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Pro & Kontra

Umstrittene Geisterrunde: Wie sinnvoll ist die Bundesliga-Fortsetzung mit Geisterspielen?

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Am eigentlich letzten Spieltags-Wochenende nehmen die beiden Bundesligen in einer Woche nach der Corona-Zwangspause wieder ihren Betrieb auf. Nachdem am Mittwoch die Politik grünes Licht für den Wiederanpfiff gegeben hatte, entschied die Deutsche Fuball-Liga (DFL) am Donnerstag, dass es ab dem 16. Mai mit dem 26. Spieltag weitergeht. Hinter der umstrittenen Saison-Fortsetzung steht ein detailliertes Hygienekonzept – ein Restrisiko bleibt aber. Und einhellige Vorfreude auf die Geisterrunde herrscht unter den Fans nicht. Auch in der Redaktion der Badischen Neuesten Nachrichten gehen die Meinungen in dieser Hinsicht auseinander.

Pro (Tobias Roth): „Der Profifußball bietet Ablenkung vom Corona-Alltag.“

Geht’s raus und spielt’s Fußball. Selten waren des Kaisers Worte so richtig wie heute. Der Fußball braucht einen Neustart nach der Corona-Auszeit. Und dafür gibt es gute Gründe. Es geht ja nun wieder aufwärts, Restaurants sollen öffnen und Hotels, Geschäfte und Fabriken nehmen den Betrieb wieder auf. Der Stillstand ist vorbei.

Warum also soll nicht auch der Ball wieder rollen? Schließlich ist der Bundesliga-Fußball ein Wirtschaftsunternehmen mit Zehntausenden Arbeitsplätzen. Und es geht dabei nicht um Extrawürste für Millionarios und die Verrücktheiten einer überdrehten Unterhaltungsindustrie. Das ist doch nicht neu.

Es darf niemanden überraschen, dass sich die Kickerszene in den vergangenen Wochen nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Der Fußball ist in diesem Land kein Kompass für Integrität und Vernunft. Auch wenn er das manchmal sein will. Aber es ist in dieser Branche eben nur die Spitze des Eisbergs, die mit Millionen jongliert. Für die überwiegende Mehrheit bedeutet Fußball Lohn und Brot.

Außerdem sind im Geisterspielmodus mit Testsystematik die Risiken überschaubar. Und nicht zuletzt ist der Wiederanpfiff ein deutliches Signal, dass es weiter voran geht in diesem Land. Das Virus ist noch nicht besiegt, aber es ist beherrschbarer geworden. Der Profifußball bietet Ablenkung vom Corona-Alltag und er muss den Weg ebnen für die Amateure, die irgendwann auch wieder auf den Platz wollen.

Natürlich ist Fußball auf dem Bildschirm kein Ersatz für das Stadionerlebnis. Aber es ist ein Anfang. Und für diejenigen, die das alles ganz anders sehen, gibt es eine unkomplizierte Lösung: einfach nicht einschalten. Endlich wieder Fußball!

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Kontra (Gerhard Wolff): „Kicks ohne Atmosphäre, daheim vor der Glotze? Brauche ich nicht.“

Endlich? Nein, wirklich nicht. Kicks ohne Atmosphäre, daheim vor der Glotze? Brauche ich nicht. Ich liebe das Spiel. Aber ich liebe das Spiel als Stadionerlebnis. Sei es nun mit 4.000 anderen Zuschauern oder mit 70.000 anderen Fans.

Fußball ist für mich kein Produkt, das ich konsumiere um des Konsums willen. Fußball ist Leidenschaft – und diese Leidenschaft leidet derzeit. Keine Frage: Der Fußball und insbesondere die Erste Liga als größte Unterhaltungsmaschinerie im Land hat in diesen Zeiten wie jede andere Branche das Recht, so schnell wie möglich wieder hochfahren zu wollen.

Deswegen muss man es aber nicht auch zwingend tun. Beharrlich wurde in den vergangenen Wochen gewarnt: Es gehe für viele Clubs ums Überleben. Das ist nicht falsch. Doch wären keine Alternativen denkbar gewesen? Die TV-Gelder hätten beispielsweise auch bei einem Saisonabbruch zum Teil fließen können, dafür wäre dann in kommenden Spielzeiten weniger überwiesen worden. Und so? Verzichten die Profis auf etwas Geld, was speziell die vielen Top-Verdiener in der Ersten Liga kaum merken dürften, während nicht kickende Club-Angestellte in Kurzarbeit sind und die Anhänger ihr Ticketgeld doch bitte, bitte nicht zurückfordern sollen.

Immerhin bieten einige Clubs die Möglichkeit, die Beträge sozialen Einrichtungen zu spenden. Ein Abbruch wäre sportlich sicher nicht die fairste Lösung gewesen, doch der Geisterwettbewerb wird auch ein verzerrter sein. Ob alle Clubs den Ausgang tatsächlich akzeptieren? Aber bitte: Spielt halt weiter. Für mich ist die Saison emotional abgepfiffen.

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