Heimat ist für Bernhard Appel nicht nur ein Ort, sondern auch der Geruch nach Holz oder frischem Brot. | Foto: Caritas

Interview mit Bernhard Appel

„Diese Werte müssen wir verteidigen“

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Karlsruhe/Freiburg. Heimat – dieser Begriff hat in den vergangenen Jahren enorm an Brisanz gewonnen, angesichts von Millionen Menschen, die weltweit vor Krieg, Hunger und Gewalt flüchten sowie den Hunderttausenden, die nach Deutschland gekommen sind. Deswegen lautet das Motto der Caritas Baden-Württemberg für dieses Jahr auch „Zusammen sind wir Heimat“. Am Mittwoch, den 8. Februar, stellt sie ihre Kampagne in Stuttgart vor.

Bernhard Appel ist Priester sowie Vorstandsvorsitzender und seit 1997 Direktor des katholischen Wohlfahrtsverbandes der Erzdiözese Freiburg. BNN-Redaktionsmitglied Julius Sandmann hat vor der Jahresauftaktveranstaltung mit dem 64-Jährigen gesprochen.

Was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Appel: Für mich persönlich ist Heimat der Ort, in dem ich aufgewachsen bin. Das ist bei mir Karlsruhe-Daxlanden. Da ist mein Kinderhimmel – der Ententeich, die Altrheinarme, die Fritschlach. Das ist für mich Heimat im geografischen Sinn.
Meine Eltern hatten in der Karlsruher Oststadt eine Schreinerei, also ist auch der Geruch von Holz für mich Heimat oder der Geruch von frischem Brot, weil mein Großvater in unserem Elternhaus eine Bäckerei hatte.

Ich verbinde mit dem alten Baden sehr viele Heimatgefühle

Ist es Ihrer Meinung nach denn möglich, mehr als eine Heimat zu haben?

Appel: Ja, bei mir hat sich die Heimat auf Baden-Württemberg vergrößert. Ich habe in Freiburg studiert, wo ich auch seit 25 Jahren wohne, war Studentenpfarrer in Mannheim und Pfarrer in Heidelberg, meine erste Stelle als Diakon hatte ich in Singen am Hohentwiel.
Ich verbinde mit dem alten Baden sehr viele Heimatgefühle. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich für die Menschen in dieser Region arbeiten darf – gerade für die Armen und Benachteiligten.

Was genau verbirgt sich hinter dem „zusammen“ und dem „wir“ in der Caritas-Kampagne für 2017 „Zusammen sind wir Heimat“?

Appel: Dieses Motto muss eingeordnet werden in die dreijährige Kampagne „Den demografischen Wandel gestalten“, die von 2015 bis 2017 läuft. Die aktuelle Kampagne soll den Blick auf die Situation der Flüchtlinge richten.
Allein 2015 kamen rund 890 000 Schutzsuchende nach Deutschland. Es ist die größte gesellschaftliche Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg, Menschen zu unterstützen, die zu uns kommen, damit sie hier eine neue Heimat finden, und die Integration gelingt.
Für uns als Caritas geht es vor allem darum, die derzeit auch wegen vieler Ängste etwas abflauende Willkommenskultur weiter zu unterstützen. Ich kenne sehr viele Flüchtlingsfamilien, die wirklich dankbar sind, dass sie hier in Deutschland leben können. Aber natürlich wird der interreligiöse Dialog mit dem Islam auch eine große Herausforderung sein.

Also müssen wir Kontakte herstellen

Sie haben die Ängste angesprochen: Was entgegnen Sie den Menschen, die fürchten, dass sich ihre Heimat durch die Zuwanderung der vergangenen Jahre negativ verändert?

Appel: Wir sehen unsere Aufgabe darin, auf diese Ängste und Sorgen einzugehen und sie abzubauen. Wir haben in den Regionen am meisten Demonstrationen, in denen eigentlich relativ wenige Schutzsuchende leben. Also müssen wir Kontakte herstellen, denn wenn die Menschen sich von Angesicht zu Angesicht kennenlernen, dann schwinden Ängste. Das ist meine Überzeugung.
Aber die, die zu uns kommen, sollen auch unsere Regeln und verfassungsrechtlichen Werte verinnerlichen: Achtung der Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit. Daran darf nicht gerüttelt werden, diese Werte müssen wir mit aller Kraft verteidigen – gegen alle Gruppierungen, die sie in Frage stellen.

Am Mittwoch, den 8. Februar, findet ihre Jahresauftaktveranstaltung statt, zu der auch Landtagspräsidentin Muhterem Aras kommt.

Appel: Ja, darüber freuen wir uns. Ich denke, dass auch die Landtagspräsidentin auf meiner gerade dargestellten Linie liegt: dass es sich lohnt, sich zu integrieren. Sie selbst ist ja ein Beispiel für eine gelungene Integration.
Über das ganze Jahr hinweg wird es zudem eine ganze Reihe von Veranstaltungen in den einzelnen Ortsverbänden der Caritas zum Thema „Heimat“ geben.

Lassen Sie uns vorausblicken: Was würden Sie gerne Ende 2017 über die Caritas-Kampagne „Zusammen sind wir Heimat“ sagen können?

Appel: Dass die Zustimmung in der Bevölkerung, Menschen zu helfen, die in Not sind und von außerhalb zu uns kommen, wieder zugenommen hat.
Wenn wir mit unserer Kampagne die Willkommenskultur unterstützen und dazu beitragen können, dass die Menschen in ihrer Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung unserer Gesellschaft wahrgenommen werden, wäre ich sehr froh.