Kegeln ein altmodische Hobby? Von wegen, Chiara Zieger, Elias König, Tim Schwalger, Lena Faul, Lukas Rauch, Mika Schwalger, Sandro Zieger (von links), sind mit Spaß dabei. Insgesamt 18 Jungs und Mädchen zählt die Jugendabteilung des KV Liedolsheim. | Foto: Rake Hora

KVL gegen landläufigen Trend

Kegeln – ein Auslaufmodell? Nicht beim KV Liedolsheim

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Kegeln, die vielleicht deutscheste aller Sportarten – ein Auslaufmodell? Alle Neune nach Feierabend. Lustige Stunden mit Freunden oder Arbeitskollegen auf der Kegelbahn. „Abräumen“ als regelmäßiges Freizeitprogramm: Noch nach der Wiedervereinigung soll jeder zehnte Deutsche seine Freizeit regelmäßig auf einer Kegelbahn verbracht haben. Und heute? Darüber haben die BNN mit Harald Seitz, dem Vorsitzenden des KV Liedolsheim, gesprochen.

Weg vom Image drei Wurf, ein Bier

Nach dem Boom bis in die 1980er Jahren findet das Sport- und Freizeitkegeln immer weniger Anhänger. Das, meinen Freizeitforscher, habe auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun. Früher sei Kegeln eine beliebte Möglichkeit gewesen, Sport und Geselligkeit zu verbinden. Heute seien viele Gaststätten mit Kegelbahnen alt geworden, Globalisierung und Digitalisierung hätten die Ansprüche der Menschen verändert. „Drei Wurf, ein Pils – von dieser weit verbreiteten Betrachtungsweise muss das Kegeln wegkommen. Wir müssen das Image aufpolieren und uns vom ’Bierkegeln’ verabschieden“, sagt Harald Seitz, Vorsitzender und 1996 Gründungsmitglied des Kegelvereins (KV) Liedolsheim, der 2009 und 2017 Ausrichter der Sportkegel-Weltmeisterschaft Classic war.

Viele Kegelanlagen sind veraltet

„Gefeiert wird bei uns auch, aber nach dem Wettkampf in der Kabine“, fügt er hinzu. Viele Kegelanlagen wären veraltet, würden nur stiefmütterlich oder überhaupt nicht gepflegt, spricht Seitz ein weiteres Problem an. „Da“, sagt er, „gibt es Nachholbedarf. Viele Betreiber machen den gleichen Fehler und müssten etwas tun, damit sie wieder ein Erfolgserlebnis haben.“

In Liedolsheim deutlicher Anstieg bei Freizeitkeglern

Picobello steht die eigene Vier-Bahnen-Anlage in der Vereinsgaststätte „Keglertreff“ da. Darauf wird großer Wert gelegt, nicht nur weil der Dettenheimer Ortsteil Stützpunkt fürs Nationalteam ist – dem auch die Mannschaftsweltmeisterinnen Saskia Seitz und Melina Zimmermann vom KV Liedolsheim angehören. Um das Equipment in Schuss zu halten, ist der Verein auf gute Belegung und die Einnahmen daraus angewiesen. Stolz erzählt Harald Seitz von einem deutlichen Anstieg bei den Freizeitkeglern und damit einer Entwicklung gegen den landläufigen Trend: „Bei der Bahnvermietung gab’s letztes Jahr eine Steigerung von 20 Prozent.“

Neues Highlight Disco-Kegeln

Als neues Highlight wird Disco-Kegeln angeboten. Mit hippen Laser- und Lichteffekten. Dazu heißt es dann: Handy in die Steckdose und die eigene Musik abspielen. „Die Leute sind absolut begeistert“, sagt Harald Seitz. Und: „Der eine oder andere ist schon aus dem Freizeit- in den Sportbereich gewechselt.“

KV Liedolsheim leistungs- und erfolgsorientiert

Mitglieder hat der KV Liedolsheim 130, darunter 18 Jugendliche. Drei Herren-, zwei Damenmannschaften und ein gemischtes Team nehmen am Ligabetrieb teil. Die Damen auf Bundesebene, die Herren in der Verbands- beziehungsweise Landesliga Rheinland-Pfalz. 1998 wurde die Jugendabteilung gegründet. Auch die Jugendlichen sind im Spielbetrieb dem Landesverband auf der anderen Rheinseite angeschlossen.

Für Jugendarbeit mehrfach ausgezeichnet

Harald Seitz’ Frau Brigitte und Tochter Saskia zeichnen beim KV Liedolsheim für den Nachwuchsbereich verantwortlich. Sechs ausgebildete Trainer hat der KV Liedolsheim, für die Jugendarbeit wurde der Verein mehrfach ausgezeichnet, erst vor kurzem wieder. Sandro Zieger aus Liedolsheim, wird 18, „und ist unter den acht besten Deutschlands“, erklärt Seitz. Ein Riesentalent sei auch der 18-jährige Lukas Rauch, der aus Rülzheim kommt. Sandro Ziegers jüngere Schwester Chiara ist noch keine 15, spielt aber schon für die zweiten KVL-Damen in der 2. Liga. „Sie hat das Potenzial fürs Nationalteam“, schwärmt der Vereinsvorsitzende. „Wir brauchen solche Zugpferde“, betont Seitz. „Dann wird in der Schule übers Kegeln gesprochen. Das bringt Leute mit.“

Mitgliederschwund seit 1980-er Jahren

Auch wenn der KV Liedolsheim gut dasteht, Fakt ist: Ob Deutscher Kegler- und Bowlingbund (DKB) oder Deutsche Classic-Kegler Union (DCU), die Zahl der in Vereinen oder Clubs organisierten Kegler in den Verbänden ist von fast 200 000 Mitgliedern in den 80er-Jahren drastisch zurückgegangen. Beim DKB gebe es laut Seitz noch rund 50 000 Sportkegler, bei der DCU etwa 8 000. Seitz ist auch Sportdirektor des beim DKB angesiedelten Disziplinverbandes DKBC (Deutscher Keglerbund Classic). Außerdem seit 2015 Präsident des Nordbadischen Bowling- und Kegler Verbandes, kurz NBKV, der zum Spitzen- und Hochleistungssport sowie zum Breiten- und Freizeitsport unter dem Dach des DKB und damit dem Deutschen Olympischen Sportbund steht.

120 Wurf-Wertungssystem

Beim NKBV gibt es einen Spielbetrieb im Classic-Kegelsport mit 120 Wurf und Wertungssystem Mann gegen Mann beziehungsweise Frau gegen Frau (sechs Paarungen; 15 „Volle“, 15 „Abräumen“ je viermal). Das habe sich international durchgesetzt, so Seitz. Weil es sich durch Spannung, Dynamik und Abwechslungsreichtum auszeichne.

Verbände wieder auf Annäherungskurs

Bei der 2012 nach der Tennung vom DKBC gegründeten Deutschen Classic Union (DCU), dem der Badische Kegler- und Bowling-Verband (BKBV) mit rund 80 Vereinen angehört, wird das früher traditionelle Freizeit- und Breitensportsystem 100/200-Wurf praktiziert. Die Angst, der DKBC könnte dieses System abschaffen,  hatte vor sechs Jahren zur Abspaltung und Neugründung geführt. „Wären wir beim DCU, hätten wir keine WM bekommen“, verdeutlicht Harald Seitz. „Und Spieler von uns würden auch nicht ins Nationalteam kommen.“ Es gebe aber Gespräche, beide Verbände wieder zu vereinigen. „Für mich“, so Seitz, „ist das sehr erfreulich.“