Der Virologe und das Coronavirus: Schon im Jahr 2012 ließ die Bundesregierung eine Risikoanalyse erstellen, die von einer weltweiten Verbreitung eines neuartigen Virus ausging.
Der Virologe und das Coronavirus: Schon im Jahr 2012 ließ die Bundesregierung eine Risikoanalyse erstellen, die von einer weltweiten Verbreitung eines neuartigen Virus ausging. | Foto: imag-images/Future Image

Pandemie durch Virus Modi-Sars

Verblüffende Ähnlichkeit in Zeiten des Coronavirus: Stresstest von 2012 wird Realität

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Dass eine Pandemie außer Kontrolle gerät, die Welt in Atem hält und ganz Deutschland lähmt – wie aktuell beim Coronavirus –, war vor acht Jahren schwer vorstellbar. Allerdings hat es auch damals schon sehr konkrete Überlegungen gegeben, was denn genau passiert, wenn sich ein gefährliches Virus ausbreitet. „Modi-Sars“, heißt der Erreger in einer Risikoanalyse der Bundesregierung aus dem Jahr 2012, die sich mit den Bedrohungen einer Pandemie beschäftigt.

Und die Experten liegen in ihrer Analyse verblüffend nah an der aktuellen Realität. Fazit des Stresstests: Deutschland ist zwar gerüstet. Es gibt aber einige schwerwiegende Schwachstellen.

Die Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-Sars“ beschreibt eine von Asien ausgehende weltweite Verbreitung eines neuartigen Erregers – das hypothetische Virus Modi-Sars. Das Szenario wurde unter der Federführung des Robert-Koch-Instituts (RKI) und Mitwirkung von einigen Bundesbehörden erarbeitet.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz hat den frei im Internet verfügbaren Bericht in Auftrag gegeben. In der Simulation breitet sich das Virus in Deutschland über einen Zeitraum von drei Jahren aus. Erst dann soll ein Impfstoff zur Verfügung stehen.

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Nachdem die erste Erkrankungswelle mit 29 Millionen Infizierten abklingt, folgen ihr zwei weitere schwächere Wellen mit jeweils 23 und 26 Millionen Erkrankten über den gesamten Zeitraum. Die Zahl der Infizierten verringert sich, weil Genesende eine vorläufige Immunität gegen das Virus entwickeln.

Stresstest geht von hoher Sterblichkeitsrate aus

In dem umrissenen Zeitraum „ist mit mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion zu rechnen“, heißt es in dem Regierungspapier. Diese extreme Annahme basiert darauf, dass die Experten von einer sehr hohen Sterblichkeitsrate von zehn Prozent ausgehen.

Beim aktuellen Virus Sars-CoV2 liegt die Sterblichkeitsrate deutlich darunter. In der Analyse sterben auch vermehrt anders Erkrankte und Pflegebedürftige. Grund dafür ist die Überlastung im Gesundheitsbereich. Ferner überfordert die hohe Anzahl von Infizierten die intensivmedizinische Betreuung um ein Vielfaches.

Die Ausbreitung des Virus wird im Szenario durch „antiepidemische Maßnahmen“ verlangsamt und begrenzt. Dazu gehören Quarantäne für Kontaktpersonen von Infizierten und Isolierstationen für hochinfektiöse Patienten.

Zudem sollen beispielsweise Schulschließungen und Absagen von Großveranstaltungen die Ausbreitung des Virus verhindern. Ohne diese Maßnahmen wäre der Verlauf des Virus noch drastischer, betont die Risikoanalyse.

Bevölkerung verhält sich in der Simulation größtenteils solidarisch

In dem Szenario verhält sich die Bevölkerung größtenteils solidarisch. Die Auswirkungen der Pandemie werden durch gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme verringert.

Dennoch sei nicht auszuschließen, dass die Situation antisoziales Verhalten fördere, heißt es in dem Bericht. Darunter fallen beispielsweise Einbrüche und Diebstähle von Medikamenten.

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Sogar die Kommunikation in sozialen Medien wurde beleuchtet: „Zusätzlich ist ein mehr oder minder qualifizierter Austausch über Neue Medien wie Facebook oder Twitter zu erwarten.“

Das Szenario offenbart die medizinische Versorgung als eine große Schwachstelle. Die Experten gehen sogar davon aus, dass sie bundesweit zusammenbrechen wird.

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„Die hohe Anzahl von Behandlungen stellt sowohl Krankenhäuser als auch niedergelassene Ärzte vor immense Probleme“, steht in dem Papier. Viele Betroffene werden deshalb zu Hause oder in Notlazaretten versorgt.

Personalausfälle verschärfen Situation im medizinischen Bereich

Auch die überdurchschnittlich hohen Personalausfälle aufgrund der erhöhten Ansteckungsgefahr werden in der Risikoanalyse mitbedacht. Das verschärft die Situation im medizinischen Bereich zusätzlich. Bei Arzneimitteln, Medizinprodukten, Schutzausrüstungen und Desinfektionsmitteln entstehen Engpässe. Die Industrie kann die Nachfrage nicht mehr vollständig bedienen.

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Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen sind in dem Papier „nicht konkret abschätzbar, können allerdings immens sein“. Auch die Auswirkungen auf die Ernährungswirtschaft und den Lebensmittelhandel sind in dem Szenario gravierend.

„Die Produktion von Lebensmitteln ist nicht in gewohnter Menge möglich“, steht in der Analyse. Krankheitsbedingte Ausfälle in der Landwirtschaft führen zu deutlichen Verlusten in der Produktion. Auch Lebensmittel sind nicht in gewohnter Menge und Vielfalt in den Supermärkten erhältlich. „Mit Ladenschließungen ist zu rechnen“, meinen die Experten.

Pandemie beginnt in Simulation im Februar in Asien

In dem Szenario der Bundesregierung von 2012 beginnt die Pandemie im Februar in Asien. Der Erreger stammt aus Südostasien, wo er bei Wildtieren vorkommt und über Märkte auf den Menschen übertragen wird.

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In Deutschland tritt der erste Modi-Sars-Fall im April auf, übertragen von zwei Personen, die sich in Asien angesteckt haben. Einer der Infizierten betreut einen Messestand, der andere Erkrankte nimmt nach einem Auslandssemester sein Studium wieder auf. Beide stehen mit vielen Menschen in Kontakt und sorgen so für die initiale Verbreitung des Virus „Modi-Sars“.

Sars-CoV2 wohl auf Huanan-Seafood-Market zurückzuführen

Das aktuelle Virus Sars-CoV2 ist nach allen bisherigen Erkenntnissen auf den Huanan-Seafood-Market im chinesischen Wuhan zurückzuführen. Das gibt das Bundesgesundheitsministerium unter Berufung auf chinesische Behörden auf seiner Homepage an. Einige Patienten hätten auf dem Markt gearbeitet, wo auch Wildtiere und deren Innereien angeboten werden.

Der erste Infektionsfall in Deutschland wurde am 27. Januar bei einem 33-jährigen Mitarbeiter eines Automobilzulieferers in Bayern festgestellt. Er hatte sich bei einer firmeninternen Schulung durch eine aus Shanghai angereiste Kollegin angesteckt.

Ende Februar wurde dann das Virus unter anderem bei einem Ehepaar aus dem nordrhein-westfälischen Heinsberg festgestellt. Die beiden hatten zuvor an einer Karnevalssitzung teilgenommen. Zwei Wochen später lähmt das Virus nun das ganze Land und hält die Welt in Atem.

Sars-CoV und Modi-Sars
In der Risikoanalyse der Bundesregierung aus dem Jahr 2012 ist der hypothetische Modi-Sars-Virus in fast allen Eigenschaften identisch mit Sars-CoV. Ein weiteres Virus dieser Virenspezies ist Sars-CoV2 – der Auslöser der aktuellen Coronavirus-Epidemie und der Lungenkrankheit Covid-19.
In der Simulation wird von Tröpfchen- und Schmierinfektion ausgegangen, ebenso ist es beim sogenannten Coronavirus, das aktuell die Welt in Atem hält. Das kann nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) über die Schleimhäute der Atemwege geschehen.
Theoretisch sei auch eine Schmierinfektion möglich und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen. Covid-19 kann bei einigen Menschen einen sehr milden Verlauf haben – fast ganz ohne Symptome. So ist es möglich, dass diese Menschen unbewusst andere anstecken können. Die Inkubationszeit beträgt im Szenario drei bis fünf Tage, kann sich aber im Zeitraum von zwei bis 14 Tagen bewegen.
Die Inkubationszeit kann beim aktuellen Virus Sars-CoV2 14 Tage betragen. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge liegt sie im Durchschnitt bei fünf bis sechs Tagen. Die Symptome der Viruserkrankungen ähneln sich ebenfalls stark. Allerdings wird in der Simulation von einer Sterblichkeitsrate von zehn Prozent ausgegangen. Das ist extrem hoch. Die Sterblichkeitsrate bei Covid-19 ist laut RKI noch nicht geklärt. Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, meint, dass die Letalität derzeit bei 0,3 und 0,7 Prozent liegt.
Einen weiteren Unterschied gibt es bei den Betroffenen: In der Analyse sind alle Menschen gleich gefährdet. In der Realität sind die Sterblichkeitsrate und die Dauer der Erkrankung vom Alter abhängig. Zu den Risikogruppen gehören ältere Personen mit stetig steigendem Risiko für einen schweren Verlauf ab etwa 50 bis 60 Jahren.