Maske oder Schal? Nach Expertenmeinung ist im öffentlichen Raum im Zweifel auch ein Schal ausreichend, um die Umwelt vor dem eigenen Atem zu schützen.. | Foto: TeamDaf, tricoean, Michael Kachalov - stock.adobe.com, dpa

Als Barriere oft ausreichend

Mundschutz gegen Coronavirus: Wie wäre es mal mit einem Schal?

Anzeige

Sie haben fast schon ikonographischen Charakter gewonnen: Atemschutzmasken, mit denen sich Menschen vor dem Coronavirus schützen wollen. Viele Experten sind von ihrem Nutzen im öffentlichen Raum nicht überzeugt. Sie raten: Im Zweifelsfall können auch Schal und Halstuch ein effektiver Mundschutz sein – oder halt ein selbstgenähtes Exemplar.

Inwieweit Atemschutzmasken die Übertragung de Coronavirus verhindern können, ist längst auch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen geworden. Unter Experten besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass das Tragen von Atemschutzmasken eine von mehreren sinnvollen Maßnahmen sein kann, um die Verbreitung des Coronavirus zu verhindern.

Ob sie außerhalb von Krankenhäusern indes wirklich notwendig sind, ziehen viele Wissenschaftler in Zweifel.

Weiterlesen: Rastatter Schutzmasken-Hersteller erhebt schwere Vorwürfe gegen Trigema

So erklärte etwa der Virologe Christian Drosten kürzlich in seinem täglichen Corona-Podcast auf NDR-Info, dass viele Masken vor einer Ansteckung keinen verlässlichen Schutz böten. Sie würden oft mit dem Ziel genutzt, eine Ansteckung per Tröpcheninfektion zu vermeiden. Dafür seien sie aber oft nicht ausreichend.

Das Coronavirus kommt per Tröpfchenwolke

Der Übertragungsweg per Tröpfcheninfektion sieht üblicherweise so aus: Hustet oder atmet ein Infizierter das Virus aus, steht es anschließend für eine gewisse Zeit in der Luft. Und zwar in Form einer Tröpfchenwolke, einem sogenannten Aerosol. Atmet jemand anders Tröpfchen dieses Aerosols ein, kann das Virus in der Folge in seinen Rachen gelangen. Und so zur Lungenkrankheit Covid-19 führen.

High-End-Schutzmasken: Ein Exemplar des Typs FFP2 (rechts) und daneben ein FFP3-Modell, das weitreichenden Schutz vor Viren bietet.Foto: Daniel Karmann/dpa | Foto: Daniel Karmann/dpa

Um eine Infektion auf diese Weise mit hoher Wahrscheinlichkeit zu vermeiden, müsste eine Maske Mund und Nase praktisch komplett abschließen. Entsprechende Masken gibt es durchaus. Es handelt sich dabei um sogenannte FFP3-Masken mit Atemfiltern.

Sie sind allerdings für ihren Träger eher unkomfortabel. Zudem weisen neben Drosten praktisch alle namhaften Gesundheitsexperten und -organisationen darauf hin: In Zeiten des Coronavirus sollte dieser Masken-Typ unbedingt und ausschließlich Kliniken und Arztpraxen zur Verfügung gestellt werden.

Zum Thema: Selbst der Polizei fehlen Atemschutzmasken

Zum einen deswegen, weil die rasche Verbreitung des Coronavirus ohne ausreichenden Schutz des Krankenhauspersonals nicht zu verhindern sei. Zum anderen aber auch deswegen, weil entsprechende Masken hygienische Einwegartikel sind. Sie müssen nach Gebrauch fachgerecht entsorgt werden.

Die meisten Atemschutzmasken schützen die Umwelt vor dem Träger

Die Atemschutzmasken des FFP3-Typs sind übrigens auch in vielen medizinischen Bereichen kein Standard. Klassische Modelle, wie sie etwa Chirurgen oder Zahnärzte meist nutzen, schließen Mund und Nase nicht vollständig ab. Sie sind nicht konzipiert, um ihren Träger zu schützen.

Vielmehr sollen sie andere vor dem schützen, was der Träger ausatmet.

Sie sind also vor allem für Menschen sinnvoll, die nachgewiesen oder zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit Träger des Coronavirus sind. Eine medizinische Schutzmaske dürfte in diesen Fällen eine relativ wirksame Barriere zwischen dem Mund des Trägers und seiner Umwelt darstellen.

Weiterlesen: Alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise in der Region im Überblick

So rät etwa das Robert-Koch-Institut: „Wenn eine an einer akuten respiratorischen Infektion erkrankte Person sich im öffentlichen Raum bewegen muss, kann das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes durch diese Person sinnvoll sein.“

Mundschutz
Schützt höchstens andere vor dem eigenen Atem: Eine klassische Einwegmaske. Foto: dpa | Foto: Hans Klaus Techt/APA/dpa

Für alle anderen könnte gelten: Wer gerade im Aerosol steht, atmet es auch ein – ob mit oder ohne Schutzmaske. Denn beim Einatmen entsteht eine Sogwirkung, in deren Folge das Virus überall dort eindringen kann, wo die Maske Mund und Nase nicht hermetisch abriegelt.

Weiterlesen: Desinfektionsmittel statt Wein: Winzergenossenschaft kooperiert mit Apotheke

So schildert es zumindest Christian Drosten im Podcast – und verweist auf einschlägige Forschungen zum Nutzen von Masken: „Es gibt in der Literatur entweder keine oder – je nachdem, wie man es interpretieren will – fast keine Evidenz dafür, dass das helfen könnte.“ Zur gleichen Sichtweise gelangt übrigens auch das Robert-Koch-Institut.

Die paradoxe Seite der Mundschutz-Debatte

Etwas anders schätzt die Seite „lungenaerzte-im-netz.de“ die Lage ein. Die Seite ist ein Gemeinschaftsprojekt der Deutschen Lungenstiftung und des Verbandes Pneumologischer Kliniken. In einem Dossier zum Coronavirus heißt es: „Wenn man von einem Mitmenschen direkt angehustet oder angeniest wird, können Atemschutzmasken zwar einen Großteil der Tröpfchen abfangen, hundertprozentigen Schutz bieten sie aber nicht.“

Sinnvoll könnten Atemschutzmasken aber generell sein, um eine Schmierinfektion zu verhindern, schreiben die Autoren. Schließlich würden sich ihre Träger kaum mit schmutzigen Händen an Mund und Nase fassen.

Um die Infektionskette zu durchbrechen, sollte am besten jeder beim Sprechen einen Mundschutz tragen

Aussage im Corona-Dossier auf lungenaerzte-im-netz.de

Paradox an der Mundschutz-Debatte ist, dass eine Atemschutzmaske nach Ansicht vieler Experten zwar vorrangig von Menschen getragen werden sollte, die sicher oder wahrscheinlich Träger des Coronavirus sind. Zugleich finden sich aber auch Empfehlungen, dass eigentlich jeder seinen Mund verhüllen solle.

So heißt es auf „lungenaerzte-im-netz.de“ an anderer Stelle: „Um die Infektionskette zu durchbrechen, sollte am besten jeder beim Sprechen einen Mundschutz tragen.“

Einfach mal den Schal vor Mund und Nase

Der Gedanke dahinter: Wenn alle Menschen beim Sprechen oder Atmen etwas vor dem Mund haben, verringert dies die sogenannte Viruslast in der Öffentlichkeit – zumal, weil viele Menschen möglicherweise das Coronavirus tragen, ohne es zu wissen.

Allerdings bedeutet „Mundschutz“ nicht zwangsläufig „Atemschutzmaske“. Die Autoren der Internetseite empfehlen, statt professionellen Masken selbst genähte Exemplare zu nutzen. In eine ähnliche Kerbe schlägt Virologe Drosten.

Auch interessant: Karte zeigt alle Coronavirus-Fälle in Baden-Württemberg

Er bezeichnet auch Schals und Halstücher als wirksamen Schutz, wenn sie vor die Atemwege gezogen werden. Wichtig sei, die Schals oder Stoffe nach dem Tragen bei mindestens 60 Grad zu waschen, um Viren abzutöten. Alternativ könnten sie auch für längere Zeit bei mindestens 70 Grad in den Backofen geschoben werden.

Mehr zum Thema: Schutzmasken selbst nähen – Diese Initiativen gegen das Coronavirus in Karlsruhe suchen Helfer

Generell, zu diesem Schluss kommt ein Beitrag in der wissenschaftlichen Zeitschrift „The Lancet“, liegen die Einschätzungen zum Effekt von Atemschutzmasken weltweit nah beieinander. Dennoch resultieren daraus unterschiedliche Empfehlungen: In Deutschland etwa gibt es keine klare Aussage zur ihrem Einsatz im öffentlichen Bereich.

Die Anderen vor sich selbst schützen

Singapur indes schreibt das Tragen von Masken allen Menschen vor, die einschlägige Erkältungssymptome aufweisen. China verordnet Verdachtsfällen das Tragen von medizinischen Einwegmasken. Die WHO warnt sogar, das Tragen einer Schutzmaske könne eine falsche Sicherheit vermitteln. Schließlich seien andere Hygienemaßnahmen viel wichtiger – etwa richtiges Händewaschen.

Die Autoren der Studie selbst bewerten den Einsatz von Masken übrigens wie folgt: Ihr genereller Einsatz könnte erwogen werden, wenn die Bestände dies erlaubten.

Da dies zumindest aktuell nicht der Fall ist, bleibt es bei den Appellen der Fachwelt: Professionelle Atemschutzmasken sollten derzeit Kliniken und Arztpraxen überlassen werden. Dort fehlen sie bereits jetzt teils an allen Ecken und Enden  und es zeichnen sich weitere, folgenschwere Engpässe ab. Um andere vor der eigenen Atemwolke zu schützen, reicht im Zweifel offenbar jedenfalls: ein Schal.