FÜR DIE EWIGKEIT: Akten und Briefe, Postkarten, Telegramme und Zeitungen dokumentieren die Stadtgeschichte. Wie das Stadtarchiv seine Schätze hütet, erklärt Katrin Dort (rechts) den Besuchern am Tag des Archivs im Lesesaal. | Foto: jodo

Jährlich hundert Regalmeter

Karlsruher Stadtarchiv wird auch in digitalen Zeiten weiter mit Papier gefüttert

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Im Karlsruher Stadtarchiv schlummern unzählige Zeugnisse der Stadtgeschichte. Und jedes Jahr kommen rund hundert Regalmeter dazu. Viele Dokumente, Briefe und Urkunden sind längst auch digitalisiert. Dennoch plant im Archiv niemand, irgendwann ohne Papier auszukommen.

„80 Schuhmacher gab es 1953 in Karlsruhe.“ Holger Gebert freut sich über die Entdeckung. Er blättert im Lesesaal des Stadtarchivs durch das dicke Telefonbuch von vor 67 Jahren.

Der Karlsruher besichtigt am bundesweiten Tag der Archive die ehemaligen Pfandleihe in der Markgrafenstraße. „Wir wohnen um die Ecke, aber in 18 Jahren war ich noch nicht da“, erklärt Gebert. „Wer hätte das gedacht, was es hier über das Leben zu erfahren gibt“, meint der neu gewonnene Archivfreund.

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Archive konservieren Kommunikation. „Wer schreibt, der bleibt!“, haben die Karlsruher Stadtarchivare ihrem Aktionstag als Motto gegeben. Stadthistorikerin Katrin Dort zeigt den Besuchern Briefe – einen aus der Feder des Markgrafen Karl-Wilhelm von 1714. Die Interessierten bestaunen die Feldpost Karlsruher Soldaten an die Lieben in Baden.

Auch ein Telegramm von 1909 ist zu sehen, oder der Ausdruck der ersten E-Mail, die 1984 in Europa bei den Informatikern Michael Rotert und Werner Zorn an der Uni Karlsruhe ankommt.

Wir haben jetzt drei Millionen Digitalisate

Stadthistorikerin Katrin Dort

Längst läuft im Archiv die Digitalisierung dem auf Papier Geschriebenen den Rang ab. „Wir haben jetzt drei Millionen Digitalisate“, berichtet Dort. Aber ein Archiv ohne Papier werde es nie geben, versichert die Stadtarchivrätin.

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Erstens hebt das Stadtarchiv das Original nach der Digitalisierung der historischen Papierakte auf. Und zweitens bekommt das Langzeitgedächtnis der Fächerstadt bis in ungewisse Zukunft neben immer mehr Disketten auch weiter Zeitdokumente auf Papier zum Aufbewahren für alle Zeiten. „Wir haben jedes Jahr insgesamt rund 100 Regalmeter Zuwachs“, bilanziert Katrin Dort.

Stammkundschaft in der alten Pfandleihe

Zwei Personengruppen machen auch am Archivtag die Mehrheit der Kundschaft in der früheren Pfandleihe aus: Es sind die Ahnenforscher auf der Suche nach frühen Spuren ihrer Familiengeschichte und die Heimatfreunde, die sich mit ihrer Straße, ihrem Viertel oder der ganzen Fächerstadt in ihren Kindertagen oder gar weit vor ihrer Geburt beschäftigen.

Wenn sich ihnen wie am Samstag ausnahmsweise die Tür zum Archivmagazin öffnet, dann leuchten die Augen dieser Privathistoriker. Begeistert fachsimpeln sie von ihren Forschungen im Stadtarchiv, in Kirchenbüchern oder gar Datenbanken in Übersee.

Da werden alte Damen wieder jung. Sie hängen Katrin Dort an den Lippen, wenn sie ihnen die Wege durch die Archive zu den Ahnen aufzeigt.

18 Grad erhalten die Stadtgeschichte

Aus ihren Fragen wird deutlich, wie wichtig es diesen Bürgern ist, dass die Quellen im Stadtarchiv nicht versiegen – dass die Akten nicht vergilben, sondern entsäuert werden, damit die Dokumente der Vergangenheit entzifferbar bleiben.

Dort macht klar, worauf es für die Haltbarkeit ankommt: „Wir halten die Temperatur im Magazin auf 18 Grad.“ Damit auch in Zukunft die Zeugnisse für die Stadtgeschichte nicht bis zur Unleserlichkeit verschwimmen, werden sie zudem nicht der Sonne und exakt nur 50 Prozent Luftfeuchtigkeit ausgesetzt.

Davon profitiert auch Ingeborg Müller. „Ich schreibe kleine Heimatgeschichten“, erzählt die Pensionärin. Mit den Fächerstraßen sei sie durch, jetzt arbeite sie an der Amalienstraße, natürlich archivgestützt. Gerade stöbert sie in den Stapeln des Archiv-Bücher-Flohmarkts. Schon hat Ingeborg Müller einen Band von „meinem Lieblingsschriftsteller, dem Hebel“ und die Karlsruher Chronik von 1886 herausgefischt.

Das Stadtarchiv selbst befindet sich in einem Zeugnis

Diese Quellen zum gesellschaftlichen Leben in der Residenzstadt des 19. Jahrhunderts lassen neue Gedanken der Heimatforscherin sprudeln. Damit bereichert Ingeborg Müller selbst dann wieder das Stadtarchiv. Dort werden ihre Fächerstraßenporträts bereits aufgehoben.

Für den 70-jährigen Michael Kober ist der Besuch im Stadtarchiv ein Ausflug in die eigene Vergangenheit. Schließlich ist das Stadtarchiv selbst, das 1990 in die einstige Pfandleihe zog, eines der wenigen Zeugnisse der Karlsruher Altstadt, des mit der Totalsanierung in den 1960er und 1970er Jahren fast ganz ausradierten Dörfles.