomkraftwerk. Bei den ersten großen Demonstrationen Mitte der 70er-Jahre war er bereits dabei. Aus seinem Rucksack zieht der pensionierte Ingenieur nun einen Plastikordner mit Karten und Grafiken, die die Gefahr eines Unfalls auch für die deutsche Bevölkerung zeigen. „Ich bin nicht jeden Morgen mit einem Gefühl der Angst im Bauch aufgewacht“, gesteht Hatz. Doch wenn der pannenanfällige Meiler nun endlich schließt, sind er und seine Mitstreiter diesseits und jenseits des Rheins erleichtert – auch wenn bis 2023 hier hoch radioaktiver Brennstoff lagert.

In Frankreich ist Atomkraft fast eine Religion.

André Hatz, Vorsitzender der Organisation „Stop Fessenheim“

Jahrelang hatten die baden-württembergische Regierung, aber auch die Schweiz die Abschaltung gefordert. „In Frankreich ist Atomkraft fast eine Religion“, sagt Hatz. Das Land war lange stolz auf seine 58 Atomreaktoren, die die Franzosen mit billigem Strom versorgten. Egal von welcher Partei der Präsident kam: An der Atomenergie wurde nicht gerüttelt. Bis sich ausgerechnet beim modernen Druckwasserreaktor EPR in Flamanville am Ärmelkanal die Grenzen der Atomtechnologie zeigten.

Viele Pannen

Eine Panne reihte sich an die nächste, so dass der Eröffnungstermin von 2012 auf 2022 verschoben wurde. Dabei sollte Flamanville so etwas wie der jüngere Bruder von Fessenheim sein, dessen Schließung der sozialistische Präsident François Hollande eigentlich für 2017 versprochen hatte. Als klar war, dass das Datum nicht zu halten war, verknüpfte seine Umweltministerin die Abschaltung mit der Inbetriebnahme des EPR in Flamanville. Erst Hollandes Nachfolger Emmanuel Macron löste die Verbindung. Gleichzeitig kündigte er an, den Atomstromanteil von derzeit gut 70 Prozent bis 2035 auf 50 Prozent zu senken. Zwölf weitere Reaktoren sollen bis dahin vom Netz genommen werden.

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Von einer Energiewende wie in Deutschland wollen Experten jedoch nicht sprechen. „Es wird schwierig, nur alte Atomkraftwerke abzuschalten, wenn nicht massiv in den Ausbau erneuerbarer Energien gesetzt wird“, sagt Heinz Smital von Greenpeace. Dass tatsächlich, wie von EDF angekündigt, sechs neue EPR-Reaktoren gebaut werden, glaubt Smital auch nicht. „Ich kann mir nicht denken, dass die Atomkraft noch einmal Morgenluft bekommen wird.“