Hoher D-Faktor: Hinter dem netten, charmanten, unverdächtigen Kleinstadtsheriff Lou Ford verbirgt sich in Wirklichkeit ein Sadist, ein Psychopath und ein Mörder. Das Foto zeigt eine Szene aus dem Film „The Killer Inside Me“. | Foto: dpa

Der „D-Faktor“

Die dunkle Seite des Menschen

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Darf man davon ausgehen, dass ein Chef, der seine Mitarbeiter genüsslich herunterputzt, auch sonst ein Mistkerl ist? Dass er auch seine Geschäftspartner ausnutzt, Steuern hinterzieht oder seine Frau betrügt – zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit?

Man darf, lautet die Botschaft, die hinter diesem Beispiel steckt, das von Psychologen der Universitäten Landau, Ulm und Kopenhagen stammt. Denn hinter den dunklen Seiten des Menschen haben sie ein gemeinsames, grundlegendes und messbares Prinzip entdeckt: den „Dark Factor“.

Negative Persönlichkeitstruktur ist messbar

Neun Facetten negativer Persönlichkeits-Eigenschaften des Menschen haben die Wissenschaftler für ihre Studie untersucht: Egoismus, Gehässigkeit, Machiavellismus, moralische Enthemmung, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit und „übertriebene Ansprüchlichkeit“. Und sie haben herausgefunden, dass diese unangenehmen Eigenschaften mehr eint als trennt, dass sie einen gemeinsamen Kern haben. „Wir können sie auf nur drei Prinzipien zurückführen, eigentlich sogar auf zweieinhalb, die wir den D-Faktor genannt haben“, sagt Benjamin Hilbig, Psychologie-Professor an der Universität Landau. Es sind dies ein übersteigerter Egoismus, der den eigenen Nutzen über alles stellt, dabei Schaden für andere in Kauf nimmt oder sogar absichtlich herbeiführt. Hinzu kommt das Fehlen jeglicher Gewissensbisse.

D-Faktor als Indikator für unethisches Verhalten

Wenn Personen also sprichwörtlich über Leichen gehen, um ihre Ziele zu erreichen, ist von einem hohen D-Faktor auszugehen. Und der lässt Schlüsse zu. „Je mehr von der einen dunklen Eigenschaft, desto mehr von der anderen“, das sei ein Fazit ihrer Forschung, so Hilbig.
Diese Möglichkeit, den D-Faktor auch als Indikator für die Vorhersage von unethischem Verhalten zu nutzen, sehen sie als eine Stärke ihres Modells, denn dunkle Persönlichkeitsstrukturen lägen nicht wie Inseln als getrennte psychologische Eigenschaften vor. Deshalb sei es auch möglich, aus gut beobachtbaren Phänomenen wie einem extremen Narzissmus zu folgern, dass bei dem Betroffenen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit auch – normalerweise nicht auf den ersten Blick erkennbare – Neigungen wie Sadismus oder andere psychopathische Störungen zu finden seien.

Verhaltensexperimente und Diktatorspiel

Gefunden haben Hilbig und seine Mitstreiter ihre Erkenntnisse, indem sie
2 500 Menschen befragt haben, um deren Persönlichkeitsstruktur zu erfassen. Hinzu kamen Verhaltensexperimente wie das sogenannte Diktatorspiel, bei dem die Teilnehmer Geld an sich selbst und an andere verteilen können.
Die Arbeiten zum D-Faktor hätten viele Fragen aufgeworfen, sagt Hilbig, die Stoff für weitere Untersuchungen in der Zukunft liefern könnten. Es gehe darum, den „Dark Factor“ besser messbar zu machen und das eigene theoretische Konzept gegen bereits bestehende abzugrenzen. Vor allem aber soll auch untersucht werden, wie und in welcher Lebensphase sich eine negative Persönlichkeitsausprägung entwickelt und ob dieser Prozess beeinflusst werden kann. „Kann man die Leute netter machen, und wenn ja, wie?“, bringt Benjamin Hilbig das auf den Punkt. Weiter seien Fragen zur Vererblichkeit sowie der Bezug zur forensischen und klinischen Psychologie zu klären. „Es ist ja naheliegend, dass der D-Faktor am extremen Ende etwas Pathologisches hat“, so Hilbig. Statistisch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dann auch kriminell oder gewalttätig zu werden. Da tauche auch als Frage auf, ob sich so ein Instrumentarium nutzen lässt, um die Rückfallquote von Straftätern vorherzusagen.

Test im Internet

Wer wissen möchte, wie stark der eigene D-Faktor ist, kann dies mittels eines anonymen, englischsprachigen Tests tun, den die Projektgruppe ins Netz gestellt hat: https://qst.darkfactor.org/