Eine Rarität: Die Dampflok G12 58311, Baujahr 1921 . Gebaut wurde sie in der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe.
Eine Rarität: Die Dampflok G12 58311, Baujahr 1921 . Gebaut wurde sie in der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe. | Foto: Bernd Kamleitner

Made in Karlsruhe

Eine versunkene Dampflok und eine fahrtüchtige Rarität

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Eisenbahnfans aus aller Welt hatten dem großen Moment an diesem Sonntag, 21. Oktober 2018,  entgegenfiebert: Aus dem Rhein bei Philippsburg-Rheinsheim sollte eine im Jahr 1852 bei der Überführung von einem Schiff in den Rhein gestürzte Dampflok geborgen werden. Wie berichtet liegt das einst in Karlsruhe gebaute Stahlross nicht am vermuteten Ort. Das geplante große Dampflokfest in Rheinsheim fällt nun deutlich kleiner aus: Die Bürgergemeinschaft im Philippsburger Ortsteil erwartet unter anderem zwei „Jäger der versunkenen Lok“, die den Eisenbahnschatz aus der früheren Maschinenfabrik Kessler seit Jahrzehnten suchen. Eine Dampflok aus der Nachfolgefirma rollt dagegen noch immer: Die Dampfnostalgie Karlsruhe unterhält mit der 58 311 die einzige noch fahrbereite Güterzuglok dieser Bauart. Sie wurde 1921 in der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe gefertigt.

Schmuckstück der Dampfnostalgie ist fast 100 Jahre alt

Wenn Heiko Waiß mit seiner Lady vorfährt, erntet er stets Bewunderung. Die Menschen bleiben stehen, zücken das Smartphone für ein Erinnerungsfoto und winken freundlich. Kein Wunder: Die schwergewichtige Lady ist nicht zu übersehen und erst recht nicht zu überhören. Das Schmuckstück ist fast 100 Jahre alt und nicht nur deshalb eine Rarität: Die einstige Güterzuglok ist die einzige noch fahrbereite der Baureihe 58.

Made in Karlsruhe: Die betagte Güterzuglok der Dampfnostalgie Karlsruhe wurde 1921 in der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe hergestellt.
Made in Karlsruhe: Die betagte Güterzuglok der Dampfnostalgie Karlsruhe wurde 1921 in der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe hergestellt. | Foto: Bernd Kamleitner

Unter der Fabriknummer 2153 wurde die Lok vom Typ G 12 im Jahr 1921 von der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe gebaut – dem Nachfolger der Fabrik von Emil Keßler, in der 1852 die im Rhein versunkene Dampflok hergestellt wurde.

Angeheizt wird ein Tag vor der Fahrt

Einfach mal so losfahren, das geht mit der Lok 58 311 und mit einer Dampflok generell nicht. „Wir heizen einen Tag vorher an und checken alles durch, damit wir am Fahrtag störungsfrei unterwegs sein können“, erzählt der Landmaschinenmechaniker aus einem kleinen Ort bei Reutlingen in Baden-Württemberg.

Eisenbahnfreunde hegen die Lok seit dem Jahr 1984

Hat die Lady mit 1 540 PS etwa Mucken? Waiß winkt ab. Das hat sie nicht: „Die ist schon relativ zuverlässig!“ Dafür sorgen auch die vielen ehrenamtlichen Helfer der Dampfnostalgie Karlsruhe, eine Sektion der Ulmer Eisenbahnfreunde (UEF). Die hatten die G 12 im Jahr 1984 vom Dampflokmuseum in Neuenmarkt-Wirsberg in Bayern übernommen. Dort war sie als nicht-betriebsfähiges Ausstellungsstück zu bewundern. Ein baugleiches Exemplar steht zudem im Eisenbahnmuseum in Chemitz-Hilbertsdorf, ist aber seit dem Jahr 1976 außer Betrieb.

Heiko Waiß im Führerstand der Dampflok aus dem jahr 1921.
Heiko Waiß im Führerstand der Dampflok aus dem jahr 1921. | Foto: Bernd Kamleitner

Dank Dampflokführern wie Heiko Waiß zieht die betagte Lady inzwischen bei Sonderfahrten in Deutschland, Frankreich und der Schweiz immer wieder die Blicke von Eisenbahnfans auf sich. „Es ist ein sehr schönes Gefühl, dass sich die Leute so freuen, wenn sie uns mit der Dampflok sehen“, erzählt der Lokführer, der in seiner Freizeit gerne schraubt. Das handwerkliche Arbeiten beim Instandhalten des betagten Dampfrosses hat es ihm angetan: „Man kann was, was nicht jeder kann!“

Hier ist alles Handarbeit

Wenn er im Hauptjob Traktoren, Mähdrescher, Rasenmäher und Motorsägen repariert, spielt die Elektronik bei den Geräten eine immer größere Rolle. Bei der Dampflok sind andere Qualitäten gefragt: „Hier ist alles Handarbeit“, beschreibt der Schwabe den Reiz, der von der Arbeit im Führerstand der badischen Lok ausgeht.

Die badische G12 58311 ist eine Rarität. Sie ist die einzige fahrtüchtige Dampflok ihrer Bauart.
Die badische G12 58311 ist eine Rarität. Sie ist die einzige fahrtüchtige Dampflok ihrer Bauart. | Foto: Bernd Kamleitner

Dort kann es übrigens im Sommer richtig heiß und im Winter bitterkalt werden. „Ich sage immer: Hier ist es fünf Grad wärmer wie draußen. Bei minus 20 Grad sind es dann auch noch minus 15 Grad.“

Lokführer und Heizer sind eingespieltes Team

Den Traum vom Dampflokführer hat sich Waiß nach einer Ausbildung zum Heizer erfüllt. „Dann fährt man einige Jahre als Heizer mit und macht den Eisenbahnführerschein – wie die ganz normalen Lokführerkollegen. Dann kann man den Dampflokführerschein machen.“ Lokführer und Heizer sind ein eingespieltes Team. Der Kollege macht quasi das Feuer und den Dampf, schaut aber auch auf die Strecke. „Der Heizer ist das zweite Auge des Lokführers“, bemerkt Waiß.

Immer genug Wasser im Kessel

Für ihn waren Dampfloks schon als Kleinkind etwas ganz Besonderes: „Das war die Krach-Eisenbahn, weil sie so laut war“, erzählt er schmunzelnd. Heute hofft der leidenschaftliche Eisenbahnfan, dass seine Lok immer genug Wasser im Kessel hat, wie es unter den Kollegen im Fachjargon heißt – und ausreichend Kohle im Tender.

Weitere Sonderfahrten in der Region

Wer ein wenig Einblick in die Materie hat, kann es leicht nachempfinden: Langeweile kommt bei der Dampflokinstandhaltung keine auf. „Da stecken sehr viel Geld, eine immense Wartung und Pflege und sehr, sehr viele Mann-Stunden drin“, betont Waiß. Er und seine Kollegen bei der Dampfnostalgie Karlsruhe und vielen anderen Eisenbahnclubs leisten diese Stunden ehrenamtlich – in ihrer Freizeit.

Beliebtes Fotomotiv: Die Dampflok der Dampnostalgie Karlsruhe, einer Sektion der Ulmer Eisenbahnfreunde.
Beliebtes Fotomotiv: Die Dampflok der Dampnostalgie Karlsruhe, einer Sektion der Ulmer Eisenbahnfreunde. | Foto: Bernd Kamleitner

Ohne dieses Engagement würde wohl keine Dampflok mehr fahren. Am 28. Oktober rollt der Dampfzug von Karlsruhe nach Bad Herrenalb. Am 2. Dezember fährt die 58 311 von Rastatt ins Murgtal, am 8. und 9. Dezember geht es von Ettlingen aus ins Albtal.

Veranstaltungstipps:  Im Bürgerhaus der Gemeinde Philippsburg-Rheinsheim wird am Sonntag, 21. Oktober, von 14 bis 18 Uhr  mit Lok-Brot und -Pralinen an den Eisenbahnschatz im Rhein erinnert. Die Bürgergemeinschaft erwartet zudem mit Mario Schmiedicke und Volker Jenderny zwei vorerst gescheiterte, aber engagierte „Jäger der versunkenen Lok“. Auf der anderen Rheinseite, im Zeughaus Germersheim, feiern die Modellbahnfreunde  ebenfalls an diesem Sonntag von 14 bis 18 Uhr ein Fest. Sie zeigen unter anderem ein Modell einer alten Lok, das der im Rhein versunkenen ähnelt.