Alexander Gerst auf der ISS
Der Astronaut Alexander Gerst beim wöchentlichen Putzen auf der Internationalen Raumstation ISS. | Foto: ESA/NASA/Alexander Gerst/Archiv

„Astro-Alex“ im KIT geehrt

Der „Popstar der Raumfahrt“ kehrt zurück nach Karlsruhe

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„Die weiteste Reise beginnt mit einem ersten Schritt“, sagt ein weises chinesisches Sprichwort. Alexander Gerst ist sehr weit gereist. Etwa 5 800-mal um die Erde in der Raumstation ISS, die mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von 28 000 Stundenkilometern fliegt, das dürfte insgesamt der Entfernung bis zur Sonne entsprechen. Den ersten Schritt auf diesem Weg machte der berühmteste Raumfahrer Deutschlands in Karlsruhe.

Freitag im Audimax-Hörsaal des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Der schlanke, hochgewachsene Mann im blauen Trainingsanzug der Europäischen Raumfahrtagentur ESA hat eine Stunde lang von seinen Erlebnissen im All geredet, da wird er gefragt, wie man Astronaut wird. Gersts Antwort weckt bei den Studenten große Erwartungen: „Die meisten von euch sind qualifiziert“.

Den Träumen immer eine Chance geben

Dann fällt dem 43-Jährigen ein Gespräch ein, dass er mit einem Kommilitonen in der Mensa vor vielen Jahren geführt habe. „Wir hatten vereinbart, dass wir uns irgendwann einmal als Astronauten bewerben werden. Ich habe es gemacht, er nicht. Wie schade!“ Wenn man einen Traum habe, müsse man ihm unbedingt eine Chance geben, ehe es eines Tages vielleicht zu spät sei, gibt der Mann, den die Welt als „Astro-Alex“ kennt, den jungen Zuhörern mit auf den Weg.

Er hat sich viele hochfliegende Träume erfüllt. Und jetzt steht der einstige Student der Geophysik an der Universität Karlsruhe also wieder an dem Ort, wo für ihn so vieles begann. Der Applaus im Audimax ist lang und herzlich. Zahlreiche Medienvertreter sind gekommen, um mitzuerleben, wie die KIT-Fakultäten für Physik und für Bauingenieur-, Geo- und Umweltwissenschaften dem ersten und bislang einzigen deutschen Ex-Kommandanten der Internationalen Raumstation die Ehrendoktorwürde verleihen.

Astronaut Alexander Gerst hält einen Vortrag im Audimax des KIT. Foto: Makartsev | Foto: Makartsev

„Sie tragen die Raumfahrt in die Herzen“

Als einen Kommunikator der Forschung mit „Vorbildfunktion“ und Wissenschaftler auf „Popstar-Niveau“, würdigt ihn der Institutspräsident Holger Hanselka. „Sie tragen die Raumfahrt geschickt in die Herzen und Köpfe der Menschen“: In diesen Worten schwingt ein großer Stolz mit. Als sie dem Raumfahrer seine Doktor-Urkunde überreichen, wirken die KIT-Professoren wie aufgeregte Kinder.

Gerst hat als Gastgeschenk eine weiße Fahne des KIT mitgebracht, die mit ihm auf der ISS unzählige Male um die Welt geflogen war. Auch er ist aufgewühlt. In Karlsruhe kämen viele schöne Erinnerungen hoch, schließlich sei die Stadt für ihn der „Start zu vielen Abenteuern“ gewesen, erzählt der frischgebackene Ehrendoktor den Journalisten. Und dann schließt er den Kreis zu der alten Erkenntnis der chinesischen Weisen: „Eine Entdeckungsreise ist erst dann abgeschlossen, wenn man an ihren Ursprungsort zurückkehrt. Ich freue mich heute sehr, wieder hier zu sein“.

362 Tage im All verbracht

Im Astronautenhimmel gehört er zu den weltweit bewunderten Stars erster Größe. Der gebürtige Künzelsauer ist zweimal zur ISS geflogen (2014 und 2018) und hält mit seinen insgesamt 362 Tagen im All den derzeitigen ESA-Rekord. Im Orbit wurde Gerst vor allem für seine charismatischen, unterhaltsamen und nachdenklichen Videobotschaften an die Erdbewohner bekannt. Im sozialen Netzwerk Twitter hat er derzeit 1,27 Millionen Follower, die begeistert die in 400 Kilometer Höhe entstandenen Fotos unseres Planeten teilen. Sein großes Kommunikationstalent stellt Gerst auch an diesem Tag im KIT eindrucksvoll unter Beweis, als er die Zuhörer in einige Geheimnisse der bemannten Raumfahrt einweiht.

Da wäre zunächst die Frage, ob die Bewohner der Raumstation überall ihre Sachen herumliegen lassen und darüber streiten. Große Heiterkeit im Saal. „Ja, ich kenne das auch aus Studenten-WGs“, sagt schmunzelnd Gerst, „aber da oben reißen sich alle zusammen. Wir hatten im All keine Konfliktsituationen, weil Astronauten in der Regel sehr tolerant sind und einander mit Respekt behandeln“. Dabei gebe es in der Erdumlaufbahn natürlich genügend Gänsehaut-Momente und Stress-Situationen, die selbst eingespielte Teams stark fordern könnten.

Unter den Füßen ist das Nichts

Gerst erinnert daran, wie seine Mannschaft nach einem Druckabfall auf der Station nach einem Loch gesucht und es in der Sojus-Kapsel gefunden haben. Nervenaufreibend sei auch sein Außeneinsatz gewesen: „Du überprüfst 18-mal das Seil, ob es wirklich hält. Dann gehst du hinaus und siehst deine Füße frei baumeln, und darunter 400 Kilometer nichts mehr“.

Zu den heikelsten Einsätzen zählten ferner die Ankünfte von Raumtransportern, die mit einem Manipulator-Arm an die ISS herangezogen werden. „Greift man daneben, macht man womöglich ein viele Millionen Euro teures Raumschiff kaputt, das ist nicht gut für die Karriere“, sagt lachend der Ex-Kommandant. Und was macht ein Raumfahrer am Wochenende, wenn er frei hat? Filme schauen, Tee trinken und aus dem Fenster gucken. Dabei könne es durchaus vorkommen, gibt Gerst vergnügt zu, dass man eine Stadt von oben nicht auf Anhieb findet und erst mal Google Earth zurate zieht.

Ein Vorbild auf dem Gebiet der Wissenschaftskommunikation: Alexander Gerst im KIT. Foto: Makartsev

Aus dem Orbit sind auch Kriege zu sehen

Die Betrachtung der Erde aus dem All ist ihm wichtig. Mächtige Sandstürme, die in Afrika beginnen und in Südamerika enden. Den dichten Smog über Millionenstädten. Die schrumpfenden Gletscher und das Abholzen von Regenwäldern. Gigantische Orkane, die Verwüstung bringen. Aber auch Kriege: „Man sieht von oben, wie Menschen einander bekämpfen, wie Raketen starten und in einem Blitz aufgehen, und dann weiß man: Da ist gerade jemand gestorben“.

Dies alles verändere den Fokus und das Denken von Astronauten, sagt Gerst. „Alles hängt miteinander zusammen. Irgendwann sieht man den ganzen Planeten als deinen Heimatort, und man fühlt sich für ihn verantwortlich“. Er sieht seine wichtigste Rolle darin, den Menschen die andere Perspektive von ihrer Welt zu vermitteln. „Das kann viel bewirken“, betont der Wissenschaftler, der sich viel mit dem Thema Umweltschutz und Klimawandel auseinandersetzt.

„Die Erde hat keine Bedeutung im Weltall“

Gerst lobt in Karlsruhe indirekt die „Fridays for Future“-Schülerbewegung: „Es ist toll, wenn Menschen aufstehen für das, woran sie glauben“. Er mahnt aber auch an, mehr zu tun, um den fragilen Planeten vor der Zerstörung zu bewahren. Gerst zeigt in seinem Vortrag ein Bild mit einem winzigen blauen Punkt im schwarzen Nichts: eine Erdaufnahme von der Cassini-Sonde aus der Saturn-Umlaufbahn. „Die Erde hat keine Bedeutung im Weltall“, sagt er mit Nachdruck. „Wenn wir sie kaputt machen, ist es dem Universum egal“.

Knapp 50 Jahre nach der Mondlandung bekommt Gerst nach eigenen Worten Gänsehaut, wenn er sich die Aufnahmen von Apollo 11 anschaut. „Schade, dass wir damals den Mond aufgegeben haben. Aber jetzt ist der Wille da, diese Forschung fortzusetzen“, sagt der Astronaut. „Es wird aufregend sein. Ich sage voraus, dass es in 100 Jahren auf dem Mond Stationen geben wird, in denen verschiedene Nationen gemeinsam arbeiten“. Dabei werde der Mond nur ein Zwischenhalt sein: „Das wichtigste ist es, zu lernen, wie wir zum Mars fliegen können“.

Wir alle sind Sternen-Wesen

„Astro-Alex“ hat schon vieles erreicht, doch es zieht ihn noch weiter ins All hinaus. Der neugierige Forschergeist des einstigen Studenten aus Karlsruhe sucht nach Antworten auf die ewigen Fragen nach dem Ursprung und der Einzigartigkeit des Lebens. Er könne gar nicht anders, als immer wieder hinaus in das Universum zu spähen, wenn er daran denke, dass die Hälfte der Atome in unseren Körpern von jenseits unserer Milchstraße kämen, sagt der Ehrendoktor des KIT. „Gibt es einen zweiten Blauen Planeten? Wir werden das vielleicht erfahren können“.

Er will jedenfalls wieder fliegen.