Neun Kliniken wie hier in Achern unterhält der Ortenaukreis bislang. Das soll sich laut einem Gutachten bald ändern. | Foto: Achim Keiper

Zweite Klausur am Dienstag

Beim Ortenauklinikum drohen tiefe Einschnitte

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Der größte kommunale Krankenhausträger im Südwesten steht vor einer tief greifenden Umstrukturierung. 13 Jahre lang hat der Ortenaukreis dem seit Einführung der Abrechnung nach Fallpauschalen stetig steigendem Kostendruck widerstanden und an seinen neun Klinikstandorten festgehalten. Doch seit die Häuser 2015 und 2016 Millionen-Defizite eingefahren haben, gelten alte Gewissheiten nicht mehr. Eine davon war das Versprechen von drei Landräten, niemals an der flächendeckenden Versorgung in dem mit mehr als 1 800 Quadratkilometer flächengrößten Landkreis im Südwesten zu rühren. Der vierte Chef im Offenburger Landratsamt, der 53 Jahre alte Frank Scherer, hat die geschockten Kreisräte Anfang Mai nun mit einem radikalen Plan konfrontiert. Aus neun Krankenhäusern zwischen Ettenheim und Achern, Wolfach und Kehl, könnten in der am weitesten reichenden Variante drei werden: Zwei Großkliniken in Lahr und dem nördlichen Ortenaukreis sowie ein kleineres Haus in Wolfach – geschuldet den weiten Wegen im Kinzigtal.

Klausur brachte keine Entscheidung

Die Hoffnungen der Verwaltung, in einer eintägigen Klausurtagung bereits ein Placet für die mit weiteren Grausamkeiten gespickten Vorschläge einer externen Beratungsgesellschaft zu erhalten, blieben freilich unerfüllt. Die Kreisräte mussten die rücksichtslose Bestandsaufnahme erst einmal verdauen – ebenso wie die Oberbürgermeister von Offenburg, Achern, Kehl und Oberkirch, die je nach letztlich gewählter Variante auf ein eigenes Krankenhaus zugunsten eines Großklinikums irgendwo bei Appenweier verzichten müssten. An diesem Dienstag wird in einer zweiten Klausurtagung ein erneuter Anlauf unternommen, die Kuh vom Eis zu kriegen. Die Chancen, dass die gelingt: eher gering.

Zuschuss in Millionenhöhe droht

Doch die Botschaft war eindeutig. Unternimmt der Ortenaukreis, der die neun Häuser als Eigenbetrieb führt, nichts, dann muss er mittelfristig einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag aus dem eigenen Etat zubuttern. Das würde bei einem jährlichen Haushalt von rund einer halben Milliarde Euro ein beachtliches Loch in die Kasse reißen und wäre zudem ein politischer Sündenfall: Forderungen, auch in anderen Bereichen mit hohen Zuschüssen auszuhelfen, wären unausweichlich.

Zeitgewinn durch intelligente Strategie

Der Ortenaukreis hatte mit einer intelligenten Strategie viel länger als andere Klinikträger dem wachsenden Kostendruck standgehalten. Er legte Abteilungen wie seine Apotheken zusammen und gliederte kleinere Spitäler, bei denen sich die Schere zwischen Aufwand und Ertrag besonders schnell öffnete, an größere Kliniken an. „Portalkrankenhäuser“ heißt das Konzept, das mit der Fusion von Offenburg und Gengenbach, später auch von Lahr und Ettenheim, rund ein Jahrzehnt hervorragend funktionierte. Doch als man Anfang 2015 Achern und Oberkirch zusammenlegte, wurde deutlich: Die Grenzen sind erreicht, vor allem die kleineren Standorte leiden nachhaltig. Oberkirch zum Beispiel hatte, ungeachtet der sich im Renchtal zusammen brauenden Proteste gegen eine Klinikschließung, zuletzt eine Auslastung von gerade noch 56 Prozent. Zielwert: 80 bis 85 Prozent, wie die Berater dem Krankenhausausschuss des Kreistags hinter verschlossenen Türen deutlich machten.

Es geht auch um die Qualität

Es gehe aber, hatte Klinik-Geschäftsführer Christian Keller bereits vor Monaten in einem Gespräch mit dieser Zeitung deutlich gemacht, nicht nur ums Geld, sondern auch um die Qualität. Vor allem im ländlichen Raum werde es immer schwieriger, Ärzte und Pflegepersonal zu finden. Die Patienten stimmen mit den Füßen ab, je kleiner das Haus, desto geringer die Auslastung. Da das Ortenauklinikum nach Ansicht der Gutachter eine „beinahe vollständige Marktausschöpfung“ im Kreis erreicht hat, ist Wachstum schwer zu generieren.
Auch deshalb hatte die CMK-Krankenhausberatung in ihrer Expertise neben der langfristigen Lösung mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe noch – als kurzfristige Maßnahme sozusagen – eine Streichliste vorgelegt. Darauf stehen ausgerechnet jene Häuser, die im Verbund mit größeren Standorten am Leben erhalten wurden, nämlich Gengenbach, Ettenheim und Oberkirch.