Streng getrennt: Hinter provisorischen Holzgerüsten mit Kunststoffscheiben genießen die Gäste dieses Lokals ihre Getränke. In Baden-Württemberg haben Restaurants und Gaststätten seit Montag wieder geöffnet. Die Wirte ziehen allerdings eine sehr durchwachsene erste Bilanz.
Streng getrennt: Hinter provisorischen Holzgerüsten mit Kunststoffscheiben genießen die Gäste dieses Lokals ihre Getränke. In Baden-Württemberg haben viele Restaurants und Gaststätten wieder geöffnet. Die Wirte ziehen allerdings eine sehr durchwachsene erste Bilanz. | Foto: dpa

Gastronomie in der Epidemie

Ansteckungsgefahr im Restauraunt? Tröpfchen trüben den Ess-Genuss

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Die jüngsten Corona-Fälle in einem Restaurant in Niedersachsen haben Fragen aufgeworfen, auch zur Wirksamkeit der von den Landesregierungen verordneten Hygienemaßnahmen. Das Risiko einer Tröpfcheninfektion schätzen Virologen in geschlossenen Räumen deutlich höher ein als im Außenbereich.

„Endlich, es füllt sich!“ Mit einem Lächeln beobachtet der Wirt eines Restaurants in Karlsruhe das Geschehen in dem umgestalteten Garten seines Lokals. Dort stehen jetzt in einem extra großen Abstand zueinander doppelt so viele Tische wie früher. Nur ein kleiner Teil von ihnen ist gerade besetzt, aber die Gäste haben sichtlich Freude an Speis und Trank. Immerhin.

Nach den Wochen des Wartens auf die Wiedereröffnung, nach dem aufwendigen Umbau geht es voran, das ist entscheidend. Dafür nimmt der Besitzer auch den hohen Aufwand durch die Corona-Auflagen bereitwillig in Kauf.

Die Speisekarten werden desinfiziert. Die Bedienung trägt Mund-Nasen-Schutz. Die Gäste werden zu freien Tischen geleitet und schreiben ihre Kontaktdaten auf Papierbögen auf, die sortiert und zwei Wochen lang aufbewahrt werden. Alle scheinen sich an die neuen Regeln zu halten. „Wir werden durch diese schwierige Zeit durchkommen“, sagt optimistisch der Restaurantchef. „Es darf nur nicht passieren, was neulich in Leer passiert ist.“

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Ein Abendessen in einem Restaurant in Leer führt zu 27 Infektionen

In dem ostfriesischen Landkreis haben sich kürzlich bei einem Abendessen in einem Gasthaus nach jetzigem Stand 27 Besucher mit Sars-CoV-2 infiziert. 154 Menschen sind deswegen in Quarantäne. Es gab Vorwürfe, dass sowohl die Betreiber der „Alten Scheune“ als auch deren Gäste die Sicherheitsregeln nicht befolgt hätten. Das bestreitet der Besitzer vehement.

Dennoch gibt es jetzt Fragen: Könnte das Risiko, sich in einem Lokal anzustecken, nicht doch relativ hoch sein? Und sind die von der Landesregierung angeordneten Maßnahmen für die Gastronomie wirklich ausreichend und wissenschaftlich gut begründet?

Tröpfchen werden draußen schnell verstreut

Der Virologe Thomas Iftner sagt dazu: Jein. Da gilt es etwa, zwischen drinnen und draußen zu unterscheiden. „Wenn im Außenbereich der Mindestabstand und andere Regeln eingehalten werden, ist die Gefährdung extrem niedrig. Denn auch die kleinsten Tröpfchen, die sich lange in der Luft halten, werden durch die Luftbewegung verstreut“, erklärt im Gespräch mit den BNN der Leiter des Instituts für Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten am Uni-Klinikum Tübingen.

Ganz anders müsse man das Corona-Risiko in den Innenräumen ohne Luftbewegung bewerten. „Wenn ein Infizierter kräftig niest, erzeugt er eine Wolke, und diese Tröpfchen bleiben in der Luft zehn oder zwanzig Minuten lang hängen.“ Wenn jemand dann im geschlossenen Raum auf Toilette gehe und die Tür aufmache, könne die Luft in Bewegung geraten und die schwebenden Tröpfchen verschieben, erklärt Iftner weiter.

Das kann zu einer Ansteckung führen, selbst wenn alle Personen am Tisch den Abstand einhalten.

Thomas Iftner, Leiter des Instituts für Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten am Uni-Klinikum Tübingen

„Das kann zu einer Ansteckung führen, selbst wenn alle Personen am Tisch den Abstand einhalten.“ Um dies zu verhindern, empfiehlt der Virologe, in Lokalen ohne effiziente Umluftanlagen alle zehn Minuten die Fenster zu öffnen. „Das ist nicht realistisch“, schränkt er selbst ein. „Sie gehen ja in ein Restaurant, um sich zu entspannen, und ein hektisches Aufreißen von Fenstern würde sicher nicht zu einer guten Atmosphäre beitragen.“

Die in der Corona-Verordnung enthaltene Empfehlung, bargeldlos zu bezahlen, sieht Iftner kritisch: „Die Leute sollen die Karte in ein Lesegerät einstecken und eine Nummer wählen, vielleicht vertippen sie sich dabei. Wenn irgendwo eine Übertragung stattfindet, dann dort“.

Schmierinfektionen sind weniger wichtig als der Luftweg

Die Schmierinfektionen über Oberflächen seien jedoch ein nachrangiger Faktor, verglichen mit dem Luftweg, sagt der Fachmann. Er hält daher die ebenfalls vorgeschriebene Desinfektion von Flächen und Gegenständen im Gästebereich eher für eine „psychologische Maßnahme, die das Gefühl der Sicherheit geben soll.“

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Genau diese Maßnahmen, verbunden mit der Beschränkung der Besucherzahlen, machen jedoch derzeit vielen Gastronomen das Leben schwer, die um den Fortbestand ihrer Betriebe bangen. „Vor allem die Abstandsregeln wirken sich auf die Wirtschaftlichkeit aus“, sagt Daniel Ohl, Sprecher des Landesverbandes der Hotel- und Gaststätten (Dehoga). „Bei halb so vielen Besuchern gibt es auch nur halb so viel Umsatz. Und wenn man einen Tisch aufstellt, lohnt es sich nicht, dafür einen Koch in die Küche zu schicken.“

Drei von vier Gastronomen machen zu wenig Umsatz

Laut einer aktuellen Umfrage des Verbandes unter 2.800 Gastronomiebetrieben im Südwesten können 76 Prozent unter den geltenden Auflagen keine Gewinne machen. Bei 83 Prozent der Betriebe haben sich die Umsatzerwartungen in der ersten Woche nach der Öffnung nicht erfüllt. Jede sechste Gaststätte blieb zunächst geschlossen, weil sie die Anforderungen der Landesregierung nicht erfüllt hat.

Wir tragen alle medizinisch begründeten Einschränkungen mit, aber die Betriebe müssen eine Überlebenschance haben.

Daniel Ohl, Sprecher des Landesverbandes der Hotel- und Gaststätten (Dehoga)

„Wir tragen alle medizinisch begründeten Einschränkungen mit, aber die Betriebe müssen eine Überlebenschance haben“, sagt Ohl. „Ohne schnelle Liquiditätshilfen werden etwa 30 Prozent der Gaststätten die Krise nicht überstehen.“

Nur wenige Beschwerden in Karlsruhe

Laut Dehoga zeigen 90 Prozent der Besucher Verständnis für die Corona-Regeln – ein Lichtblick für die Restaurantbetreiber, die nach Angaben des Verbands bereits intensiv kontrolliert werden. Auf BNN-Anfrage teilte das Karlsruher Ordnungsamt mit, dass bislang nur vereinzelte Beschwerden über die Missachtung von Hygienevorgaben oder Abstandsgeboten eingegangen sind. Statt Strafen setzt die Stadt zurzeit auf Beratung. Generell hält sie die Betriebe für gut vorbereitet und sehr bemüht.

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Nach Einschätzung des Ordnungsamtes sind die Karlsruher allerdings „noch sehr zurückhaltend beim Restaurantbesuch, da sie Angst haben sich anzustecken.“