Wie geht das? In der Corona-Krise hat ein Viertel der Deutschen wieder häufiger zu Kochbuch und Kochlöffel gegriffen.
Wie geht das? In der Corona-Krise hat ein Viertel der Deutschen wieder häufiger zu Kochbuch und Kochlöffel gegriffen. | Foto: Imago

Menschen kochen häufiger

Viele Deutsche essen während Corona-Pandemie gesünder als vorher

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Von wegen „Reis mit Scheiß“ – in der Coronakrise haben viele Deutsche ihr Kochtalent entdeckt. Die erste repräsentative Ernährungsstudie zur Pandemie beweist: Rund ein Viertel aller Bundesbürger kocht wieder häufiger. Und statt Tiefkühlpizza oder Fertignahrung kommt mehr frisches Gemüse auf den Tisch.

Wer von Corona profitiert? Bei der geselligen Video-Konferenz im Freundeskreis ist man sich schnell einig: Die Anonymen Alkoholiker und die Weight Watchers. Wer sonst sollten die großen Gewinner dieser Krise sein? Schließlich habe man noch nie zuvor im Leben so viel getrunken und gegessen wie in den vergangenen Wochen.

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Corona hat das Essverhalten der Deutschen verändert

Auch wenn viele Leser jetzt vielleicht zustimmend nicken – diese Bestandsaufnahme ist nicht mehr als eine gefühlte Wahrheit. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie die Ergebnisse der ersten repräsentativen Studie zum Ess- und Kochverhalten der Deutschen während Corona nahelegen.

Die wichtigsten Erkenntnisse vorneweg: Ja – Corona hat das Essverhalten der Deutschen verändert. Aber statt wie befürchtet zu Tiefkühlpizza und Fertigprodukten griff rund ein Viertel der Bürger häufiger selbst zum Kochlöffel, um vor allem bewährte Rezepte mit viel mehr frischem Gemüse zu kochen.

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Rund ein Viertel kocht häufiger

Auch beim Durchschnittsgewicht haben die Deutschen in der Krise nicht signifikant zugelegt. Rund 73 Prozent der Befragten gaben an, ihr Gewicht während der Krise gehalten zu haben. Die Beschränkungen des Corona-Alltags haben lediglich 14 Prozent schwerer gemacht. Männer legten dabei häufiger zu als Frauen.

Sind die Deutschen beim Thema Ernährung also doch besser als ihr Ruf? „Es sieht ganz so aus“, sagt Dagmar von Cramm. Die Ernährungswissenschaftlerin und Autorin vieler Kochbücher ist Mitglied der Heinz Lohmann Stiftung, die die Studie in Auftrag gab. Auch sie war von manchen Ergebnissen überrascht. Nachrichten von leergekauften Tiefkühltruhen und Fertigprodukt-Regalen ließen sie gleich zu Beginn der Krise das Schlimmste befürchten.

Stattdessen ergab die wissenschaftliche Analyse der Umfrageergebnisse, dass jeder vierte Deutsche in den vergangenen Wochen häufiger gekocht hat als in der Zeit vor Corona. „Und mit Kochen ist nicht ’Essen machen’ gemeint“, präzisiert die Expertin den Unterschied zwischen dem Auftauen und Aufwärmen von Fertignahrung und der Verarbeitung von frischen und natürlichen Lebensmitteln zu einem richtigen Gericht.

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Baden-Württemberger kochen besonders viel, aber immer das gleiche

Im Vergleich zu anderen Bundesländern haben die Baden-Württemberger beim Kochen die Nase vorn. Schon vor der Krise gaben 58 Prozent an, täglich selbst am Herd zu stehen. „Als die Restaurants und Kantinen geschlossen waren, kamen noch einmal 17 Prozent dazu“, freut sich Dagmar von Cramm.

Gewundert habe sie allerdings, wie wenig experimentierfreudig die Menschen am heimischen Herd waren. Im Land der tausend TV-Kochshows und in einer Welt, in der millionenfach hübsch inszenierte Essensbilder über die Sozialen Medien geteilt werden, setzten 81 Prozent der Heimköche auf ihre bewährten Gerichte.

„Ich hätte gedacht, dass die Menschen mit mehr Zeit zu Hause auch mehr experimentieren“, sagt sie. Ihre Erklärung? „Möglicherweise setzt man in unsicheren Zeiten eben lieber auf vertraute Dinge.“

Kochen mit der Familie ersetzt den Ausflug

Ebenfalls Bestandteil der Untersuchung war die Frage: „Warum haben Sie in Ihrem Haushalt mehr gekocht?“ Mehr als die Hälfte der Teilnehmer gaben an, einfach mehr Zeit gehabt zu haben. Die Arbeit im Homeoffice gaben 52 Prozent als Grund an.

Ähnlich viele Befragte nannten die derzeit geschlossenen Restaurants als Grund, während vier von zehn Personen, das Kochen als gemeinsame Aktion mit den Familie schätzen. Jeder Dritte bezeichnete die Freude am Kochen oder den Wunsch gesünder zu essen als ausschlaggebend.

„Besonders interessant fand ich auch, dass das Kochen als Familie für rund 75 Prozent der befragten Mehrpersonenhaushalte wohl so eine Art Ersatz für den Familienausflug war“, sagt Dagmar von Cramm.

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Mehr Gemüse kommt in den Topf

Und was hat sich konkret am Kochverhalten der Haushalte verändert? Dafür befragten die Marktforscher die 18 Prozent der Studienteilnehmer, die angeben hatten, im Zuge der Pandemie ihr Kochverhalten geändert zu haben. Dabei stellte sich heraus, dass sieben von zehn Menschen nun mehr frisches Gemüse zum Kochen verwendeten. Rund die Hälfte aller Haushalte probierte eine fleischlose Küche aus.

Was die Deutschen aus der Krise mitnehmen werden? „Wenn es gut läuft, bleibt uns die Erkenntnis erhalten, dass wir gut für uns selbst sorgen können“, hofft die Ernährungsexpertin. „Und, dass wir auch in Zukunft einfach mal mehr Gemüse essen.“