Abitur
Derzeit hat jedes Bundesland sein eigenes Abitur. Aber bleibt das so? | Foto: Julian Stratenschulte/Archivbild

Diskussion erneut entflammt

Ein Zentralabitur für Deutschland?

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Derzeit hat jedes Bundesland sein eigenes Abitur. Aber bleibt das so? Ein bundesweites Zentralabitur ist schon länger Thema. Wenn sich an diesem Donnerstag und Freitag in Berlin die Kultusminister treffen, steht das föderale Bildungssystem auf der Kippe.

„Sie stehen mit dem Rücken zur Wand – ich hoffe, dass sie sich zusammenraufen.“  So sieht es Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg. Die Kultusminister müssen das Abitur besser vereinheitlichen, fordert Scholl.

Bei einem konsequenten bundesweiten Zentralabitur wären alle Aufgaben vorgegeben. Denkbar ist auch eine abgeschwächte Form. Schon 2007 forderte der damalige baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU) „gleiche Aufgaben am gleichen Tag“. Vor zwei Jahren mahnte das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil an, die Abiturnoten müssten über Ländergrenzen hinweg vergleichbar sein. Das sei derzeit „nicht in dem erforderlichen Maße“ gegeben. Doch zu einer Umsetzung des bundesweiten Zentralabiturs kam es bis heute nicht.

Ein bundesweites Zentralabitur ist schon länger Thema, spätestens aber seit Ende 2017 wieder in der Diskussion. Da erklärte das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil, Abiturnoten müssten über Bundesländergrenzen hinweg vergleichbar sein. „Es kann nicht sein, dass Schülern in Berlin oder Bremen das Abitur hinterhergeworfen wird und es in Bayern oder Baden-Württemberg schwerer ist“, moniert Scholl. Das würden viele Bürger ungerecht finden. Daher sieht der Philologe die Kultusminister unter Zugzwang, sich auf gemeinsame Standards für das Abitur zu einigen. „Entweder schaffen sie es, oder die Länderhoheit ist passé.“

BNN-Umfrage: Die meisten Leser befürworten Zentralabitur

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Ein bundesweites Zentralabitur ist schon länger Thema, spätestens aber seit Ende 2017 wieder in der Diskussion | Foto: Tobias Kleinschmidt/Archivbild

Klare Kante hat die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) gezeigt. Sie galt ursprünglich als klare Gegnerin des Zentralabiturs. Dann die Kehrtwende im Sommer. Eisenmann erklärte in einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland: „Wir brauchen in Deutschland innerhalb von fünf bis zehn Jahren ein zentrales Abitur.“ Die Bundesländer müssten dafür Schritte zu einer größeren Vergleichbarkeit unternehmen, betonte sie vor der Kultusministerkonferenz gegenüber den BNN. Doch dieser „Wille ist offensichtlich momentan noch nicht überall vorhanden.“ Bei gemeinsamen Standards müsse man sich an den Bundesländern orientieren, die eine hohe Qualität im Schulsystem aufweisen. „Dazu müssen die einzelnen Länder sicherlich Mut zeigen“, sagt Eisenmann. „Aber wenn es uns nicht gelingt, bessere und auch verpflichtende Regelungen zu finden, könnte der Bildungsföderalismus eine Karikatur von sich selbst werden.“

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Die Kultusministerin versuchte im Sommer bereits, einen großen Kritiker des Zentralabiturs hinter sich zu bringen: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). In einem Brief an Söder schrieb Eisenmann laut „Süddeutscher Zeitung“, sie strebe nach einem „Zentralabitur auf süddeutschem, mithin bayerischem Niveau“.

Jüngste Äußerungen aus dem Freistaat lassen erkennen, dass der Brief nichts gebracht hat. Söder betonte: „Wir sind klar gegen ein Zentralabitur. Bei der Bildung muss Leitmotiv sein: Zusammenarbeit ja, Zentralismus nein.“ Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) möchte kein „Einheitsabitur“, wie sie im Gespräch mit den BNN erklärt: „Es geht um gemeinsame Standards.“

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Diese müssten hoch angesetzt sein, so Karliczek. „Es geht um die Zulassung zum Studium. Wir können es uns in Deutschland nicht leisten, dass wir Mittelmaß sind.“ Es sei gute Vorarbeit geleistet worden – etwa mit einem gemeinsamen Aufgabenpool, aus dem sich die Bundesländer bereits bedienen konnten. „Wenn man von so unterschiedlichen Verhältnissen kommt, sind Zwischenschritte wichtig“, sagt Karliczek.

Den von ihr angeregten nationalen Bildungsrat lehnt Parteifreundin Eisenmann aber strikt ab: „Wir brauchen eine klare Trennung der Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern und keine weitere Einflussnahme des Bundes auf die Bildungspolitik.“

Zentralabitur frühestens in zehn Jahren

Ein Zentralabitur könnte frühestens in zehn Jahren eingeführt werden, schätzt Sandra Boser. Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen spricht von großen Brocken, die aus dem Weg zu räumen seien. „Die gewachsenen Strukturen im Föderalismus sind groß“, erklärt Boser. Der bildungspolitische SPD-Sprecher Stefan Fulst-Blei begrüßt eine Annäherung der Bundesländer beim Abi, mahnt aber: „So einfach, wie es klingt, ist die Umsetzung nicht.“ Zentrale Prüfungen würden maßgeblich auch die Lerninhalte bestimmen, betont Fulst-Blei. „Die föderale Struktur, insbesondere mit Blick auf die inhaltliche Ausgestaltung der Lehrpläne, hat ihre Gründe und sollte nicht leichtfertig über Bord geworfen werden.“

Auch die Sommerferien sind Thema

Bei der Kultusministerkonferenz wird auch über die Sommerferien gesprochen. Bislang beginnen diese je nach Bundesland unterschiedlich. Ein Antrag aus Berlin und Hamburg sieht vor, dass die Sommerferien ab 1. Juli und nicht schon im Juni beginnen, die Termine der Länder enger zusammenrücken und die jährlichen Verschiebungen möglichst gering ausfallen. Baden-Württemberg plädiert für die bisherige Regelung, wie eine Sprecherin von Eisenmann erklärt: „Sie bietet uns einen verlässlichen Schuljahresrhythmus und ermöglicht uns auch zusätzliche Pfingstferien, die von Eltern und den Schulen geschätzt werden.“ Die Berliner Senatorin Sandra Scheeres (SPD) betont, die Schwankungen der Zeiten seien nicht mehr zeitgemäß. „Die Ferien sollten zwischen dem 1. Juli und dem 10. September liegen.“ So könnten sich die Länder einem bundesweit vergleichbaren Abitur annähern. Es zeichnet sich eine kontroverse Kultusministerkonferenz ab.